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Der Israelit · 1872-05-29 · Heft 22 (29.5.1872) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 22 (29.5.1872)
Date
1872-05-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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491 in der ehrwürdigen Reihe. — Doch nicht das Vergangene allein sieht uns hier mit ernstem Blicke an, auch die Gegenwart behauptet ihr Recht und unser Geist wird hinweggeführt in ferne Weiten, in ungemessene Tiefen. Denn diese schweigenden Bilder hier weisen uns hin auf eine Thätigkeit, deren Wirkungen nicht der enge Kreis eines einzelnen Daseins umschließt, sie erinnern uns an das unveräußerliche Gut der Menschheit, das ein Geschlecht dem andern, es immer vermehrend, übergibt; und wenn hier vor unserm Geiste die Dichtkunst ihr grenzenloses Reich entfaltet, das unverrückbare Recht vor uns tritt, das menschlichem Thun und Wollen die festen Schranken setzt; die Geschichte, die die seltsam verschlungenen Thaten der Menschen und ihre ewig wechselnden Geschicke festhält; und jene Wissenschaft, die sich in die unwandelbaren Gesetze und das scheinbar stillere Walten der Natur versenkt; so tritt nun der Genius herein, der alle jene Blüthen der Menschheit zusammenfaßt, sie verfolgt bis dahin, wo sie nur einem Stamme entsprießen, ja weiter hinabdringt, wo die Wurzel der Menschheit verborgen ruht. — Das Wort, der schnell verhallende Laut, das Allen dient, dem Dichter, dem Gesetzgeber, dem Forscher, ihm war es die Fackel, die ihn hinableitete in die Tiefen, wo eines nach dem anderen schwindet, die Wissenschaft, das Recht, die Poesie und endlich diese Leuchte selbst erlischt. — Und wie wunderbar baute sich vor ihm aus dieser Tiefe die so bekannte und vertraute Welt wieder auf; wie manches scheinbar Große ward klein und bedeutungslos, und zu welcher Bedeutung und Größe wuchs rhm das Kleine und.Zufällige auf; wie zog sich ihm hier der Kreis der Dinge zusammen und erweiterte sich dort in nie geahnte Räume; und wenn vor seinem durchdringenden Blicke auch manches versank, das Dauer und Gewohnheit uns mit zarteren Banden an das Herz geknüpft hatte, in seiner Welt war noch Raum siir Das, was das Ziel aller Sehnsucht bleibt, und das niemals erreicht, erst vor und dann hinter uns liegt, für das Ideale: der blendende Tag, den er heraufführen wollte, entbehrte nicht des erquickenden Dämmers der Morgenröthe! Ach, auf der Hälfte der Bahn ereilte ihn das Geschick! Was wäre er uns noch gewesen! Doch davon lassen Sie mich schweigen: wollen wir dem Schicksale zürnen, das uns so viel gegeben, weil es uns nicht Alles gab? Vergönnen Sie mir nur mit einem Worte noch Das zu berühren, von dem jenes geistige Wirken losgelöst erscheint, das aber inniger mit ihm zusammenhängt, als man denken sollte, ich meine sein Wesen und seinen Charakter. Er war ein völlig harmonisch gebildeter Mensch, der die großen Gegensätze, die sonst die Welt bewegen, wie er sie in seiner Anschauung vereinigen wollte, so in feinem Wesen wirklich vereinigte: das treue Festhalten an dem Herkömmlichen und Gewohnten und den ungestümen Drang vorwärts nach auSgebreitetem Belrtz und neuer Gestaltung; den raschen Eifer, der jedes Wahngebilde zu zerstören trachtete und die fromme Zuneigung zu dem Alten und Ueberlieferten; den sanften, weisen, gemäßigten Sinn und die gewaltsame Gluth der Leidenschaft, die auch seine Brust durchflammte, die Scheu vor dem hohen, ja furchtbaren Ernste des Lebens, und das Hingeben an den Augenblick, der ihn feine leichtesten Blüthen pflücken, seine vergänglichsten Früchte brechen hieß; das warme Herz, das die ganze Menschheit umfaßte, nnd mit innigster Neigung dem Kleinsten und Nächsten zugethan war, den engen Mauern des Hauses und der geliebten Vaterstadt. Es fällt uns so schwer, uns gerade von Dem loszureißen, was so unmittelbar auf uns wirkt; wir möchten ihn gern festhalten den Blick, der theilnehmeud auf unserem Geschicke ruht, den Ton der Stimme, von dem wir gewohnt sind, daß er liebreich unserem Worte begegnet; die bewegte Geberde, in der sich unseres eigenen Herzens Wollen und Empfinden wiederspiegelt: doch das gehört der Vergänglichkeit an und nur die Kunst, die gerne dem Schönen und darum Vergänglichen naht, vermag jenem Enstchwinden einen Schein von Dauer zu leihen; sie vergönnt uns der Nachwelt zu zeigen, wie das Gefäß gestaltet war, aus dem Das geflossen ist, was keiner Zeit mehr allein angehÄck. So stehe denn hier, Lazar Geiger, in Marmor gehauen. Und wenn Jahre oder Jahrhunderte vergehen, und wieder Einer kommt, ein Liebling der Natur, wie Du, dem sie ihre ganze Schönheit enthüllt, dem aber das Glück, gewogener als Dir, vergönnt, seine Bahn bis arr's Ende zu durchlaufen, noH spät wird er zu Deinem Bilde hintreten und hier seinen Kranz niederlegen." Nachdem diese Ansprache das geistige Bild des Entschwundenen wachgerufen hatte, trat Eugene Peschier, von dem wir wohl sagen dürfen, daß er in den Geist Geigers eingedrungen ist, zu der nun enthüllten Büste des Denkers, feierte ihn in ebundener Rede und bekränzte ihn mit dem Loreer. Wir heben aus dem tief empfundenen und darum wirkungsvollen Gedichte nur den Schlußvers hervor: „Ewig jung Schien Dir die Wahrheit. Jedes Herz Muß lieben sie mit eignem Schmerz, Mit eigner Hoffnung, vollem Leben, Bis sie sich liebend rhm ergeben. Du liebtest sie; drum liebt sie Dich Und wird Dich lieben ewiglich. Schließlich übernahm der Oberbibliothekar Dr.

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