Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1875-09-15 · Heft 37 (15.9.1875) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 37 (15.9.1875)
Date
1875-09-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447603-2447630--11770-2467568
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

831 in das liebliche Murgthal. Die Säle sind mit Bildern geschmückt, welche Scenen aus der Geschichte des mit dem Badischen Fürstenhause verschwägerten Grafengeschlechts darstellen. Ein Graf Eberstein wurde im Bauernkriege mit seiner Gemahlin von den aufständischen Bauern gelobtet. Die gräßlichste und schmählichste Unterdrückung hatte die unglücklichen Bauern zur Empörung getrieben. Die Juden aber, die Leidensgenossen der Bauern während des Mittelalters, haben sich nie empört, haben nie.r.als ihren Peinigern mit gleicher Münze vergolten. Heute früh zeigte mir ein Glaubensgenosse aus Osthofen in Elsaß ein Dokument vom Jahre 1763. ES war zur Kenntniß der Behörde gelangt, daß die Juden von Osthofen die unerhörte Frechheit gehabt, Aecker zu kaufen. Die Käufe wurden für null und nichtig erklärt, harte Strafen wurden für Wiederholungsfälle angedroht. Das Dokument ist in deutscher Sprache abgefaßt, die angefügte Ausfertigung in französischer Sprache „im Namen Sr Majestät des Königs von Frankreich". Dreißig Jahre später emancipirte der Convent die Juden vollständig , und die Ideen der großen französischen Revolution wirkten nachhaltig für ganz Europa. Es ist daher den französischen Israeliten nicht zu verdenken, wenn sie Frankreich lieben und den jüngsten Krieg und seine Folgen tief beklagen; doch darf dieser Patriotismus nicht die Rechte und Gefühle Anderer verletzen.. So waren wir gestern Zeugen einer höchst peinlichen Scene. Zu einer aus Worms gebürtigen und seit fast einem Vierteljahrhundert in Straßburg verheirateten Dame kömmt eine andere Straßburgerin, die für Frankreich optirt hat und seitdem in Paris wohnt. „Ah, Frau S., „sagt die Neu - Pariserin in französischer Sprache, „Sie sind in Straßburg geblieben! Freilich, Sie freuen sich der Veränderung, Sie sind ja eine Deutsche!" „Nicht doch, Frau B.," antwortete die Andere höflich. „Auch ich liebe Frankreich; da aber Gott die Geschicke der Völker so gelenkt hat, wie es gekommen — was kann ich daran ändern?" „Aber Ihr Sohn dient als Einjährig - Freiwilliger dem Könige von Preußen! Das ist erbärmlich! (pittoyable.)" Frau S. wurde schneeweiß; doch faßte sie sich und antwortete ruhig: „Es ist Unrecht, Madame, daß Sie aus Ihrem Patriotismus solch ein Wesen machen; ich glaube nicht, daß Sie aus politischen Gründen Straßburg verlassen haben. Da Sie ein Erziehungs-Institut halten, und der deutschen Sprache wenig mächtig sind, so war Neudeutschland kein passender Boden mehr für Sie." Jetzt war die Reihe sich zu ärgern an der Neupariserin. Es folgte eine wahrhafte Fluth von Worten, so schnell, so reißend, daß ich den Sinn der sich überstürzenden französischen Redensarten nicht zu erfassen vermochte. So peinlich die Scene war, so war sie doch in gewisser Beziehung wohlthuend. Man sieht, daß die Juden in Frankreich Franzosen, in Deutschland Deutsche sind. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten & Corresponderrzerr. Oesterr. - Ungarische Monarchie. Batteian (Mähren). 31. Aug. Den verflossenen id.u roc7 waren es 25 Jahre, daß unser allverehrter Rabbiner, Herr Simon Frankenstein, den hiestgeu Rabbinatsposten angetreten. Dieser Tag wurde für uns zu einem Fasttag. Die Synagoge war prachtvoll geschmückt, und einige Festreden wurden gehalten. Der Jubilar wurde seitens der Gemeinde sehr beschenkt, ein Beweis, daß er sich die Liebe seiner Gemeindemitglied' zu eruier» ben gewußt hat. Herr Rabbiner Fr. ließ unter den Armen ohne Unterschied der Confession beträchtliche Spenden vertheilen und gab auch der von ihm begründeten „Talmud-Thora" einen größern Betrag. Frankreich. Paris. „Monatsbericht (Juli und August) der „All. Jsr. Univ." Die Israeliten von Rußland. — Wie man dem C.-Comitä meldet, hat der Generalgouverneur von Kiew, Podolien und Wolhynien, in welchen Provinzen der größte Theil der russischen Israeliten wohnt, neulich ein Circular erlassen, worin er die Verleumdungen, welche über die Haltung der Juden gegenüber dem neuen Militärgesetz verbreitet sind, entkräftet; „der Generalgouverneur," heißt eS in diesem Erlaß, „hofft, daß die Israeliten der genannten Provinzen, welche bei der letzten Rekrutirung so viel Eifer in der Erfüllung ihrer Pflichten gezeigt haben, sich ebenso bemühen werden, die vorzunehmenden Revisionen rc. rc. zu erleichtern." Die Israeliten der Türkei. — Auch die Israeliten von Kustendil, einer bedeutenden Stadt in Bulgarien, sind von der gehässigen Blutanklage betroffen worden. Vor etwa zwei Monaten verschwand ein Kind von 7 bis 8 Jahren; Bulgaren behaupteten, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.