Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 42-43 (16.10.1872)
- Date
- 1872-10-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447551-2447593--10960-2466723- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
894 einen Gelehrten auszugeben? Wahrlich, Du verdienest harte Strafe." „„Herr"", entgegnete Abner zitternd, „„es ist nicht meine Schuld, daß ich Euch zu täuschen wagte; Chaijim, der Oheim meiner Braut, hat mir geboten, nur keck zu antworten, da Ihr ja doch Nichts vom Talmud verständet."" „Wenn dem so ist", entgegnete der Fürst, „so will ich Dir die Strafe erlassen. Die Tochter Samsons kannst Du aber nur dann Heirathen, wenn Du Dich entschließen könntest, fünf Jahre lang keinerlei Geschäfte zu treiben, sondern Dich ausschließlich dem Studium des Talmud hinzugeben'" ,,„O gnädigster Herr, ich. keine Geschäfte treiben, lediglich studiren? Ach, wenn Ihr wüßtet, wie schwer es mir geworden, nur hebräisch lesen zu lernen! Nein, gnädiger Herr, lieber verzichte ich aur die Braut, ehe ich eine solche Bedingung eingehe. Es gibt noch Mädchen genug, die sich glücklich schätzen würden, den reicher: Abner heirathen zu dürfen!"" „So gehe und sende die Frau Samsons und deren Tochter hierher." Die Kunde, die Abner den im Hause Chaijims versammelten Hochzeitsgästen brachte, war für diese ungemein aufregend; daß es mit der Hochzeit Nichts war, fiel für sie noch weniger ins Gewicht, als daß ihnen Abner erzählte, welch ein großer Talmudkenner der neue Fürst sei und welche schwierige talmndische Fragen — für Abner waren sie schwierig genug — er ihm vorgelegt habe. Dinah aber und ihre Tochter begaben sich in gespannter Erwartung aufs Schloß. Als sie gemeldet wurden, befahl der Fürst, die Braut zuerst hereinzuführen, die Mutter aber solle so lauge im Vorzimmer warten. „Es schmerzt Dich wohl mein Kind", redete der Fürst das vor ihm stehende junge Mädchen an, „daß Du nicht Hochzeit halten darfst und daß Dir der reiche Bräutigam entgehen wird?,, „„Gott segne Euch, hoher Herr"", entgegnete Zaire, während ihre Augen sich mit Thränen füllten. „„Schon habe ich vernommen, daß Ihr beschlossen habt, den Juden von Couch Gutes zu thun. Daß Ihr mich aber von dem verhaßten Ehebund bewahret, das möge Euch Gott ganz besonders lohnen."" „Da Du aber doch einmal heirathen mußt, so werde ich Dir den Bräutigam bestimmen." „„Verzeiht, hoher Herr, Eurer geringen Magd, wenn ich mich erkühne, Euch zu sagen, daß der Jüngling, den mein Vater für mich bestimmt hat, auch der Erwählte meines Herzens ist.""» „Und wie ist der Name dieses Jünglings?" „„Er ist ein Schüler meines Vaters, Jizchak, der Aschkenasi, heißt er."" „Gut, ich werde sehen, was ich für Dich thun kann, rufe Deine Mutter herein." Dinah trat herein. „Gute Frau", redete der Fürst sie an. Aber beim Tone dieser Stimme stieß Dinah einen lauten Schrei aus. „Samson", rief sie, „Du bift's und kein Anderer, das ist meines Gatten Stimme!" Da nahm der Fürst den Helm vom Haupt und mit ihm das Visir. Ja, er wars, Rabbi Samson, den der König zur Belohnung der vielen großen Dienste, die er ihm geleistet, zum Fürsten von Coucy ernannt hatte. Was nun folgte, zu beschreiben, ist unsere Feder zu schwach. Wer drückte wohl in Worten das höchste Entzücken des Menschenherzens aus? Für Zaire jedoch gab es noch eine mindestens ebenso freudige Ueberraschung, als der jugendliche Begleiter des Fürsten zu ihr herantrat und sie in ihm Jizchak, den Aschkenaji, den Erwählten ihres Herzens erblickte. Daß die Hochzeit der Beiden nicht lange nachher in Freude, Pracht und Jubel gefeiert wurde,' brauchen wir wohl nicht erst zu sagen. Lange noch lebte Rabbi Samion vergnügt mit den Seinen, ein Vater seiner Unterthanen, ein Helfer den Armen, ein Schiitzer den Bedrängten. Chaijim vollte schier vor Scham vergehen, als sein Bruder ihm ob seiner treulosen Handlungsweise Vorwürfe machte. Die Strafe, die er verdient hatte, erließ ihm zwar der Fürst; allein der Schrecken und die Angst, die er ausgestanden, warfen ihn aufs Krankenlager, von dem er nicht wieder aufstand. Rabbi Samson ward der Wittwe und den Kindern seines Bruders ein liebereicher Vater und Beschützer. Zaire folgte ihrem Gatten, der als Rabbiner nach Wien berufen wurde, dorthin. Rabbi Jizchak Aschkenasi wurde einer der größten Männer Israels; sein großes Werk Or serua ist eines der ausgezeichnetsten Erzeugnisse der talmudischen Literatur. Dankbar erinnerte sich der Fürst von Coucy der armen Israeliten von Mogador; er sandte ihnen ein Schiff, beladen mit Gold, Silber und anderen Kostbarkeiten. Ueber die Regierungsgeschäfte vergaß Rabbi Samson des geliebten Talmudstudiums nicht; in den Tofsafoth wird '^po -usn „der Fürst von Coucy" oft und rühmlich erwähnt. Nach dem Tode Rabbi Samsons ging die fürstliche Würde nicht auf seinen Sohn über; die Nachfolger des König Richards waren den Juden nicht so freundlich gesinnt, daß sie die Gnade, welche der löwenherzige König für einen Sohn Jakobs gehabt, auf dessen Nachkommen übertragen hätten. Aber die Krone der Gotteslehre, die ja kostbarer ist, als alle Fürstenkronen der Welt, blieb bei den Nachkommen des Fürsten von Coucy heimisch. —