Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1872)
- Date
- 1872-11-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ständmß des darin herrschenden Unverstandes, ohne Gefühl für die grenzenlose Geschmacklosigkeit, ohne Bewußtsein, ohne Scham! Welche große - Geister sind doch Deine Reformer, Israel! Nehmen wir ein anderes Heft zur Hand. Wir finden auf dem Titel: „Deutsche Gebete und Lieder rc." Wer mag der Verfasser derselben fern? Vielleicht Herr Rabbiner Dr. Perles selber? Vielleicht die Deutsch- Gebete-Fabrikantin Frau Fanni Neuda? Wir wissen es nicht; aber das wissen wir, daß diese deutschen Gebete und Lieder, die an die Stelle unserer erhabenen hebräischen Gebete treten sollen, von Geschmacklosigkeiten, Taktlosigkeiten, häßlichen, undeutschen Ausdrücken, falschen Bildern und grammatischen Fehlern strotzen! Ihr armen Münchener Israeliten! Merkt Ihr denn nicht, wie Ihr betrogen werdet % Man nimmt Euch das echte, reine Gold unserer Liturgie und gibt Euch — Tombac! Geben wir eine kleine Blumenlese. In dem ersten Gebete (für Neujahr) steht zu lesen, daß die Münchener dem lieben Gott Etwas „anvertrauen" möchten! Dann steht darin, daß Gott den Gedanken hört, noch ehe ihn die Münchener in Worte fassen!! Wie dumm!! Herr vr. Perles soll es einmal probiren, einen noch nicht in Worte gefaßten Gedanken hörbar zu machen. Ein noch rucht in Worte gefaßter Gedanke rft an und für sich ein Unding, da man ohne Worte bekanntlich nicht denken kann. Fühlen, empfinden kann man ohne Worte, aber denken? Herr I)r. P. soll's einmal probiren, wenn er überhaupt denkt. Nach diesem Geistes(?)producte zu urtheilen, scheint das allerdings nicht der Fall zu sein. Und nun gar einen noch nicht in Worte gefaßten Gedanken „hören"! Was doch diese Reformer dem lieben Gott Alles zumuthen! In demselben Gebete beten die Münchener um Leben und Gesundheit, Fruchtbarkeit und Fülle (!!), Heiterkeit und Frohsinn rc. Nun, für die Fülle wird das gute bayerische Bier, wird das Hofbräuhaus schon sorgen. Sonderbar, in unserer Zeit, wo die Bantink- Kur, die mager machen soll, im Schwange ist, beten die Münchener um Fülle — und um Fruchtbarkeit!!! Dann „empfehlen" sie dem lieben Gott, „was wir lieben"! Von ganz sinnlosen Redefloskeln, wie „Segne Dein göttlich Wort an uns!" wimmelt das Heftchen. Wir möchten wissen, was die Münchener Herren und Damen darunter verstehen. Von falschen, schlechtgebildeten Ausdrücken, wie „ Selbstmäßigung ", wollen wir schweigen. Das folgende Gebet, Nr. 2, wird nach der ir-nay gesagt. Daß man zwischen den rojrpn nicht p’oso sein darf, was kümmert das Herrn Perles und Genossen % Dagegen bitten die Münchener darin, daß sie „Bereiter" werden. Wie, wenn nun Gott ihnen die in Nr. 1 erflehte „Fülle" gleich sendete, so würde' doch das beim Berufe eines Bereiters sehr hinderlich sein! Aber wirklich, Bereiters FreMch, wer Deutsch versteht, .der kann das Work „ Bereiter " nicht anders auffassen, als einen solchen, der Pferde zureitet. Aber höre, lieber Leser, und staune; es solloas Wort den Comparativ von „bereit" bezeichnen, einen Comparativ, der gar nicht existirt. „Laß uns bereiter werden, das Wohl der Brüder und Schwestern zu fördern!" Schön gesagt. Nr. 3 fängt an: „Gott unßMott,. uno fährt fort: „Wo gibt es ein Wort) das'-an Deine hehre Unvergleichlichkeit heranreichte?" „Deine Unvergleichlichkeit" — welch eine Ausdrucksweise! Und nun gar „hehre Unvergleichlichkeit"! „Hehr" heißt soviel wie milde, lind. Paßt dies Eigenschaftswort zu diesem Hauptworte? Um Allem die Krone aufzusetzen, kömmt noch „her an reichte" hinzu, während es „hin an reichte" heißen muß. Zugleich wird Gott „unserer Lippen Lehrer" genannt. Gibt es etwas Unsinnigeres? Man vergleiche damit das Hebräische nrisn »ne® ‘i, „mögest Du, o Herr, meine Lippen öffnen!" Das hat Sinn-; das ist logisch gedacht. Aber ein Lippen-Lehrer? In Nr. 4 wird Gott dafür gedankt, „daß D u Dich völlig mit uns ausgeglichen!" (am Schlüsse des Versöhnungstages nämlich). „Das Bekenntniß, auf welchem sie sterben wollen!!" * In Nr. 5 wird Gott ersucht, „dem Leibe Frische zu geben!" „Du hast uns einen warmen kräftigen Sommer geschenkt!!" In Nr. 6 heißt es: „Du. Haft die Erde den Menschenkindern gegeben, Du wirst auch deren Mutterschoo ß öffnen!" Eben so grammatisch, wie logisch und fein. In Nr. 7 lesen wir: „Laß Deinen Segen ergießen" statt sich ergießen. In Nr. 8 wird gebetet, „daß unter seinem Schatten erblühen (sio) möge . . ' . Wie geistreich! Unterm Schatten — wo ist denn das? Und noch gar erblühen! Selbst im Schatten blüht nichts; die Sonne ist's ja, die die Blüthe fördert. In derselben Nummer „soll geistige Erkenntniß umschlingen". Ausgezeichnet schön gesagt!!! Schade, daß es nicht möglich ist. Schließen wir für heute mit der Schlußformel: „Darauf sprechen wir Alle: Amen!" In der nächsten Nummer' wollen wir s. G. w. die Reformen beleuchten, die „unte.r dein Schat te.n d es Herrn Perles erblühen". 1; (Fortsetzung folgt.)