Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1875-09-01 · Heft 35 (1.9.1875) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 35 (1.9.1875)
Date
1875-09-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447603-2447628--11719-2467515
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

786 schwer betonend: Joseph und ich waren gestern Nacht im Convictfaale. Eleonore lächelte, ich zuckte zusammen — diese Ruhe hatte ich nicht erwartet." — „Wir, Josef und ich, waren gestern ungesehen im Convictfaale .... Hören Sie, Leonore; wiederholte ich." „Ich verstehe Sie nicht," entgegnete Eleonore, „was wollen Sie mir damit sagen?" „Waren Sie niemals im Convictsaal?" frug ich ironisch." „O! ja, mehrmals," antwortete sie unbefangen, mich mit einem erstaunten Blicke betrachtend . . . „einmal bei Tschugmals Automaten mit Onkel Franke, bei HolteiS Vorlesung mit der Frau Doktor, und auch einigemal bei Concerten . - . „Davon ist nicht die Rede," fuhr ich barsch fort, „aber Sie waren gestern nach Mitternacht in Begleitung eines wildfremden Menschen auf dem Balle im Convictsaale . . . ' „Was soll der kindische Scherz? frug Leonore noch immer unbefangen, jedoch mich befremdet anblickend." „Es ist kein Scherz, es ist bitterer furchtbarer Ernst, sprach ich." „Die Wirkung meiner Worte war außerordentlich, ich erkannte das bescheidene liebenswürdige, schüchterne Lorchen nicht, sie starrte mich wie ein Gespenst an; sie preßte beide Hände auf ihre Schläfen." „Mein Herr, rief sie mit eine Stimme, die mir noch heute im Ohr gellt.Sie sprechen mit der Braut Ihres Bruders.wenn Sie nicht wahnsinnig sind, werden Sie diese lächerliche Behauptung sofort widerrufen .... sofort auf der Stelle!" „Ich widerrufe nicht.Josef und ich, wir Beide haben Sie dort gesehen." „Josef glaubt mich dort gesehen zu haben? . . . . glaubt ich wäre mit einem fremden Manne auf einen Ball gegangen? frug Eleonore." „Ja" entgegnete ich. „Gut." Sie schellte, ein Dienstmädchen trat ein. „Laufen Sie zu Ebers hinüber, ich lasse Josef von Eberstein bitten, sich sofort zu mir zu bemühen, . . . . sofort! hören Sie? .... eilen Sie, schnell! befahl Lorchen." „Mein Bruder Josef wird nicht kommen, rief ich." „Er wird kommen, sprach sie bestimmt, warten Sie, bis er erscheint." „Sie trat ans Fenster, ergriff eine angefaagene Stickerei und versuchte — wiewohl vergeblich, sich mit dieser zu beschäftigen. Ich starrte düster vor mich hin, erwartend, das Mädchen würde eine abschlägige Antwort meines Bruders bringen; aber zu meinem namenlosen Erstaunen erschien dieser selbst, er war bleich und aufgeregt." „Josef, sprach Eleonore, ohne ihm eine Sekunde Zeit zu gönnen, das Wort zu ergreifen. Dein Bruder erzählt. Du behauptest, mich gestern Abend auf einem Balle gesehen zu haben, ist das wahr? antworte!" „Ich habe Dich gesehen, mit diesen meinen leiblichen Augen gesehen!" „Du hast mich nicht gesehen; kannst mich nicht gesehen haben, fuhr Eleonore mit steigender Erregung fort, — aber wenn auch Dein Äuge mich gesehen, Dein Ohr meine Stimme gehört — wenn tausend Zeugen meine Anwesenheit mit lausend Eiden beschworen hätten — Dein Herz hätte Dir mit laurer Stimme zurufen müssen: Es ist Lug, es ist Blendwerk. . . daß Du aber lügenhaftem Geschwätze, boshaften Menschen glaubst, daß Du annimmst, daß ich — Eleonore Borbe^z, die Tochter meiner Eltern — Jacob Frankes Nichte — eine solche Nichtswürdigkeit begehen kann, beweist mir, daß Du mich nie geliebt .... ich vertheidige mich nicht.es ist zu Ende zwischen mir und Dir — und wenn Du Ewigkeiten vor mir knietest und meine Füße mit Thranen benetztest — das könnte ich Dir nie vergeben — um meiner edlen Eltern willen nicht, die im Grabe schlummern .... Gehen Sie, Herr von Eberstein — der Vorwand, ihr Verhaltniß zu einem armen Mädchen zu lösen, ist zu plump erfunden .... es ist zu schlecht! — ah! ... . das ist eine Niederträchtigkeit! — je mehr ich Sie geliebt und geachtet hatte, um so fürchterlicher ist jetzt die Enttäuschung . . . . gehen Sie! — in diesem Leben sehe ich Sie nie wieder!" „Ehe wir es verhindern, ja ehe wir einen Gedanken fassen konnten, war sie in das anstoßende Zimmer geflohen, wir hörten einen Riegel vorschieben. Josef war entsetzlich bleich geworden. Wenn ich sie nur nicht mit meinen eigenen Augen gesehen hätte! murmelte er — und, fuhr Robert mit einem tiefen Seufzer fort, daß ich da rathlos geschwiegen, daß ich nicht Alles aufgeboten, eine Erklärung zu ermöglichen, das ist eine Last, die noch heute meine Seele schmerzlich bedrückt . . . ." „Erzähle weiter, weiter, Onkel!" rief Heinrich in höchster Spannung. „Wir klopften an ihre Zimmerthüre, wir warteten vergeblich zwei Stunden, wir wankten nach Hause." „Und Eleonore Vorberg?" Eleonore Vorberg hat Wort gehalten, wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.