Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1872)
- Date
- 1872-10-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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846 seinem Jünglingsalter unter Landstreichern, Dieben, gewerbsmäßigen Bettlern und andern: schlechten Volke herangewachsen. Da wird eines Tages seine vornebmc Geburt entdeckt. Beschmutzt, und in Lumpen gehüllt, an Geist und Sitten verwahrlost wird er seinem Vater vorgeführt, den der traurige Zustand des Sohnes mit tiefem Kummer erfüllt. Er übergibt ihn einem Erzieher und befiehlt diesem, den Sohn seiner üblen Sitten und Gewohnheiten zu entkleiden, ihn geistig und sittlich heranzubilden und ihn der hohen Aufgabe, dereinst ein großes Reich zu beherrschen, würdig und fähig zu machen. Der Erzieher wird vor allen Dingen den verwahrlosten Königssohn ein Bad nehmen lassen, um ihn von dem anhaftenden Schmutze zu reinigen. — Auch Israel ist der Sohn eines großen Königs, des allmächtigen Gottes, nna ’ja. Der Prophet zeigt uns den Weg der Besserung. Vor Allen gilt es die Sünoe von uns und uns von der Sünde zu entfernen. mm. „Waschet euch," entfernet den der Seele anklebenden Schmutz. An unserem geistigen Auge zieht das verflossene Jahr vorüber. Wohl dem, dem nicht jeder Tag zum Ankläger wird! Wie Vieles haben wir gefehlt gegen den allgütigen Gott, wie haben wir die unendliche Liebe, die unerschöpfliche Huld unseres Vaters im Himmel vergolten! Er hat uns mit seinen Wohlthaten überhäuft, hat uns eine Körperbildung verliehen, die die aller übrigen geschaffenen Wesen an Vollendung überragt; Er hat uns Geist eingehaucht von Seinenl Geiste, hat uns die Fähigkeit verliehen zu denken und zu urtheilen — wir aber haben das Alles mißbraucht und sind nachgewandelt den Lüsten unseres Herzens und unserer Augen. In jedem Mitmenschen sollten wir den Bruder sehen, das Ebenbild unseres Vaters im Himmel — nnd wir sind gewesen voll Neid und Mißgunst, haben unfern Bruder verleumdet und beleidigt. Die Fähigkeiten, die uns Gott verliehen, hätten wir verwenden sollen zu unserer Vervollkommnung, um stets weiser und besser zu werden —• wir aber haben sie benutzt, um den Lüsten unserer Sinne zu fröhnen. So wollen wir denn in diesen Tagen der Rückkehr und Buße nnfcre Seele baden in dem reinigenden Quellbade, das da der Erhebung zu Gott entspringt, rn"pn *p owcon nx moo mpo no mpo cantx nnoo „Wie das Quellbad die Unreinen reinigt, also reinigt Gott Israel." Ist der wiedergefundene Sohn von dem ihm anhaftendem Schmutze befreit, so muß er in reine und schöne Gewänder gekleidet werden. Auch an uns ist es, unsere Seele gleichsam neu zu kleiden, durch die Erfüllung von Gottes Geboten und guten Thaten ihr ein neues Gewand zu geben, orn „Erlanget Verdienste." Wie ein irdischer König Diejenigen durch äußerliche Zeichen zu belohnen pflegt, die sich um ihn oder seine i Regierung verdient gemacht haben, also prägt sich auch die Erfüllung gottgebotener Pflichten schon im Aeußern des Menschen aus. cmaio □’tc'yoi niso min, das Studium der Gotteslehre, die Erfüllung der Gottesgebote lind die Ausübung guter Handlungen sind gleichsam; ein Kleid für die Seele, das die Blößen deckt und die j Schönheit hebt. Und namentlich in dieser Festeszert! bieten sich der Gelegenheiten, gar viele diese Gewänder i zu erwerben und sich darein zu hüllen. Da ist vor j allen Dingen die Reue, die Buße, die Rückkehr in > diesen zehn Tagen der Rückkehr, da sind die Vorbereitungen für den Versöhnungstag, das heiße innige Gebet an demselben und die genaue Beobachtung der an ihm vorgefchrwbeneu Kasteiungen; da sind die Vorbereitungen für das Hüttenfest mit den vielen Gottesgeboten, deren schöne und sorgfältige Erfüllung von jeher Israel zur ganz besonderer Freude gereichte. So wollen wir denn die Gelegenheit ergreifen und mit Liebe und Sorgfalt der Aufforderung des Propheten entsprechen erlanget Verdienst. Der unter Bettlern und Landstreichern ausgewachsene Prinz hat natürlich die üblen Gewohnheiten und rohen Sitten seiner bisherigen Umgebung angenommen. Traurig wendet sich der Blick seines königlichen Vaters von ihm ab, wenn die grobe Ausdrucksweise, die unedlen Manieren und das anstandswidrige Benehmen des Sohnes ihm Auge und Qhr beleidigt. Dem Jünglinge aber ist das Alles zur Gewohnheit, ja zur zweiten Natur geworden, und die Aufgabe des Erziehers wird es fein, ihn Zanders zu gewöhnen. Ach, auch wir haben uns an die Sünde gewöhnt, sie ist uns zur zweiten Natur geworden; wir sündigen und wissen nicht, daß wir sündigen. Daher ruft der Prophet uns zu w? "UJQ jn rpon „schaffet hinweg die Bosheit eurer Thaten vor meinen Augen!" Nicht DD’tpyo D’jnn „eure bösen Thaten" sagt der Prophet, sondern vaHbpo jn „die Bosheit der euch natürlich gewordenen Thaten." Unser Auge hat sich gewöhnt, lüstern nach dem Sündhaften zu blicken, ohne daß wir das Unrecht empfinden, unser Qhr hat sich gewöhnt, Zweideutigkeiten und Verleumdungen zu vernehmen, ohne daß die Schamröthe unser Gesicht verfärbt; unsere Zunge hat sich gewöhnt, Unnützes und Schlimmes zu reden, unsere Hand nach Unrecht sich auszustrecken, unser Fuß zum Bösen zu laufen, ohne daß uns das Gewissen darüber schlägt; unser Herz hat sich des edlen Empfindens entwöhnt und sich dem Unreinen geöffnet, und die in unserem Gehirn keimenden schlimmen Gedanken verfolgen wir mit Lust statt sie sofort kräftig zu bannen. Und das Alles geschieht, ohne daß wir auch nur das Gefühl des Unrechts davon haben, geradeso wie der rohe und ungebildete Mensch gegen Sitte und Anstand verstößt und dabei kein Unbehagen empfindet. So wollen wir denn der Aufforderung des Propheten entsprechen, wollen