Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1872)
- Date
- 1872-04-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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351 hofften die Katholiken durch ihn die Gleichstellung zu erringen. Allein zu diesem Zwecke mußte der Widerstand der Stande gebrochen werden. General von Remchingen, ein Fremder, geboren zu Pfaffenhausen im Bisthum Augsburg, ein Katholik, commandirte das Heer. Man hatte einen Brief desselben an den Geheimrath Fichtel, den Minister des Fürstbischofs von Würzburg, aufgefangen, in welchem der Württembergische General schrieb: „Der Hyder der Landschaft soll der Kopf zertreten werden." Nun verbreiteten die Stände und Geistlichen das Gerücht, daß die katholische Umgebung des Herzogs, und mit ihr der Jude Süß, eine Verschwörung beabsichtige. Die alte Verfassung, sagte man, solle umgestoßen, das Land solle mit Gewalt katholisch gemacht werden. Eine ungeheuere Aufregung bemächtigte sich der Gemüther. Man bereitete eine Gegenverschwörung vor, man wollte die Nathgeber des Herzogs gefangen nehmen, diesen selbst zwingen, Süß, Remchingen und Scheffer zu entlassen. An der Spitze der Bewegung stand der Oberburggraf und Geheimrath, Oberst von Röder. Der Herzog war nach Ludwigsburg gereist, um sich von da nach Danzig zu begeben, wo er Heilung für seine Fußübel suchen wollte. Süß war in Stuttgart zurückgeblieben; aber einer seiner Vertrautesten war dem Herzog gefolgt, um dem Minister stets Auskunft geben zu können über Alles, was sich in der Umgebung des Herzogs ereignete. Es war Mitternacht. Süß hatte sich noch nicht medergelegt; unruhig ging er in seinem Schlafgemache auf und ab. „Was kümmerts mich", sagte er, ,ob protestantisch oder katholisch? Aber auf Seiten der Katholiken sind meine Freunde, auf Seiten der Protestanten meine erbittertsten Gegner. Wenn diese den Sieg davon trügen, es wäre um mich geschehen. Es wird harte Kämpfe geben! Wie froh wollte ich sein, wenn ich mich denselben entziehen könnte! Wie wär's, wenn ich den Aufenthalt des Herzogs im Auslande benutzen würde, um nach Frankreich zu entfliehen? Doch,- was ist das? Ein Pferd galoppirt die Straße herauf! Um Mitternacht! In dem sonst so stillen Stuttgart! Es kömmt näher, es hält vor meiner Wohnung. Was mag das bedeuten? Man zieht die Schelle, man will zu mir! Was mag sich ereignet haben?" Süß öffnete die Thüre seines Schlasgemachs; sein Vertrauter, der den Herzog nach Ludwigsburg begleitet hatte, stürmt die Treppe herauf. „Ihr seid's, Jungmann!" ruft Süß, „um Gott was ist geschehen?" „Ercellenz", antwortet der Gefragte athemlos, „ich habe mein Pferd fast todtgerittcn, um Euch die Nachricht zu bringen, die böse Nachricht?" ^„Sprich schnell, Jungmann, Du spannst mich auf oic Fotler, was ist passirt? „„Seine durchlaucht der Herzog „Was ist mit ihm, er ist krank?" „„Er ist todt."" Süß stand wie versteinert da. Er stierte den Boten an und war keines Wortes mächtig. „Seine Durchlaucht", sagte Jungmann, „speisten noch fröhlich und mit gutem Appetite zu Nacht; aber kaum war der Herzog zu Bette gegangen, als er laut aufstöhnte. Der Kammerdiener eilte hinzu und fand ihn schon todt. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Sogleich wurde der Leibarzt gerufen, der ihn zu Ader ließ, aber es floß kein Blut." „Todt!" rief jetzt Süß, „todt, ohne Testament gemacht ohne eine Regentschaft eingesetzt zu haben! Der Erbprinz ist noch klein, die Herzogin hat für die Regierung weder Sinn noch Interesse, noch Verständniß! Was soll daraus werden? Wer wird die Regentschaft übernehmen? Der nächste, volljährige Agnat, der alte Herzog von Neustadt? Mein bitterster Feind? Ich muß fort, fort, eiligst fort, ehe die Unglückspost bekannt wird und meine Feinde sich meiner bemächtigen! Jungmann wecke sogleich den Kutscher; er soll sofort anspannen und die beiden besten Pferde nehmen. Ich will unterdeß das Nothwendigste zusammenpacken. Bleibe Du in Stuttgart, Jungmann, und verwalte mein Haus, bis ich zurückkehre." Während Jungmann den Kutscher weckte, packte Süß Gold, Papiere und Edelsteine zusammen und schloß sic in ein Täschchen. Dann warf er den Schlafrock ab, zog Rock und Pelzmantel an und eilte hinunter. Schon stand der Wagen bereit; Süß sprang hinein. „Fahr gut, Hannes" , rief er dem Kutscher zu, „ich werde Dir's reichlich belohnen!" „„Wohinaus, gnädiger Herr?"" „Nach Frankreich, nach Metz — zunächst nach Pforzheim und Durlach!" Der Kutscher hieb auf die Pferde und fort ging es in rasender Eile. Süß saß in dumpfen Brüten verloren in seinem Wagen. „Muß ich denn auf diese Weise," sprach er vor sich hin, „von dem Schauplatze meiner Macht und meiner Hoheit scheiden und muß Alles zurncklassen, meine Schlösser und Güter, mein Gold und mein Silber bis auf das Wenige, was ich bei mir habe? Werden sie nicht alle meine Habe confiseiren? Bekenne ich mich nicht schuldig durch meine Flucht? Und was habe ich gethan, was habe ich verbrochen? Hat mir der Herzog nicht bezeugt, daß Alles, was ich angeordnet habe, auf seinen Befehl und mit seiner Zustimmung geschehen? Du bist ein Haase, Süß, ein Feigling, daß Du entfliehst und all das Deinige, so mühsam errungene, im Stich lässeft! Wessen können sie Dich beschuldigen, was können sie Dir anhaben? Aber wenn ich entfliehe, so räume