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Der Israelit · 1875-01-13 · Heft 2 (13.1.1875) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 2 (13.1.1875)
Date
1875-01-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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27 Feuilleton. Schuld «ud Jühar. Erzählung aus dunkler Zeit von Ad. v. Zemlinsky. 5. Der Fluch. Kurze Zeit war nur verstrichen, und Ephraim Manasse erschien im Bethause. Ihr Herren ließet mich rufen, sagte er mit fester Stimme, ich leistete Euerer Aufforderung Folge. Was ist's für wichtige Sache — womit kann ich dienen? Auskunft sollst Du uns geben, ob wahr, was wir vernommen. Angeklagt bist Du und stehst hier vor Deinen Richtern; nicht um zu fragen, sondern nur um Dich zu vertheidigen — vorausgesetzt, daß diese Vertheidigung Dir möglich ist. Sieh diese Schrift, fagte der Vorsitzende, sie klagt Dich an der Leugnung Gottes und der Echtheit der jüdischen Gesetze. — Ist Dein Verbrechen erwiesen, dann wehe Dir, nach Thora und Talmud wollen wir Dich richten, in voller Gesetzesstrenge — denn sonst — ein böses Beispiel steckt schnell an, und Israel muß vor solchen Menschen bewahrt bleiben, gleich demUnkraute müssen sie ausJuda's Boden gejätet werden. Sprecht, Rabbi Moses Hirsch! Ihr habt die Schrift uns übergeben; was habt Ihr gegen Ephraim Manasse , der hier vor uns steht, vorzubringen? Nicht Vieles habe ich zu sagen, doch dieses Wenige, cs weiset Euch den Frevel in feiner nackten Klarheit. Der hier vor uns steht, ist nicht Ephraim Manasse der Jude — es ist ein Anderer — schaut ihn an, Ihr Herren — er ist gleich dem Aacher, von dem die Weisen uns erzählen. Gleich dem Aacher? fragte Ephraim, ich verstehe Euch nicht, weiser Rabbi. Was wollt Ihr damit sagen? Bist Du so wenig Jude schon, daß Du die Bedeutung dieses Wortes nicht kennst, dessen Sil>p Dir doch der kleinste Knabe unserer Gemeinde deuten kann. — Du weißt es nicht, wer der Aacher war — und kennst den Talmud doch! Wer der Aacher war, ich weiß es wohl, sagte Ephraim stolz, obwohl ich an seine Existenz niemals glaubte, und deßhalb bedarf es auch der Unterweisung kleiner Knaben nicht, um mich hierüber zu belehren. — Ganz recht, Herr Rabbi, den Talmud habe ich studirt — und wehe mir, daß ich eS that. — Den Aacher fand ich dort — doch fand ich auch so manche Stelle — die plötzlich — mit blendender Klarheit mir Aufklärung schaffte, doch nicht für, sondern gegen so manche Lehre des Talmuds. Im Talmud habe ich studirt, weil ich mußte, weil mir von dessen Inhalt nichts ahnte. Weil ich glaubte, daraus Licht schöpfen zu können. Doch nicht Licht, nur Finsterniß, nur Verderben fand ich darin. Wehe Dir, Du lästerst, Du frevelst, schrie Moses Hirsch. Bist Du vom Wahnsinn plötzlich denn befallen? Den Talmud willst beschimpfen Du, den Talmud, der da ist das Licht, die Leuchte für Israels Söhne in alle Ewigkeit? In alle Ewigkeit, höhnte Ephraim, in alle Ewigkeit, meint Ihr, weiser Rabbi?! — Ein Hauch — ein leiser Luftzug genügt — um ihn, Euren vielgepriesenen Talmud, zu vernichten. — Was ist er denn?! — Den Talmud haben Menschen geschrieben — ob diese Menschen fromme, heilige, gottbegeisterte Männer waren oder nicht — einerlei! Menschenhand hat dieses Werk vollbracht und Menschenhand kann's wiederum zerstören. Du bist ein Gottesleugner. Ich bin ein Jude, doch glaube ich nicht an Alles, was man mich gelehrt hat. — Ich glaube nur an das, worüber meine Sinne sich nicht empören. Ihr habt's gewollt, Ihr Herren, mein Glaubensbekenntniß habt Ihr gehört. Was wollt Ihr nun? Schweigend hatten sich die Anwesenden von ihren Sitzen erhoben und ihr Gesicht abgewandt von diesem Frevler. Du fragst, was wir noch wollen, begann Rabbi Moses Hirsch, ich will Dir's sagen im Namen Gottes, den Du geschmäht — im Namen seines auserwählten Volkes, das Du verleugnet. Wenn Du den Talmud, den Du nach Deiner Art beurtheilst, wenn Du diesen Talmud kennst, — so wirst Du auch eine Stelle darin gefunden haben, die da lautet: Und wer in Wort — in Schrift oder durch die That — Aergerniß gibt, — wetzen Standes oder Stammes er auch ist, — er sei verflucht und ausgestoßen aus jeder Gemeinschaft der Söhne Israels — und darum — sei auch Du verflucht!

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