Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1872)
- Date
- 1872-11-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1006 sehr entbehrlicher Luxus und in edler Fürsorge für das Seelenheil der Gemeinde hatte ein weiser Vorstand nichts Eiligeres zu thun, als sich durch Aufhebung des dortigen Rabbinatssitzes zu verewigen. Böse Gemüther meinten zwar, das Vermögen der Gemeindevorsteher und ihrer meisten Pflegebefohlenen würden durch npns geben und ähnliche Gemeinnützigkeiten so wenig angegriffen und der Pensionsgehalt, den fie der Wittwe des verstorbenen Rabbiners und ihren unerwachsenen Kindern ausgesetzt, sei ein so unanständig geringer, daß der finanzielle Bestand der Gemeinde nicht erschüttert worden wäre, wenn man dem Drängen der Flehinger, einen eigenen Rabbiner zu berufen, Folge gegeben hätte. Hatt^ ja ohne dies der im Geldsparen unermüdliche Vorstand in rührender Aufopferung für das Wohl seiner Gemeinde vor circa 4 Jahren die Auflösung der jüdischen Ele^ mentarschule und die Abdankung des Elementarlehrers, eines bejahrten Gemeindebeamten, decretirt. Doch im Bewußtsein der edeln That unterließ trotz alledem der höchst fürsorgliche Vorstand oie Wiederbesetzung und schloß fich dem Rabbinate Bruchsal an. Wir sind weit entfernt, die anerkannten Fähigkeiten und religiöse Gesinnungstüchtigkeit des dortigen Rabbiners Schleßinger in Zweifel zu ziehen. Aber die Pflicht, wenn irgend möglich den religiösen Mittelpunkt, den geistigen Führer auch weiter an unsere Gemeinde zu fesseln, die Rücksicht auf die Gemeindemitglieder, welche abweichend von den Ansichten des Vorstandes noch einiges Bedürfniß nach religiöser Belehrung empfanden, auch wohl noch nr.vtp paßkennen zu lassen für nöthig batten, die Aufforderungen der so lange mit Bretten vereinigten Flehinger Gemeinde, welche durch die Lostrennung der Letzteren außer Stande ist, einen eigenen Rabbiner anzustellen, hätte einen skrupulöseren Vorstand vielleicht dazu vermocht, auch auf die Jnterressen derer Rücksicht zu nehme", deren Religion und jüdisches Leben höher als Geldcoupvns stehen. Welche Früchte die religiöse Zerfahrenheit seit dem Tode des Rabbiners schon getragen, lehrt folgende verbürgte Thatsache, die uns von einem Ohrenzeugen mitgetheilt wurde. An der war eine Stufe z rbrochen, so daß eine Person beim Besuche sich nicht unerheblich verletzte. A s hierauf der Vorsteher von einer Dame aufgefordert wurde, es doch wieder revariren zu lassen, erklärte er, der.wp-2-Besuch sei etwas, das vor zweihundert Jahren in Mode gewesen sei, heute aber werde er sich hüten, dafür Geld herzugeben. Die Frau hat, glaube ich, zu erwiedern vergessen, daß wohl vor zweihundert Jahren so -pflichtg treue Vorsteher „Mode gewesen" sein mögen, die rücksichtslos genug waren, ihre Gewissenlosigkeit auch ihren Gemeindemitgliedern aufzwängen zu woUeu, daß aber heutzutage die Gemeinde sich selbst genug brandmarkt, deren „Auserlesene" es wagen dürfen, solche Brutalitäten zur Schau zu tragen. Wer die fortwährenden Zänkereien, oenen die jüdischen Gemeindebeamten preisgegeben sind, kennt, wundert sich nicht, daß der jüdische Religionslehrer, ein sehr fleißiger und gewissenhafter junger Mann, der in seinen freien Stunden auch noch den Religionsunterricht der Nachbargemeinde Diedelsheim, ertheilte, wegen dieser Frevelthat von den mißgünstigen Gemeindemitgliedern chikanirt wird. Weiß man doch, daß gewisse Leute, welche keine Kinder haben, auch die natürlich auf Gemeindekosten erhaltene Religionsschule aufgehoben sehen möchten, und zu diesen Leuten, welche keine Kinder haben, gehört — unser erster Vorsteher. Hmc illao locrimae. Unser Rabbinatsstuhl ist verwaist, unsere Religionsschule, die h.ilige Erziehungsstätte unserer Kinder, ist vom Untergang bedroht, unsere heiligen Einrichtungen, werden verhöhnt, nur eins bleilll uns zu unserem Heile: — unser Vorsteher. Berlin. Bei dem herrschenden Mangel an Unterosfiziren geschieht Alles, um wenigstens die fünf Unteroffizirschulen in Potsdam, Jülich, Biebrich, Weißenfels und Ettlingen zu füllen. Neuerdings har sogar der Cultus minister sich an sämmtliche Consistorien gewandt, weil, wie er diesen mittheilt, die Geistlichen von Eltern und Vormündern um Auskunft über die Aufnahmebedingungen, unter denen junge Lente zu den Unter-- ofsizirschulen Zutritt erhalten, gebeten werden. Die Geistlichen seien indeß nur ausnahmsweise mit jenen Bedingungen bekannt, „dieselben würden aber", fährt der Mini er fort, „voraussichtlich in jedem Falle gern zu einer weiteren Orientirung beigetragen haben, da es auch in ihrem Interesse lirgt, den ihrer seelsorgerischen Obhut anvertrauten jungen Leuten, zu einer die spätere Lebensstellung sichernden, ehrenvollen Existenz zu verhelfen" Hiernächst werden den Geistlichen Druckexemplare der bekannten, vom Kriegsmi-'iste'ium aufgestellten Aufnahmebedingungen mit dem Bemerken mitgetheil, daß die hiesige Jnspection der Jnfanterieschulen jede fernere Auskunft ertheilt. Merkwürdig ist es übrigens, daß trotz des Reichsgesetzes vom 3. April 1869 nur Evangelische und Katholiken ausgenommen, Juden und Dissidenten also ausgeschlossen werden, weil der Taufschein ein Requisit der Aufnahme ist. Mecklenburg-Schwerin, 35. Nov. Der Landtag ist am 13. in Malchin in üblicher Weise