Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1872)
- Date
- 1872-08-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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687 und alte, im Hause des Rabbineu und hörten voll Staunen die scharfsinnigen und geistreichen Auseinandersetzungen des großen Toßaphisten. Noch nie hatten sie etwas Aehnüches vernommen; noch nie hatten sie Jemanden gesehen, der wie Rabbi Samson unterzutauchen verstand in das Meer des Talmuds, um die am Meeresgrunde, dem gewöhnlichen Auge verborgenen, kostbaren Perlen heraufzuholen, der das ganze, weite Gebiet des Talmuds beherrschte und aus den verschiedenen Maßechtoth, aus Mechiltha, Toßiphta, Siphra und Siphr6 die Steine heraushob, sie aneinander rieb, daß die Funken sprüheten, der die feinsten Nuancen des logischen Denkens auseinanderlegte, um dadurch Widersprüche zu lösen, die dem ungeübten Auge unlösbar schienen, in dessen wunderbares Gedächtnis gleich wie in ein Bücher-Repositorium ein unvergleichlicher Schatz von Kenntnissen niedergelegt war. „Bleibe bei uns, Rabbi," sagte der Rabbiner zu seinen: Gaste voll ehrerbietiger Bewunderung, „sei Du unser Rabbiner, unser Lehrer — ich will fortan Dein Schüler sein." „„Ja, bleibet bei uns, Rabbi!"" riefen die Anwesenden alle. Rabbi Samson umarmte den Rabbiner und sprach: ,zDu bist ein edler, würdiger Mann, dessen schönste Krone die Bescheidenheit ist. Gott segne Dich! Und Ihr, meine Freunde, könnt Euch glücklich schätzen, einen solchen Rabbiner zu besitzen. Achtet ihn und ehret ihn! Ich aber werde, wenn Ihr mich befreit, in die Heimath zurnckkehren. Nur dort kann ich wachsen und gedeihen, und im Studium fortschreiten. Da ist mein Schwager Rabbi Moscheh, da sind meine Freunde undGenossen: Rabbi Jakob von Corbeil, Rabbi Jechiel von Paris. Rabbi Joseph, der ehedem in Jerusalem lebte und jetzt, nachdem leider unsere Glaubensgenossen aus dem heiligen Lande vertrieben worden, in Ranzig in Lothringen wohnt, meine Schüler, von denen Mancher einst eine Leuchte werden wird in Israel. Nur in Gemeinschaft mir jenen Männern, nur in ihrer Nähe und im lebendigen Gedankenaustausch mit ihnen vermag ich Ersprießliches zu leisten. Wollt Ihr mir aber beweisen, daß Ihr mich liebt, so löset auch meinen Bruder aus, damit wir gemeinsam in die geliebte Heimath zurnckkehren." An: andern Tage trat man mit den: Eorsaren in Unterhandlung; er verlangte tausend Drachmen für den großen, schönen, wohlgebauten Rabbi Samion und siebenhundert für den kleinen, unansehnlichen, häßlichen Chajini. .Nun war es rührend zu sehen, wie Alles sich bemühte , die verlangte Summe herbeizuschafsen. Die Männer brachten ihre Baarvorräthe, die sich jedoch als viel zu gering erwiesen; die Frauen brachten ihre Lckmuckfachen herbei, die aber sämmtlich nicht sehr werthvoll waren; sogar die Kinder gaben freudig die ersparten Pfennige. Was nur verkauft werden konnte, wurde zu Gelde gemacht, und doch ergab am Ende das Alles nicht mehr als siebenhundert Drachmen. Nunmehr versuchte inan durch Bitten den Eorsaren zu bestimmen, sich mit einem geringeren Lösegeld zu begnügen; allem dieser war unerbckt'lich. Endlich entschloß sich der Rabbiner, sein Häuschen, das einen Werth von dreihundert Drachmen hatte, dem Seeräuber als Eigenthun: zu überlassen, um den verlangten Kaufpreis voll zu machen und so Rabbi Sanrson dieFreiheit zu verschaffen und desfenRückkehr in die Heimath zu ermöglichen. Finster sah Chajim allen diesen Anstrengungen zu; er sah ein, daß es unmöglich war, auch ihm die Freiheit zu erkaufen. Er mußte sich schon darein finden; er mußte als Sclave verkauft werden, während der Bruder als kreier Mann feine Familie wiederzusehen das Glück haben sollte. Neid und Haß erfüllten sein Herz, und Tag und Nacht sann er darüber nach, wie er den Bruder bethören könnte. „Trotz seiner großen Gelehrsamkeit," sprach er zu sich, „ist mein weiter Bruder doch nur ein einfältiger Mensch; wenn ich es nur dahin bringen könnte, daß er freiwillig zu meinen Gunsten auf die Auslösung verzichtete! Klugheit und List haben schon oft noch Größeres zu Stande gebracht. Freilich, wenn man bedenkt, daß ich will, er solle für mich in's Sclaveujoch, so sollte man feine Einwilligung für schier unmöglich halten. Allein ich kenne ihn und weiß ibn zu nehmen. Ich werde ihn bei der Großmuth anpacken; das ist seine schwache Seite. Aber, wenn er auch will, die Leute hier werden nur ihn und nicht mich anslösen wollen. Einfältige Menschen! Es wird unmöglich sein, nür ihnen etwas anzufangen. Oder soll ich meinen Bruder bei ihnen schlecht machen? Was hilft's? Dann werden sie uns Beide nicht anslösen, Nein, ich muh es anders anfangen. Die Klugheit schafft Leben den:, der sie besitzt.'" „Bruder," sagte er zu Rabbi Samson, als er mit diesem allein war, „wie glücklich bist Du, daß Du bald frei wirst! Ich aber, ich "werde verkauft werden; Weib und Kinder werde ich niernals wieder sehen!" Er fing an, bitterlich zu weinen. „Es thut nur herzlich leid um Dich, mein Bruder," antwortete Rabbi Samson, „tröste Dich und finde Dich in den Rathschluß (Lottes.' „„Du hast gut reden. Tu wirst frei.' Allein, wie wird mir's ergehen! Schon fühle ich die Peitsche des Aussetzers ans meiucu: Rücken, wenn mir die ungewohnte Arbeit nicht gelingen sollte."" „Du hast Recht; es in hart; allein Tn siehst, daß es unmöglich ist, auch Dich freizukaufen. Machen doch die guten Leute hier scheu: für mich allein die größten Anstrengungen, dringen sie dock für mich raff unerschwingliche Opfer." „ „Aufrichtig gestanden, wundert's mich, Bruder, das; Tu dieie Opfer so bereitwillig annimmst.""