Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1875)
- Date
- 1875-01-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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72 Rabbi, daß Ihr den Fluch von mir nehmt — nicht länger kann ich's tragen. Geh* auf der Straße ich. so schaut man scheu und furchtsam mich an, und nahe ich einem Freunde, strecke ihm die Hand zum Willkomm, zur Begrüßung entgegen — dann läuft er vor mir fort, als wäre ich ein Gespenst. Der Vater meiner Braut — der Aron Eisik — er sperrt vor mir sein Haus, läßt mich nicht ein — der kleinste, kleinste Knabe auf der Straße — erblickt er mich, sucht er noch einem Häufchen Koth, um mir — verdammt — um mir ihn in's Angesicht zu schleudern. Seit Ihr den Bann über mich verhängt, rch finde nicht Ruh', nicht Rast. Drum bin ich hier, um Euch zu bitten — nehmt diesen Fluch von mir. Und nutzet meine Bitte nicht, so fordere ich's mit Gewalt. Nehmt diesen Fluch von mir! Nicht früher, bis Du durch Reue und Buße, die man Dir auferlegt, Dich als gebessert zeigest, nicht früher als Du diese Jrrthümer abschwörst, die Deine Seele gefangen haben. O! nehmt den Fluch von mir, Rabbi, nehmt ihn von mir, denn — böse Saat trägt böse Früchte. Du drohst, Du willst den starren Sinn mcht beugen, willst nicht Buße thun? ' Nein, nein, ich will es nicht — ich will nicht Buße thun. Ich will aber auch nicht länger Schande und Hohn mit mir herumschleppen — ich will nicht länger von der ganzen Gemeinde gleich einem wilden Thiere gehetzt werden. Hört Ihr, Rabbi, ich will es nicht. Ich fürchte Deine Drohung nicht. Was kannst Du mir anhaben? Ich spotte Eurer Macht, Rabbi, ich will's Euch zeigen, daß Ihr ohnmächtig seid gegen mich! — Und mit wüthender Geberde zog Ephraim Manasfe ein Messer und stürzte sich auf den Rabbi. Rasch öffnete der Rabbi die Thüren des heiligen Schrein's, mit beiden Händen ergreift er die Thorarolle und hält sie dem Wüthenden entgegen. Grollet Gott? Wendet er ab sein Angesicht von dieser Schreckensscene? — Die leuchtende rosige Morgenröthe — sie war plötzlich entschwunden und nur die Lampe, die vor der Thora hing, verbreitete schwaches Licht in dem jetzt fast finsteren Raume des Gotteshauses. Bei diesem Heiligthume beschwöre ich Dich — laß ab von Deinem verbreckerischen Beginnen, rief der Rabbi mit kräftiger Stimme und hielt die Thora hoch empor. Umsonst! — Ephraim will dem Rabbi die Thora-Rolle entreißen, doch ein Theil derselben bleibt in de» Rabbi Händen. Sieh' dieses Heiligthum, wie es Dich schützt^ thörichter Mann, schrie Ephraim wüthend, während er daS Stück, welches er dem Rabbi entrissen hatte, zu Boden schleuderte Noch einmal Rabbi, noch einmal, zum letzte» Male — nimm' diesen Fluch von mir! Niemals! — Der Fluch, den ich gesprochen — er soll zur Wahrheit werden. So möge Gott, so möge diese Thora, die Du so sehr vertheidiget hast, sie beide sollen Dich schützen, wenn sie's vermögen, schrie Ephraim — ein Schlag, und prasselnd stürzte die Lampe, welche vor der Thora gehangen, zu Boden. DaS Licht war erloschen. Finsterniß herrschte in dem Raume des Bethauses. Da — mit einemmal ertönte ein fürchterlicher Schmerzensschrei — ein dumpfer Fall — dann folgt lautlose Ruhe.- Wehe! Wehe! rufen sie Alle, die sich im Bethause versammelten, um das Gebet zu verrichten. Bor der Thora -- auf den Stufen, welche zur heiligen Lade führe», liegt der Rabbi Moses Hirsch röchelnd, während aus einer großen Brustwunde Blut strömt. Seine Hand umklammerte krampfhaft ein Stück des Sepher und drückte eS mit Gewalt auf dis Wunde, während der andere Theil, von Fußtritten beschmutzt, mit Blut übcrströmt, am Boden lag. Was war hier geschehen? Das Gotteshaus war von elenden Mörderhänden entweiht worden, freventlich geschändet — durch einen Mord, — das Heiligthum, das Sepher, es lag zerrissen, mit Füßen getreten am Boden — und der Rabbi, der von Allen geliebte, verehrte Rabbi — ermordet. Rache — Rache —wehe — wehe— so schreien sie Alle — verflucht soll er sein, der Mörder, auf ewig. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beila-em Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le rrorrx'schen Hosbuchhan I. GottSleben's Buchdruckerei (Mainzer Anz<izer).