Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1875)
- Date
- 1875-02-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oede und Trauer und Leblosigkeit deutlicher ausgeprägt , als in dem Theile des TibernferS, der sich von der Brücke des Fabricius, der tiberinifchen Insel gegenüber und gegenüber TranStevere, nach dem Pons Aurelius hinzieht. Dieser Stadttheil steigt schutzlos bis an das schlammige Wasser hinab. Er hat die engsten Straßen, die finstersten Häuser und den ärgsten Schmutz. Und doch bewahrt er in seinem' duukeln Schoße das älteste Alterthum, das, allen Wechsel überdauernd, allem Tode trotzend, sich lein Leben bewahrte unter dem Auge von Thronen, von Tempeln und Palästen, unter Blut und Brand, unter dem Drucke und Hohn des wildesten Fanatismus; das einerlebenden Mumie gleich einherwandelt, und wie Ahasver über Gräber und Leichen, den Tod verlachend, schreitet; das noch leben wird, auch wenn die stolze Peterskuppel stürzen müßte: das ist die römische Judengemeinde. Und dies hier ist der Ghetto. Diese stille, unscheinbare Gemeinde ist in der That das älteste Alterihuw, das Rom aufzuwcisen hat, älter selbst, wenn wir an seine Heimath denken, als die Mauerreste des ServiuS TulliuS, und ihm gebührt, daß wir ihm eine stille Stunde widmen. Lange, bevor wir als Kinder mit den Helden der römischen Geschichte bekannt wurden, wandelten wir unter den Palmen von Sichern, gingen wir von Jerusalem hinan nach Jericho, und lernten wir mit treuem Fleiße die Lieder des gottbegeisterten Sängers, die er in dem goldenen Hause zu Jerusalem auf dem Psalter von zehn Saiten erklingen ließ. Der Gott Jakobs war auch unser, der Christenkinder Gott, und sein Volk war nnser Volk geworden, seine Leiden die unserigen. Wie fest sehen sich solche Jugendeindrücke! Kein Wunder daher, vaß wir noch heute volle Theilnahme für dieses Volk hegen und, mehr als diese, nach einer Seite hin volle Bewunderrmg ihm entgegenbringen! Oder wo ist rin Volksstamm, wo ein Glaube, der unter lausend Leiden, unter Jammer und Trübsal, in den Staub getreten, verflucht und fast vernichtet oft, in einem ewigen Martyrium lebend, den Thieren des Feldes gleichgestellt, Weib und Kind und Vater verlor, seine Habe den Winden preisgegeben sah, nur Eines nicht preisgab: die Hoffnung! Wo ist ein anderer Glaube so mächtig? Die Hoffnung der Verheißung hielt sie wach: sie weinten, sie weinten, aber sie hofften! Langsam und trübe schlichen die Jahre, die Jahrhunderte, die Jahrtausende dahin, nie kam rer Trost. and der Messias kam nicht. Aber an stdcm Passahseste, am Vorabend des fünfzehnten Tages im ersten Mond, der da gefeiert wird zur Erlösung aus Aegyptens Knechtschaft, ertönen aus des Hausvaters Munde die feierlichen Worte der Hagada: „Siehe, das ist die Kost, die unsere Vater in Aegypten genossen! Jeglicher, den es hungert. er komme und genieße! Jeglicher, der da traurig, er komme und theile unsere Passahfreude. Gegenwärtigen Jahres feiern wir hier das Fest, aber zum kommenden Jahre im Lande Israel! Gegenwärtigen Jahres feiern wir es noch als Knechte. aber zum kommenden Jahre als Söhne der Freiheit! ' So tönt der Trost der Hoffnung, deren dürftigen Knospen kein Erlösungsfrühling kam. Die Wogen des Tiber rollten gleichgiltig in'S Meer, Schmutz und Elend häufte» sich in den winkeligen Ufergüßchen, welche von Haß und Habgier umlauert wurden — und „das auserwählte Volk, das Volk des Eigenthums," lebte, lebte. — Mit blutigem Griffel, Scham imAngesicht, schrieb die Geschichte auf die Marmorsäuleu Noms auch die Geschichte der Juden, dort können wir sie Nachlesen vom stolzen Titusbogen an bis zu den Porticus der Octavia: die Geschichte der Schmach und Schändung. Welche Leiden! Welcher Titanenkampf im lautlosen Widerstand voll Trotz und Demuth gegen die Könige und Götter dieser Welt! Welche wüste Strecke mühseligster Völkerwanderung von dem babylonischen Exil bis auf die neue Zeit! Wir sehen den wüsten AntiochuS EpiphaneS, der ihnen den olympischen Jupiter im Tempel errichtet, mit Frechheit den alten Gott verhöhnend — Tbränen und Herzeleid! ES kommt die erhabene, schwcrtcrdurchklirrte Zeit deS Judas Makkabi und der jüdischen Heroen — Blut und Grausamkeit! PompejuS erobert die heilige Stadt und die römische Toga rauscht am Altäre Gottes- MarcuS LiciniuS plündert mit räuberischer Hand den Tempel — dann die entscheidenden Tage deS harten TituS: Jerusalem fallt, und Israel wird heimathlos, aber voll finstern Trotzes zur Sclaverei in die italienische Fremde geführt. Bei dem Trirrmphzuge, der dem Ende deS tausendjährigen Reiches folgte, wo das olympische Heidenihum sein Siegesfeft feiert, wurde die letzte Hoffnung, der kühne Führer und Gottesstreiter, Simon Bar Giora, im mamertinischen Gefängnisse, am Fuße des Tempels des Jupiter Capitolinus, erwürgt, und dann zu ewiger Schande der Bogen deS TituS errichtet. (Schluß folgt.)