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Der Israelit · 1872-03-06 · Heft 10 (6.3.1872) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 10 (6.3.1872)
Date
1872-03-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XIII. Jahrgang. Verlage z« Rr. 10 des Israelit. Leitender Artikel. Ier ZLrtdungsLrieö im jüdischen Molke. (Schluß.) Ein Beispiel. Von dem Regierungsbezirk Posen zeigt uns ein oberflächlicher Blick allerdings, daß der bei weitem größere Theil der Juden daselbst in Städten wohnt, nämlich 851/2 %» und nur 4*/2 % auf dem flachen Lande; vergl. „Der preußische Staat von Dr. Eduard Keller" I. 297. Allein nach diesem für die Ltädtebewohnung Seitens der Juden gegenüber der Landbewohnung so günstigen Zahlenergebniß fügt das genannte Werk hinzu: „Doch ist dort die große Zahl der kleinen Städte mit kaum 1000 oder wenig mehr Bewohnern den Dörfern in andern Provinzen völlig gleich zu achten". Wohl ist es also wahr, daß die Juden dorten zumeist in Städten wohnen, aber keineswegs „m»größeren Städten, wo Gymnasien existiren". Und wie gestaltet sich nun in den höheren Schulen dieses Regierungsbezirks das Verhältniß der Besucher jüdischer Eonfession zu denen der katholischen und evangelischen? Ter Procentsatz der Bevölkerung lautet: 28,58 % evang., 66,62 0/0 kathol., 5,19 °/o jüdische. Der Besuch höherer Lehranstalten (Gymnasien, Progymnasien, Realschulen, höherer Bürgerschulen und Seminarien) vertheilt sich also: 37,04 %, 38,91 °/0t 24,04 %. Der Procentsatz der höhere Anstalten Besuchenden ist daher bei den Evangelischen 1,33 Mal höher, bei den Katholiken 1,71 Mal geringer, bei den Juden 4,63 Mal höher, als je der Procentsatz der betreffenden Bevölkerungen. Demnach stellt sich der Bildungstrieb der Juden hier als 463 j-'gjj — c. 3,3 Mal bedeutender als bei den Evangelischen, und 4,63 x 1,71 — 7,9173 oder 8Mal bedeutender als bei den Katholiken. Den Skeptiker jedoch, der die Zweifel über die Unabhängigkeit so glänzender Resultat von den jeweiligen Wohnungsplatzgruppen noch nicht beschwichtigen kann, bitten wir, uns vonl Osten zum äußersten Westen zu olgeu, woselbst, wenn ihn anders unsere Angelegenheit tnteressirt, eine Ueberraschung seiner wartet. Wir sind im Regierungsbezirk Coblenz angelangt. In demselben bewohnt, wie in allen Regierungsbezirken der Rheinpro- Hinz, der größte Theil der jüdischen Bevölkerung das slache Land, V3 öö nämlich und Vi % die Städte, vber genauer 65 % dort und hier 35 °/0 (vergl. Keller, a. a. O.). Halten wir nun die Juden der Hauptbevölkerung der Rheinprovinz, den Katholiken, gegenüber, so bildet ihre Bevölkerung 1,65 %' bie der Katholiken 66,56 °/0. Im Besuch höherer Anstalten (s. oben) kommen auf 100 Schüler 5,23 jüdische, 43,76 kathol. Durch Anwendung der oben angegebenen Methode erweist sich demnach der Bildungstrieb im Judenthum nahezu 5Mal höher als bei den Katholiken. Welcher „starke Theil der Abnormität schwindet, wenn man die städtische Bevölkerung allein zum Maßstab nimmt", können wir in Berlin recht deutlich erfahren. In Berlin lautet der Procentsatz der Einwohnerschaft: 90,53 % Evangelische, 5,23 % Kathol., 3,46 % Juden. Auf den 19 höheren Lehranstalten befinden sich durchschnittlich 83,62 % Evangelische, 2,17 % Katholiken, 14,19 % Juden. Nach der angegebenen Methode stellt sich daher der Bildungstrieb der jüdischen Bevölkerung als 10*/, Mal größer heraus als in der katholischen, und 4*/, Mal größer als in der evangelischen Bevölkerung. Wie das erste nun in seiner ganzen Unhaltbarkeit erwiesene Argument, so tritt auch das zweite dem oberflächlichen Beurtheiler mit einem Schein von Wahrheit entgegen. „Die Juden sind überwiegend Kaufleute u. s. w." Es ist wahr, die Juden zeigen eine große Vorliebe für das Geschäftswesen, so daß wirklich dieser Berufszweig von ihnen stark cultivirt wird. Aber unter die Rubrik „Kaufleute" lassen sich so außerordentlich verschiedene Berufsthätigkeiten aufstellen, daß wir doch, um ein wahres Bild zu bekommen, uns klar werden müssen, welche Glieder des Kaufmannftandes durch ihre pecuniäre Situirung in der Lage oder durch sociale Stellung darauf angewiesen sind, ihren Kindern eine höhere Schulbildung zu gewähren. Wir finden in den Tabellen über die Beschäftigungen der Juden (bei Keller a. a. O.) sud voo6 „Handel" verschiedene Erwerbsweisen angegeben, die ihren Mann doch wohl auf keine sonderlich hohe sociale Stufe erheben, z. B. die der Viktualienhändler, Höcker, Trödler, Leute mit stehendem Kramhandel, Handelsleute, Gehilfen der genannten Personen, welche letztere allein 11,39 °/o in dem preußischen Staate vor 1866 betrugen. Zum eigentlichen Kaufmannsstand, in dem Sinne einer damit verbundenen feineren Lebensstellung jedoch finden wir ebendaselbst nur folgende gerechnet: Banquiers 0,70 %, Großhändler, Inhaber von Conunisfionsgeschäften ohne offene Läden 3,55 %, Kaufleute mit offenen Läden 12,44 0/0, Lieferanten, Agenten, Commissionäre, Makler und Pfandleiher 2,60 %, Pferdehändler 1,20 %. Die „überwiegende Menge" der Kaufteute zeigt sich daher

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