Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1872)
- Date
- 1872-09-04
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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779 wendig betrachtet, aut die Staatshilfe darf fic sich aber nicht verlassen können. Wer Jude ist und der israelitischen Cultusgcrneittde in Wien angehören will, wird auch bereitwilligst die ihm auierlegte Steuer entrichten, mit der er sich: gewisse Anrechte erwirb! , wer ihr aber nicht angehören will, soll frei sein ganz im Sinne der Staatsgrundgesetze. Nicht umhin können wir aber doch bei dieser Gelegenheit, aut einen ganz merkwürdigen Passus in der Entscheidung zurnckzukommen, den der Herr Cultusminister zur Begründung der abschlägigen Antwort anzunchmen mr gut befindet. Es heißt nämlich in jener Entscheidung: „Zu einer Abänderung der Statutsbestimmungen (der israelitischen Cultusgemeinde) sind die Voraussetzungen nicht vorhanden?' Wir fragen: Ist dem Herrn Cultusminifter das Staatsgrundgesetz nicht genug? Hält er noch eine andere Voraussetzung für nothwendig? Wäre es nicht passender gewesen, einfach darauf hinzuweisen, daß vorläufig das Statut der israelitischen Cultusgemeinde in Wien zu Recht besteht, daß aber die Regelung der religiösen Verhältnisse durch besondere Gesetze stattfinden werde, und daß sich die Bittsteller bis zu jenem Entscheidungspunkte bescheiden mögen? Damit hätte er wenigstens vorläufig das „Gewissen" der Orthodoxen befriedigt und nicht wieder eine Situation geschaffen, ähnlich jener, wie sie zwischen den Alt- und Neukatholiken besteht. Die Orthodoxen aber mögen sich wirklich vorläufig beruhigen; konnnt Zeit, kommt Rath. Sie werden schon einmal des Glückes theilhaftig werden, eine besoirdere Gemeinde in der Gemeinde bilden zu dürfen; was aber ihre alten lithurgischen Gebräuche anbelangt, so können sie dieselben ja jetzt schon ungehindert nach wie vor üben, wenn auch nicht im Gotteshause in der Seitenstättengafse, so doch anderswo, wo sie es eben für gut und zwecknläßig finden — der liebe Gott ist ja überall. Wien. Der Astronom Moritz Löwy von der Pariser Sternwarte, eines der angesehensten Mitglieder dieses Institutes, eine Autorität auf dem Gebiete der rechnenden Astronomie, ward zum Mitgliede des Buroau d«s longitudss, der die geographischen Bestimmungen und die Gradmessungen controllirenden oberste:! Behörde Frankreichs erwählt. Er ist der dritte Astronom, der dieser Körperschaft angehört, die sonst noch aus drei Admiralen, drei Akademikern, einem Marschall und zwei Künstlern zusammengesetzt ist. Herr Löwv ist bekanntlich ein Wiener; an der hiesigen Hochschule machte er seine Studien und bewarb sich nach Vollendung derselben um eine Assistentenstelle an der hiesigen Sternwarte, die ihn! jedoch es war in der Concordatszeit — versagt wurde, weil er Jude ist. Er ging nach Paris und ward an der dortigen von Leverrier. denr Neplunsentdecker, geleiteten Sternwarte rasch eine astronomische Berühmtheit. Seine Wahl in das Bureau de longitudes vollzog bei der jetzt in Frankreich herrschenden klerikalen Strömung sich auch nicht ohne Schwierigkeiten. Die Klerikalen eiferten dagegen, weil er ein Jude, die Chauvins, weil er ein Deutscher ist, und es mußten eigens einige Mitglieder des Bureaus nach Paris eilen, um einer dieses Institut compromittirenden, von andern als wissenschaftlichen Gründen beeinflußten Abftinnnung vorzubeugen. Wie aus Tifchnowitz gerneldet wird, ist in der Nacht zum 28. d. M., um halb 1 Uhr, in dem Orte Matostolvitz in der zum dortigen Wirthshause gehörigen Scheuer, währeud einige Landwehrmänner im Wirthshause zechten und bei einer Drehorgel ranzten, Feuer ausgebrochen, welches die Scheuer sammt dem anstoßenden Wirthschaftsgebände verzehrte. Der Brand, welcher dem Anscheine nach gelegt worden ist, hätte wahrscheinlich auch das Wohngebäude und sodann einige Nachbarhäuser ergriffen, wenn die Bewohner der angrenzenden Gemeinde Drasow mit ihrer Spritze nicht herangekom- :nen wären und dem Brande Einhalt gethan hät^n, während' die Bewohner von Malostowitz zu ihrem eigenen Schutze gar nichts thaten und nichts thun wollten, indem sie sagten, der Jude soll abbrennen!! Als der mit anwesende Bürgermeister von Drasow, Herr Wlasak, diese Aeußerung hörte, hat er selbst die Leitung der Spritze übernommen und mit herbeigeeilten Bewohnern von Drasow, Czebin und Mährisch-Kinitz den Brand gelöscht. R u m d n i c n. Bukarest, 19. August. Der gestrige „Monitorul" veröffentlicht die Protokolle über die Verhandlungen, betreffend die Auswanderung der Israeliten aus Rumänien. Der Minister des Aeußern berichtet an den Ministerrath : „Meine Herren Minister! Herr Peirotto, General- Consut Amerikas, macht mir durch die Note vom 9. August bekannt, daß eine Anzahl Bürger der Vereinigten Staaten Amerika's in Berücksichtigung der Lage der Inden im Orient, bezüglich ihrer numerischen Zahl wie ihrer politischen Stellung, sich vorgenommen haben, ihre Auswanderung in jene Staaten zu erleichtern, und daß zu diesem Ende die Organisirung einer Emigrationsgesellschait und die Propagirung ihres Zweckes, unter Mithilfe der Philantropen in Europa und der Regierung vorgeschlagcn wurde. Herr Peixotto fügt hinzu, daß er aufgewrdert sei. die rumänische Regierung zu befragen, ob sic diesen Vorschlag, in so weit es die Israeliten Rumäniens betrifft, begünstigen wolle, und ob man irgend eine Hilfe von den gesetzgebenden Körpern erwarten könne. In Erwartung des Zusammentritts der Kammern, um ihnen den fraglichen Vorschlag vorlegen zu können, bin ich der Ansicht. daß die Regierung den: ihr ausgesprochenen Wunsche Nachkommen soll, indem sie, in den Grenzen ihrer Macht, die Aus-