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Der Israelit · 1872-10-09 · Heft 41 (9.10.1872) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 41 (9.10.1872)
Date
1872-10-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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666 Volksgeist in dem Sprichworte offenbart: Nicht wiederthun ist die beste Buße. Daher ruft uns der Prophet zu: jnn ^nn, „Höret auf im Bösesthun"; er sagt nicht z/iv did, gehet dem Bösen aus dem Wege, da er ja zu des verwahrlosten Sohnes Besserung mahnt; er sagt jnn ^“in, höret auf das Böse zu thun, das ihr ehedem schon gethan und dessen Reiz ihr schon gekostet habt. — Wer diesen ernsten Vorsatz in den Tagen der Rückkehr und der Buße faßt und ihn zur Ausführung zu bringen entschlossen ist, an dem werden die heiligen Tage nicht spurlos vorübergehen. Ach, die Lust am Bösen wohnt in des Menschen Brust! Wir wollen nur einige der Neigungen zum Schlimmen, die so Vielen anhaften, erwähnen. Wie Viele gibt es doch, deren Herz vor Freude schlägt bei dem Schaden, den ein Mitmensch erleidet, wie Viele freuen sich, den zu Schaden Gekommenen zu verhöhnen und zu verspotten, wie Viele finden einen Genuß in der Beschämung des Nächsten und in der eigenen Ueberhebung, wie Viele finden Freude daran, die Fehler und Gebrechen ihrer Mitmenschen zum Gegenstände der Unterhaltung zu machen! Und all dieses sündige Thun ist so gering geachtet in den Augen der Menschen, und wenn man es in den Tagen der Buße unterläßt, so wird man, sobald sie vorüber, in die alte üble Gewohnheit zurückfallcn. Daher ruft uns der Prophet zu: jnrt i^nn, „beginnt mit diesen Tagen der Rückkehr ein neues Leben und brechet mit der Vergangenheit, indem ihr die Neigung zum Bösen derart unterdrückt, daß ihr niemals in sie zurückfallet!" Das beste Mittel, die bösen Gewohnheiten abzulegen, besteht darin, an das Gute, Edle und Schöne sich zu gewöhnen, ddp, „lernet Gutes thun". Nachdem der Erzieher den seiner Obhut Ucbergebcuen von dem Bösen nach Kräften entfernt hat, besteht seine Aufgabe darin, daß sein Zögling den Werth des Lebens in das Schaffen, Fördern und Erhalten setze. Der gemeine Mensch sieht in jedem Mitmenschen einen Feind, in jedem Wesen ein Mittel für seine selbstsüchtigen Zwecke; der edle Mensch sieht in jedem Mitmenschen seinen Bruder und sucht allüberall fördernd und nutzbringend einzuwirken, ddm lernet Gutes thun! Es ist das eine Kunst, die erlernt werden muß, es ist die Freude am Schaffen, Freude am Erhalten, die eingeprägt und entwickelt werden muß. Die Erfüllung eines Gottesgebotes zieht die andere nach sich, ,tsd rrn a msa. Niemand wird auf einmal die höchste Stufe der Vollendung ersteigen; dies ist vielmehr die letzte Sprosse einer steilen, hohen Leiter, die man mühevoll erklimmen muß. Versucht es nur, 3L>*n nc6, lernet das Gute thun, suchet die Gelegenheit dazu auf, bemühet euch, jeden Anlaß zu einer guten That, der sich euch bietet, rasch und freudig zu benutzen und das edle Werk voll lobenswerthen Eifers zu vollbringen! „Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken," und was ehedem schwierig, ja unmöglich schien, wird euch künfttg gar leicht werden. Und diese Gewöhnung an das Gute, sie bannet die Neigung zum Bösen am besten. Niemand geht von Extrem zu Extrem über, j/»nn mn wvs D’pnsn tnu, „Es wird nicht ruhen die Zuchtruthe des Frevels auf dem Loose des Frommen". Wenn einmal die Lust am Bösen geschwunden und die Freude am Guten eingekehrt ist, dann lernt das Herz vorurheilsfrei denken und räumt jedem Geschöpfe den ihm gebührenden Standpunkt ein. Das ist der Gesichtspunkt des Rechts, udcpd nam, „erforschet das Recht". Daß das Recht, daß nur das Recht herrschen sott und darf, das muß der Erzieher dem Königssohne, dem künftigen König zum vollen Bewußtsein bringen. Der Herrscher, welcher seine Aufgabe erkennt, darf sich nur ais das Organ des Rechts betrachten und muß jeden Act der Willkür von sich fern halten. Auch Israel hat eine hohe Bestimmung auf Erden; es ist dazu bestimmt, die Herrschaft des Rechtes auf Erden zur Geltung zu bringen. Woher stammt alles Recht l Von Gott dem Schöpfer des Weltalls, az&on o ^*n Demnach sind alle Dinge Gottes Geschöpfe, alle Meuschen Söhne des Einen Vaters und daher Brüder; wir aber sind Gottes Diener und daher Ihm verantwortlich. Datier ist einzig Recht, was Gott geboten hat, und Unrecht, was Er zu thun untersagt. III. Hat der einst so verwahrloste Jüngling sein Herz und feinen Geist derart veredelt, daß der Gedanke und das Gefühl des Rechts ihn stets beherrschen, so wird er mit Bedauern auf sein ehemaliges Leben zurückblicken und sich tief beschämt fühlen; er wird es jedoch bei diesem Gefühle der Scham nicht bewenden lassen, sondern alles vorausgegangenc Schlimme wieder gut zu machen streben, pan np«, „machet das begangene Unrecht wieder gut!" Das zu thun ist auch unsere Pflicht in diesen Tagen der Buße und der Erhebung. Als Gott einst den Bewohnern von Ninive die Bestrafung ob ihrer Sünden vorher verkünden ließ, da bereueten sie nicht nur, da bekannten sie nicht nur ihre Verbrechen und weinten darob, da fasteten sie nicht nur und kasteieten ihren Körper, sondern sic suchten auch das begangene Unrecht wieder gut zu machen, gaben das Gestohlene und Geraubte wieder zurück, selbst wenn es sie die größten Opfer kostete; wenn Jemand einen Balken gestohlen und ihn in feinem Hause verbaut hatte, so riß er das Haus ein, um den Balken dem ursprünglichen Eigenthümer zurückzugeben. Und siehe da, Gott erbarmte sich und verzieh der sündigen Stadt. Auch wir haben Sünden begangen, die durch Reue, Buße, Thränen und Fasten nicht ungeschehen gemacht werden können; es sind das Sünden, die irgendwie die Person oder das Eigenthum unserer Mitmenschen verletzt haben. Da gilt es,

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