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Der Israelit · 1875-08-18 · Heft 33 (18.8.1875) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 33 (18.8.1875)
Date
1875-08-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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743 vorzugsweise — liebten es, bei solchen Gelegenheiten ihre Schlagfertigkeit und talmudische Belesenheit ins beste Licht zu stellen. Das interessirte auch den am Kampfe unbetheiligten Zuhörer — und er konnte diesen raschen Gedankenaustausch, der von der Kanzel in den Zuhörerraum, und vice versa in geflügelten Worten hin und her schwirrte, endlos lang, mit unvermindertem Dehngen anhören. Es scheint dies unbegreiflich. . . . aber die Liebe zum Talmudstudium, die Ehrfurcht und Achtung vor dem Talmudgelehrten ließen all' dies im eigenthümlichsten, reizvollsten Lichte erscheinen. Ein unwissender aber sehr frommer Mann war, nachdem er einen ihm gänzlich unverständlichen dreistündigen Vortrag des Prager Rafs angehört hatte schweißtriefend nach Hause gekommen; bei dem entsetzlichen Gedränge war ihm überdies ein Rockschoß abgerissen worden .... aber was lag an allen diesen Opfern? Hatte er doch den Rebbe gehört, und sein Gesicht strahlte förmlich vor Vergnügen. „Wie war dieDroscho?" frug die Frau, denn auch Frauen nahmen an Derartigem Antheil. „Was ist das für Schaile?" 13) gegenfrug der Mann halb entrüstet, „e Gewure, n) kannst Dir's denken!" „Was hat der Rebbe gesagt? kannst Du m'r gar nichts nacherzählen? .... etwas Mussar^) Tochoche."13) „Ah!" entgegnete der Mann, die Achsel zuckend, „was kann Dir'einfallen! Wer kann den Rebbe — hundert Jahre soll er von heute an gesund und glücklich leben — massig fein!?14) ich öffer15) nicht .... kein Wort Hab' ich ihn verstanden, den Chosid l16) ... . aber peli wehafli17) ist es doch gewesen! — das kannst Du m'r glauben!" Das Talmudstudium wurde in Prag mit großem Eifer und vieler Liebe betrieben. Nicht nur fast jedes „Prager Kind" aus besserem Hause besucht den Schiur,1S) sondern es lebten in Prag eine große Zahl fremder Bachurim, aus Böhmen, Mähren, Ungarn und Deutschland. Viele derselben waren reich, aber die meisten waren aus Unterstützungen, die ihnen auch gerne von den Gemeindemitgliedern geboten wurden, angewiesen. Jeder, dessen Verhältnisse es irgend gestatteten, gab gerne 10) ^ragc. 11) kräftig. kernig prackwoft 12) Moral. 16) Belehrung. 14) aufsasscu können. Id) wahrhaftig. 16) den würdigen, frommen. 17) wunderbar schön. 18) Talmudlehrvor.äge. einem Bachur einige Kosttage in der Woche, ja es gab Wohlhabende, die täglich vier, fünf Talmudjünger zu ihren Tischgästen zählen. Wer nicht selbst ein Lamdan13) war, rechnete es sich zur hohen Ehre, einen solchen als Hausrebbe 20) oder als Verwandten zu besitzen, ihn unterstützen, an hohen Feiertagen besuchen zu dürfen. Der Ehrgeiz, der sich naturgemäß in der Regel in jeder Menschenbrust, mehr oder weniger, entwickelt, war bei den Prager Juden durch die sonderbaren Verhältnisse in eigenthümliche Bahnen gelenkt worden. Er konnte damals keine Rolle in der großen Welt spielen, er war ausschlußlos in seinen eigenen Kreis gebannt, und mußte sich dort ein Ziel für seinen Ehrgeiz suchen. Wer kein Lamdan war, konnte nur durch besonders gutes Benehmen, hohe Frömmigkeit, Wohlthätigkeit, Beschäftigen mit Gemeinde- und Synagogen-Angelegenheiten zur Geltung gelangen. Es gab eine wohlgegliederte Gemeindebeamlen- Hierarchie. Wenn wir von dem Rabbiner absehen, war der kaiserlich königliche Steuer - Director der erste Mann der böhmischen und Prager Judenschaft. Er war damals der einzige Mensch jüdischen Glaubens, der die Stellung eines kaiserlichen Beamten einnahm. Dem folgten im Range die Prager Roschekoholsleute (Gemeindevorsteher), an diese schlossen sich im Range die sogenannten Stadtgaboim (Stadtverwalter) an, es waren dies die Spitalvorsteher, welche auch die Armenpflege versahen, es über sich hatten, die durchreisenden Fremden zu verpflegen und zu betheilen, mit einem Worte die Mitglieder jenes Comitö's, das man jetzt mit dem Namen Wohlthätigkeits - Commission bezeichnen würde, dann folgten die Vorsteher des Bethamidrafch (Lehrhaus für arme Kinder). Ohngefähr auf gleicher Höhe der Stufenleiter der Gemeindewürde standen auch die Vorsteher der Chewra Kadischa (Beerdigungsbrüderschaft). Die neun großen Synagogen und die zahllosen kleinen Schulen und Betstuben hatten jede ihren autonomen Vorstand, und so konnten in der guten uralten Gemeinde Prags eine Menge Personen ihren mäßigen Ehrgeiz in bescheidener Weise befriedigen. Damit soll aber durchaus nicht gesagt sein, daß nicht der bei weitem größere Theil derGemeindesunctionäre sein Amt nur aus Liebe zur guten Sache — leschem schomajim21) — ausübte. So standen im Allgemeinen die Dinge in Prag zu jener Zeit , aus welcher wir den Lesern eine Reihe von Bildern Vorführer wollen. _ (Fortsetzung folgt.) 19) Talmudist. 20 ) Hausrabbiucr. 21) O'ott zu ehrcu.

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