Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1872)
- Date
- 1872-01-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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denn bann wird es überhaupt keinen Patriotismus mehr geben; die ganze Menschheit wird sich vielmehr wie eine Familie lieben, kein Volk wird wider das andere zum Kriege ausziehen, alle Menschen werden Brüder sem, und der Eine Hirt wird die gesammte Menschheit als eine Heerde weiden. Einstweilen aber herrschen noch die Hebet auf Erden, die mit irdischen Zuständen sich nur zu leicht verbinden. Nach dem fernen Südosten wendet sich unser trauernder Blick, nach Persien und Bagdad, wo viele Tausende unserer Brüder der Gefahr des Hungertodes ausgesetzt sind. Ein furchtbares Geschick hat jene Lander betroffen, welche mit der Geschichte Israels so eng verknüpft sind. Bagdad ist das alte Babilon. Dorthin wurden unsere Voreltern nach der Zerstörung des ersten Tempels in die Gefangenschaft geführt, „an' den Strömen Babels saßen wir nnb weinten, an den Weiden dort hatten wir unsere Harfen aufgehängt/' Da wurde im Laufe der Zeit der eigentliche Sitz des Thorastudiums und der „babilonifche" Talmud erinnert noch heute durch seinen Namen schon au den Ort der Niederschrift. In Persien war es, wo Human einst den Anschlag faßte, alle Juden zu vernichten und wo dann Mordcchai an die Spitze der Regierung trat; von Persien aus erging der Aufruf zur Heimkehr in das heilige Land und zur Gründung des zweiteil Tempels. Lange Zeit stand Judäa unter persischer Oberhoheit, und der persischen Hauptstadt zu Ehren trug ein Thor des heiligen Tempels den Namen In viel spaterer Zeit blühten unter ucuperfischer Herrschaft die Hochschulen Surah und Pumbeditha, wo die Gaonim, die Lehrer von ganz Israel, für die Verbreitung des Thorastudiums Sorge trugen. Und in jenen für uns geschichtlich so merkwürdigen Gemeinden herrscht die entsetzlichste Hungersnoth, und unsere Glaubensgenossen dort sind dem schrecklichsten Tode verfallen, wenn nicht schleunige Hilfe kömmt. Der edle Sir Moses Montefiore, der schon so oft helfend und rettend für unsere bedrängten Brüder cingetreten ist, hat sich auch diesmal der Nothleidendcu allgenommen, und sein Auftuf wird hoffentlich nicht erfolglos bleiben. Was nun die Zustände innerhalb der Judenheil und des Judenthums betrifft, so haben sich im verflossenen Jahre die Augsburger Synode nnb die Cincinuati'er Rabbinerconfereuz in so hohem Grade lächerlich gemacht, daß ein derartiger Synodalschwindcl für die Zukunft unmöglich geworden ist. Das orthodoxe Judenthum erstarkt Gott so Dank von Tag zu Tag wieder, und der glänzende Sieg, den die orthodoxe Judcnheit Ungarns und Siebenbürgens errungen, ist ganz dazu angethan, uns mit freudiger Hoffnung für die Zukunft zu erfüllen. Leider hat das verflossene Jayr uns große, schmerzliche Wunden geschlagen. Große, bedeutende Männer und edle Frauen haben uns verlassen, haben uns trauj cntb und wehklagend zurückgelassen. Möge der allgütiae Gott unsere Wunden heilen und uns Trost und Hilfe für die Zukunft gewahren, auf daß es uns gelinge, Jhnr zu dienen und Seinen heiligen Namen auf Erden zu verherrlichen durch ein tugendreiches, reines, heiliges Leben, durch ein segensreiches, erfolggekröntes Wirken, auf daß alle Völker sehen. daß der Name Gottes in nns wohnt und über uns waltet. «*-, jcn tp pi! Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. D. Gr. Mainz, 26. Dec. Gestern fand hier ein. bescheidenes Fest statt, das wieder Zeugnitz ablegt von. jüdischer Wohlthätigkeit. Ein hier bestehender israel. Mädchen-Ausstattungs-Verein, eine Filiale des 3. isr. Krankeu-Pflege-Vereins, vertoofte gestern ein Brautlegat von st. 1000, und dieser Nerloosung, welche Vormittags unter Betheiligung eines sehr zahlreichen Publikums vorging , schloß sich Nachmittags ein Festessen an, au dem sich'diese beiden Vereine betheiligten. Das Pereinsseft des 3. Krauke-Pstege-Vereins pflegt gewöhnlich im Januar stattzufinden, die Vorstände kamen aber darin überein, daß dieses Vereinsfest in diesem Jahre gleichzeitig mit dem desMädchen-Ausstattungs-Vereins stattfinden solle. Als besonderes Factum wollen wir hier erwähnen, daß der Gewinn des Brantlegars schon bei der allerersten Nummer gezogen wnrde, wodurch die gewöhnliche Spannung des sehr zahlreichen Auditoriums unter den Gefrierpunkt sank. Bei dem Festessen herrschte die gemüthlichste Stimmung. Der Rabbi der beiden Vereine, Herr Gutmann, hielt eine ausgezeichnete Ansprache über die Bedeutung dieses Doppeltestes, und erntete von allen Seitcn den ungeteiltesten Beifall. Herr Gutmann weiß aber seine Zuhörer nicht allein in religiöser Beziehung zu erbauen, er ist auch als dichterischer Diletant ein äußerst tiebeuswürdiger Tischgesellschafter. Au humoristischen Toasten fehlte es nicht und es gebührt den Vorständen alles Lob, die ganze Sache so gut arrangirt zu haben. Ganz besonders wollen wir aber der Verdienste des Herr Ga briet Haas erwähnen, der als wackerer Kaffirer es dem Vereine ermöglichte, nach kurzen Zwischenräumen immer wieder ein Legat flott zu machen. Möge diese Mittheilung baut beitragen, daß auch anderwärts solche Vereine ins Leben treten, denn wir haben an diesem Verein, der 108 Mitglieder zählt, den Beweis, daß bei einem geringen Beitrage von 4— j 6 kr. p:. Woche, und bei einem bischen guten Willen