Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1875)
- Date
- 1875-03-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447603-2447616--11430-2467214- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
289 30,000, von denen je 10,000 auf die Bekenner des Muhamedanismus, des Juden- und Christenthums kommen. Die Juden trennten sich in zwei scharf geschiedene Parteien, in dieser Sephardim oder Spanischen Juden, welche zu Zeiten der Verfolgungen aus Spanien auswanderten und über Marokko, Tunis und Aegypten nach Palästina zogen, und in die Aschkenasim oder deutschen Juden, welche aus Rußland, Galizien, Deutschland und Holland stammen; diese stehen meist unter europäischem Schutz. Die Christen theilen sich bekanntlich ebenfalls in Parteien, die nicht selten mit wenig Liebenswürdigkeit sich behandeln. Es sind zunächst die Griechen, welche ein eigenes Patriarchat haben, sehr großen Besitz ihr eigen nennen und-von bedeutendem Einfluß sind, da sie zumeist den Boden bearbeiten. Ihre Kirchen und Schulen sind über das ganze Land verbreitet. Nach ihnen kommen die Armenier, welche ebenfalls ein eigenes Patriarchat haben und denen sich noch einige andere orientalische Secten, wie Kopten, Syrier, Abessynier ic. anschließen. Die Lateiner oder römisch-katholischen Christen besitzen ebenfalls nicht geringen Einfluß, der namentlich durch ihre zahlreichen Wohlthätigkeitsanstalten begründet wurde. Die Protestanten sind erst seit einigen Jahrzehnten dort angesiedelt; ihre Wohlthätigkeitsanstalten erfreuen sich des besten Rufes. Heute ist Jerusalem ohne Gefahren zu erreichen. Der Fanatismus der Muhamedaner ist nicht wehr gefährlich und die Straße von Jaffa nach der heiligen Stadt in einem leidlichen Zustande. In fünf Tagen ist man heute von Triest oder Marseille ans in Jaffa und, wenn man reitet, von da aus in 12 Stunden in Jerusalem. Von hier aus, also von Nordwesten kommend, bietet die Stadt keinen imposanten Anblick dar. Man stößt auf einige zerstreut herumliegende Landhäuser, dann werden einzelne Kuppeln der russischen Kathedrale sichtbar und hinter diesen zackige Mauern mit Dachspitzen — die Stadt senkt sich nämlich von dieser Seite aus ins Thal hinab. Großartig, insbesondere beim Sonnenaufgang, ist jedoch der Anblick der Stadt vom Oelberge aus, oder wenn man von Osten her kommt. Groß ist die Stadt nicht, sie ist mit unserm Altberlin zu vergleichen, in einer Stunde kann man rings um die Stadtmauer sie nmgehen. Die Zahl unserer Landsleute daselbst ist groß, überall trifft man auf Deutsche, mit denen man in der Muttersprache reden kann. Sie befinden sich meist in wohlhabenden Verhältnissen und haben Einfluß. In ganz Palästina d. h. in den Gebieten von Akka, Samaria und Jerusalem giebt es nur 1300 Deutsche — in der Stadt Jerusalem selbst giebt er 600 und trotzdem machen sie sich bemerklich; freilich rechnet man die anderen Deutschredenden Elemente hinzu, wie die Aschkenasischen Juden, die Oesterreicher und die Araber, welche in deutschen Anstalten erzogen werden, so kommen 11—12% der Gesammtbevölkerung heraus: Im Durchschnitt kommen jetzt jährlich 200 deutsche Familien nach Palästina, die vornehmlich aus religiösen Gründen dorr Aufenthalt nehmen. Sie find Kaufleute, Ackerbauer, Handwerker und stehen wie die Lehrer, Geistlichen und Aerzte mit den Wohlthatigkeits-Anstalten in Verbindung. Es ist außer allem Zweifel, daß bei allen Bewohnern in Jerusalem der religiöse Charakter vorherrscht; man muß sich aber in diesen finden, will man daselbst ausharren. Jrn Allgemeinen hat man ein gewisses Vorurtheil gegen Wohlthätigkeits-Anstalten, welche mit Missions-Stationen in Verbindung stehen. Das Diaconiffen-Hospital wird von Kaiserswerth aus erhalten; das Waisenhaus, das aus einer Abtheilung für Knaben und einer für Mädchen besteht, erzieht und gewährt den hilfS- und elternlosen Kindern Unterricht; eine ähnliche Anstalt existirt zu Bethlehem und wird von Berlin aus unterhalten. Das Kinderhospital deS Großherzogs von Mecklenburg stiftet nicht minder sein Gutes. Im Johanniterhospiz erhalten Reisende gegen sehr mäßige Entschädigung Pflege, arme Handwerker 14 Tage lang unentgeltliche Verpflegung. Was die politischen Zustande betrifft, so ist man häufig der Meinung, eS sei dort unter Türkischer Herrschaft sehr schwer zu leben. ES ist dies falsch. Die Moslems find durchaus nicht so fanatisch, als man glaubt. In Jerusalem sind sie überhaupt weit erträglicher wegen deS Einflusses der Mächte, unter deren Schutz die christlichen Bewohner stehen. Die Deutschen speciell stehen unter ihrer heimischen Regierung, sind frei von Steuern und Militärdienst, zahlen nur geringe Zölle und ihre Anstalten erfreuen sich Privilegien, wie sie bei uns Türkischen Anstalten nie gewährt werden würden. Die Streitigkeiten der Deutschen untereinander schlichtet der Consul. Hat ein Deutscher mit einem Türkischen Unterthan einen Proceß, so kommt die Sache zwar vor den Türkischen Richter» doch wird zu den Verhandlungen ein Consulatsbeamter beigezogen, der das Urtheil unterzeichnen muß, soll eS in Kraft treten. Im Vergleiche zu seiner ehemaligen Blüthe ist das Land freilich heruntergekommen, allein in den letzten 20 Jahren ist wieder/ namentlich was die Bebauung betrifft, ein großer Fortschritt zu constatiren.