Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1872)
- Date
- 1872-11-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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951 nach seinen Worten, sondern auch nach seinen Thaten zu handeln. Die Adath Jisroel hat diese Tage ihr von der Bischofstraße in die Neue Friedrichstraße 29 verlegt, vorläufig jedoch nur in ein provisorisches Local, da die von Herrn vr. Sternheim erbaute Synagoge, welche die Adath Jisroöl gemiethet hat, noch nicht vollendet ist. Die Rcligionsschule, deren Leistungen ganz vorzüglich sind und allgemeine Anerkennung finden, hat für das Wintersemester einen großen Zuwachs erhalten, und noch immer kommen neue Aumeldungen, der sicherste Beweis, daß wieder neues Leben und ein frischer Sinn sür den echt jüdischen Unterricht erwacht. — Die Facnltät hat sich wieder einmal durch einen ihrer Jünger gründlich blamirt. Derselbe war für s"'i n"n in Stettin engagirt, um in einem Locale, wo auch Gottesdienst abgehalten wurde, zu predigen. Aus seiner Reise dorthin ließ sich der vielversprechende junge Prediger, wahrscheinlich aus Kurzsichtigkeit und abgestumpften Geruchs- und Geschmacksorganen, einsallen, in einer Bahnhofsrestauration eine Tasse Bouillon für Kaffee zu betrachten und zu trinken. So nämlich behauptet er selbst. Unglücklicherweise sah dies ein Stettiner, und, wie es scheint, mit schärferen Augen, da er, als der junge Prediger am ersten Tag wahrscheinlich sehr salbungsvoll über den Ernst und die Heiligkeit des Tages, über das strenge Gericht, das an diesem Tage geübt wird, sich ausließ, vielleicht auch seiner Begeisterung fiir's Judenthum Ausdruck verlieh, den Vorsteher davon in Kenntniß setzte, daß eben dieser Prediger Bouillon in der Bahnhofsreftauration getrunken habe. Man kann sich denken, daß diese Entdeckung für beide Parteien höchst unangenehm war. Die Folge war, daß man den Herrn Prediger ersuchte, seine Zukunftsreden eingepackt zu lassen und ihm die Erlaubniß gab, sofort wieder dorthin zu reisen, wo er hergekommen. Dieser bat nun, man möchte doch keinen Lärnr darüber und ihn nicht unglücklich machen; aber die geschwätzige Fama verkündete laut die Mähr vom — Apfel, der nicht weit vom Stamme fällt. Und so ist heute, wenn man von der Facultät spricht, allgemein das Stichwort: „Kaffee oder Bouillon V So fällte diese Anstalt von Tag zu Tag mehr der Lächerlichkeit, diesen: vernichtendsten aller Urtheile, anheim und sicher hat das Horaz'sche „parturiunt montes“ kaum jemals so genau gepaßt wie bei diesem so hochtrabend angekündigten Institute, und wohl sehr selten ist auch das „ lächerliche Mäuschen" rascher geboren worden. Berlin. Wie die Zeitungen berichten, soll Herr Stadtrath Meier Magnus zum Mitgliede des Herrenhauses ernannt werden. Ein gewaltiger Fortschritt auf dem Gebiete der Gleichberechtigung. Die Junkerpariei wird freilich eine bitterböse Miene dazu machen, einen Juden auf gleiche Stufe mit ihnen gestellt zu sehen. Es ist das eben eine für diese Partei traurige Erfahrung neben den vielen andern, die sie seit den letzten großen Ereignissen hat machen müssen, daß eben die Welt nicht ausschließlich auf ihren Schultern ruht und der Unterschied zwischen „blauem" und gewöhnlich rotheM Blute in dem großen Kriege mit Frankreich, wo Ströme desselben vergossen wurden und wo beide Farben in einander flössen, völlig aufgchört hat. Es scheint, daß inan endlich auch iti Preußen allmählich den confessionellen Unterschied fallen läßt, und das Verdienst, wo es sich findet, anerkennt. Als Neuigkeit habe ich Ihnen noch zu belichten, daß Herr Rabbiner Dr. Hildesheimer von Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser als Anerkennung seiner Leistungen während der Kriegszeit mit der Verdienstmedaille überrascht wurde. Wer die rastlose Thätigkeit, wo es gilt Gutes zu thun, und dabei die große Bescheidenheit dieses Mannes kennt, dem wird es sicherlich eine Genugthuung sein, daß dieses anspruchslose aber so segensreiche Wirken auch an Höchster Stelle die verdiente Aufmerksamkeit auf sich gezogen, ein Beweis, wie man Hohen Ortes jedes Verdienst belohnt wissen will. Qstrowo. Die durch die Zeitungen gehende Notiz von dem Anerbieten der Kaiserin Auguste, die' Hinterlassenen der in der Synagoge zu Ostrowo Verunglückten zu versorgen, ist nicht ganz richtig. Der Sachverhalt ist folgender: Ihre Majestät d:e Kaiserin frug telegraphisch bei dem hiesigen Magistrat an, wie viel Hilfsbedürftige nach den in der dortigen Synagoge verunglückten Müttern zurückgeblieben sind. Hierauf sandte nach erhaltener Antwort Ihre Majestät als Beihilfe für die zr: Unterstützenden hundert Thaler, die bereits vom Magistrat dem Hilfs-Comitö überwiesen wurden. O e ft e r r. - U n g a r. Mw n a r ch i e. Wien. Seit einigen Tagen wird in betrffenden Kreisen eine turbulente Scene, die in der letzten Sitzung des Vorstandes der israel. Cultusgemeinde stattfand, vielfach besprochen. Obwohl von den Mitgliedern des Vorstandes beschlossen wurde, über diesen Vorfall keine Kenntniß in die Oeffentlichkeit dringen zu lassen, blieb die Angelegenheit doch kein Geheimniß, und wir glauben auch, daß die Oeffentlichkeit ein Recht hat, dieselbe zu erörtern. Es handelt sich um Folgendes: Vor vier Jahren hat bekanntlich der Freiherr Anselm v. Rothschild dem Cultusvorstande eröffnet, daß er zur Erinnerung an seinen Vater, den Freiherrn Salomon, ein Spital gründen werde. Der damalige Vorstand, Baron Jonas Königswarter, nannte diese Widmung sofort „ein Danaergeschenk", falls der Stifter sich nicht herbeilassett würde, auch das Spital entsprechend zu fundiren, ba. die Erhaltungskosten der Anstalt eine schwere Last für ie Gemeinde bilden würden. Es fanden sich aber sofort