Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1872-04-17 · Heft 16-17 (17.4.1872) · page 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 16-17 (17.4.1872)
Date
1872-04-17
Page
– (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447551-2447568--10407-2466145
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

372 Worten, die -och eigentlich nur dem Momente angehören, eine Dauer zu verleihen, so muß wohl irgend ein besonderes Etwas diese Worten innewohnen, das ihnen einen solchen Werth verleiht, daß sie irgendwie die Berechtigung in sich tragen, an die Oeffentlichkeit zu treten. Welche neue Gesichtspunkte hat nun Herr Rofenstock dem Leser seiner Abhandlung geboten? Wir wüßten nicht, etwas Neues in den Argumenten, die den Nutzen von Knaben - Erziehungs - Instituten darthun sollen, gefunden zu haben; doch für die Geschichte der Samsonschule wird die Broschüre von Wichtigkeit sein; denn der spatere Historiker der Pädagogik wird es schwarz auf weiß belegen können, mit welchem Tage die Samsonschule in eine neue Phase eingetreten ist. Denn „heute" — also am 24 Oktober 1871 — „tritt die Samsonsfchule in eine neue, in ihre dritte Phase ein," so sagt es uns der Herr Direktor in seiner Antrittsrede. Und was ist das für eine Phase, in welche sie „heute" eintritt? Es soll „die bisherige Bürgerschule allmählich auf den ungefähren Standpunkt einer Realschule zweiter Ordnung erhoben werden" und das Alles geschieht „heute!" Während aber dieses „heute" nichts weiter als der Ausdruck einer ziemlich großen Portion Selbstbewuhtseins ist, ist der vorhergehende Satz ganz dazu geeignet, uns den jüdischen wie den geistigen Standpunkt des Vers, kennen lernen zu lassen. War an dem Beth Hamidrasch während des ausschließlichen Talmudstudiums in der Anstalt der neue Geist der Lessing - Mendelsohn'schen Periode noch spurlos vorübergegangen, so begriff die seit 1807 aus ihm hervorgegangene Bürgerschule um so mehr ihre Aufgabe, den überlieferten natürlichen Glauben und die Eigenthümlichkeiten (sio!) damaligen (!) jüdischen Lebens mit den Principien der Neuzeit, mit den Forderungen der inodcrnen Cultur in Einklang zu bringen und das geistige Ghetto (!!) zu sprengen, welches im einseitigen Talmudstudium den jüdischen Geist bis dahin gefangen gehalten hatte." Diese Worte richtet nicht ein christlicher Missionär an Inden, denen er gerne die Heileswahrheiren des Christentums beibringen möchte, und nun zu ihnen spricht von der „Decke Mosis, die ihm vor dem Gesichte hängt" von der Befangenheit im Unwissen n. dgl. m.; es ist auch nicht ein Mann von dem Schlage Schudts oder Eisenmengers, der von „denen abenteuerlichen und abergläubischen Dingen, so im Talmud stehen" redet — nein, es ist ein jüdischer Director an einer jüdischen Anstalt, die ein jüdischer Privatmann mit seinem Gelde gegründet hat, um das Talmudstudiunl zu erhalten, welcher an eben dieser Stätte den Talmud zu verunglimpfen sucht. „Zu verunglimpfen sucht" sagen wir, denn daß ihni dieses in Wirklichkeit gelingen könne, haben wir niemals vermuthet, im Gegentheil, in diesen Worten stellt sich der Herr Director das glänzendste! Zu Zeugniß seiner geistigen Armuth aus. Denn von einem j „geistigen Ghetto," in welchem der jüdische Geist durch einseitiges Talmudftndium gefangen war, hat noch keiner, auf welchem Standpunkte er auch stehe, gesprochen, der auch nur einen annährenden Begriff von dem hat, was der Talmud enthält und den Culturgrad der Judenhcit im Vergleich mit dem anderer Kreise in der Zeit vor Mendelssohn kennt. In die Samsonsschule ist eine neue Phase eingetreten; wir gratuliren der Verwaltung zu dieser Acquisition. Wir können jedoch unsere Betrachtung nicht schließen, ohne auch des pädagogischen Tactes des Herrn Directors zu erwähnen. Am Schluß seiner Rede wendet der Director sich an die versammelte Kinderschaar; „Werdet Ihr dann und wann durch Sorgen um das geliebte Elternhaus beunruhigt, seid Ihr durch schlimme Ereignisse des Trostes bedürftig, glaubt Ihr Euch beinträchtigt, zurückgesetzt, gekränkt oder unverdient bestraft, so wendet Euch an mich, wie das Kind an seinen Vater und Ihr werdet stets Theilnahme und Abhülfe bei mir finden, denn in diesem Hause soll Niemand sein, „„der Euch auch nur eine Stunde Eures goldenen Jugendlebens absichtlich verkümmern möchte!"^' Es mag wohl in einem speciellen Falle Vorkommen, daß einmal ein Director unter vier Augen einem Schüler, der, in seinem Rechte sich gekränkt fühlend, die Achtung vor seinem Lehrer vergessen und selbst sich sein Recht schaffen wollte oder seinen Mißmuth durch Ungezogenheit an den Tag gelegt hat, daß diesem der Director verweisend sagt: wenn du dich unverdient bestraft oder gekränkt fühlst, dann kommst du zu mir, du hast aber nicht das Recht, deinen: Lehrer gegenüber ungezogen zu sein. Einen solchen Fall können wir uns denken, und finden wir ihn auch ganz in der Ordnung, aber auch nur dann, wenn es einen größeren Knaben betrifft. Doch was soll nian von dem pädagogischen Tacte eines Directors halten, der sich, ohne durch einen bestimmten Fall veranlaßt zu sein, vor seine Schüler, die ihren Lehrer:: gegenüber stehen, hinstellt, und seinen Schülern solche weist Lehren und Winke gibt, wie wir sie oben gelesen haben. Auf Hochdeutsch übersetzt, bedeuten obige Worte: „Seht, Kinderchen, die Lehrer da, das sind die Untergebenen, laßt euch von diesen nur nichts gefallen, wenn ihr euch gekränkt, unverdient bestraft ::. s. w. fühlt (und welcher bestrafte Schüler, und wäre er auch der Bengel noch so groß, hält sich, wenn er bestraft wird, nicht für einen Märtyrer, für die verfolgte, leidende Unschuld?) dann kommt zu mir, ich will es — untersuchen? Gott bewahre! — ich will euch euer Recht verschaffen, ihr sollt stets (!!) Theilnahme und Abhilfe bei nur finden." Herr Rosenstock scheint ein ebenso großer Pädagoge sein, wie er ein gewiegter Talnrudkenner ist. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. —. Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdrackerei in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.