Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1875)
- Date
- 1875-05-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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430 „Ich will Dich erheben, o Gott, denn Du hast mich emporgezogen und hast meinen Feind nicht über mich triumphiren lassen." (Psalm 30.) Warum wohl schreiben die Weisen die Rettung vom Untergange zu Hamanns Zeiten dem Omer- Gebote zu? Die Antwort auf diese Frage ist einfach. Das Omer-Gebot ist ein solches, dessen Ausführung sich an das heilige Land und an den Bestand des Tempels knüpfte. Als Israel zum ersten Male aus seinem Lande vertrieben worden war, da machte sich bei Vielen die Ansicht geltend, daß mit der Zerstörung des heiligen Tempels und mit dem Verluste des heiligen Landes auck das Volk seiner Pflichten gegen Gott ledig sei und Gottes Gebote nicht mehr zu beobachten brauche. Um dieser verderblichen Ansicht willen, der Viele die praktische Ausführung folgen ließen, hatte Gott dem Feinde Macht über sie verliehen. Von vollständiger Ausrottung bedroht, thaten sie aufrichtig Buße D'irV? i’K-i ptp. Als sie nun mitten in der größten Gefahr sich versammelten, nicht um Pläne zu schmieden, wie dem drohenden Verderben entgegen zu treten sei, sondern um in heiliger Andacht des Festopfers des Tages zu gedenken, wie es einst im Tempel zu Jerusalem dargebracht wurde und dem Vortrage Mvrdechai's darüber zuzuhören, da bewiesen sie thatsächlich, daß sie Gottes Gebote noch für verbindlich erachteten, selbst diejenigen, deren factische Erfüllung ihnen war unmöglich geworden und die sie nur noch durch das Gedenken und durch das Studium ihrer Art und Weise zur Geltung zu bringen vermochten. Mordechai lehrte am zweiten Tage des Peßachfestes die Vorschriften der Omer-Bringung, nicht etwa aus einem historischen Interesse, auch nicht um der wehmuthsvollen Erinnerung willen, sondern deßhalb, weil in ihm die Ueberzeugung lebte, daß Israel in die alte Heimath zurückkehren und das Haus unseres Gottes wieder erbauen würde. Deßhalb war es nothwendig, die Gesetze und Vorschriften über das Omer lebendig zu erhalten, damit das in das Land der Väter zurückkehrende Geschlecht sie praktisch wieder in Anwendung zu bringen vermöchte. Und diese Ueberzeugung ward gerechtfertigt: Israel ward aus der drohenden Gefahr errettet und es erhielt auch später die Erlaubniß zur Rückkehr in das heilige Land und zum Wiederaufbau des Gotteshauses, in dem dann alljährlich daS Omer dargebracht wurde. In den angeführten Thatsachen liegt auch für uns eine große Lehre. Israel ist nicht eher verloren, bis es sich selbst aufgibt, und es gibt sich auf, sobald es mit seiner großen Vergangenheit bricht und auf seine erhabene Zukunft verzichtet; sobald es sich nicht mehr gebunden glaubt an Gottes heilige Gebote und nicht mehr hofft auf die Wie- I derherstellung seiner großen nationalen und reli- » giösen Jdee. Roch lauern die Nachkommen Amaleks I und die Nacheiftrer Homan's überall unter allen I Völkern, unter allen Parteien, in allen Ländern I auf den günstigen Moment, um gegen Israel den I vernichtenden Schlag zu führen. Wir aber, wir > haben keinen andern Schutz und keine andere Hilfe, I als den Schutz und die Hilfe unserer Gottes. » Solange wir Seine Gebote beobachten, solange I wir uns als Sein Volk wissen, das Er einst fam- » meln wird von allen Enden der Erde, um uns I zurückzuführen in das Land unserer Väter zu un- I ferm eigenen Heile und zum Heile der gesammten > Menschheit, solange wird kein Amalekiter und kein I Nacheiferer Haman's Gewalt über uns haben. I Deßhalb wollen wir, jedesmal, wann wir das I ■ Omer zählen, unserer großen Vergangenheit und > unsrer erhabenen Zukunft gedenken, wollen uns I i kräftigen in dem Gedanken, daß Gott uns nicht > j losgelassen und uns nicht verlassen, daß wir sind I ' und bleiben Sein erwähltes Volk, daß wir uns » ' würdig machen müssen Seiner Hilfe und Seines I Schutzes durch die Erfüllung Seiner heiligen Ge- I ' bote und daß unser innigster Wunsch stets ist:!' ncipob ttnpcn rva miay n« nun’ wn jemn. I * „Der Allbarmherzige möge wieder einführen >! den Dienst des Heiligthums in der Gottesstadt I} Jerusalem." (Fortsetzung folgt.) I Nrligioissmhrit uud orthodorcs Iude»thum.D - |f Wien, 2. Sflai. li Je Liefere Furchen die neuzeitliche Bewegung »2 auf jüd.-religiösem Gebiete zieht und je festere»^ Formen die Gegensätze im Schooße der Judenheit»^ einnehmen, desto befremdender sind für den ersten ■ £ Augenblick die Erscheinungen, die uns aus dem»^ Kampfesgewühle entgegentreten. An der Spitzels dieser nicht jedem erklärlichen Erscheinungen steht das Faktum, daß die orthodoxe Judenheit allent-W halben die „Religionsfreiheit" auf ihre Fahne ge-I? schrieben und für die Verwirklichung dieses Prin->!' zips mit möglichstem Nachdrucke einsteht. »ß „Die Religionsfreiheit und orthodoxes Juden->^ Lhum!" — Diese beiden Begriffe galten gemeinhin»!' als incompatibel und so Manchem wollte es bis»? auf den heutigen Tag nicht gelingen, dieselben inV vollem Einklänge mit einander zu erfassen. Man»d erblickte blos Fakten, ohne auch die Motiven der-» selben zu erkennen, und ist es in der That auch», kein Wunder, wenn der Eine oder der Andere durchW