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Der Israelit · 1871-12-06 · Heft 49 (6.12.1871) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 49 (6.12.1871)
Date
1871-12-06
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Xn Jahrgang. Kas Sieö der Mestalm in der Mischnay. (Vom Herausgeber.)) In der Physik, in der Lehre vom Luftdrucke, begegnen wir einer der Experimental-Physik dienenden Spielerei, die sich in jedem physikalischen Cabinette vorftndet und unter dem Namen: „Das Sieb der Vestalin" bekannt istes ist ein Gefäß, in der Regel von Blech, dessen Boden aus einem feinen Siebe bestehr. - FlWgkeiten halten in demselben, solange der Hals durch einen Pfropfen oder durch den Finger verschlossen wird. Woher der Name „Sieb der Vestalin" stammt, ist unbekannt; doch deutet auch dieser schon auf das hohe Alter dieses Spielzeuges hin. Für die Leser dieser Blätter wird es von Jntei'esse sein zu erfahren, daß das in Rede stehende Sieb bereits in der Mischnah erwähnt wird. Es heißt nämlich in der 6. Mischnah des 2. Perek der Maßcchelh Kelim: NDDD -»Dl' '2"> , "QLJD pvW “h '"t , DHÖ’D .mons W31D3 wnar usc, Ein Tettos (Dartinora hat. die Lesart „Settos"), Rabbi Eliefcr bar Zadok erklärt ihn für rein, d. h. für die Unreinheit unempfänglich- Rabbi Jose erklärt ihn für unrein, d. h. für die Unreinheit empfänglich, weil er ist w.e man? x-L'-p. (Die Erklärung dieser zwei Worte wollen wir später geben.) Dieser Tettos, wahrscheinlich nach seiner viereckigen Form so genannt (tvier), wird nun von den Commcntätoren (Maimonides, Rabbenu Schamfchon, Aruch und Bartinora) einstimmig als das Sieb der Vestalin, wie wir es oben beschrieben haben, commentirt, nur daß Rabbenu Schamschon die richtige Bernerkung hinzufügt, daß dieses Gefäß nicht immer von Metall gemacht wurde, sondern auch manchmal irden war, da doch die Mischnah nur von Din redet. Das von uns oben unübersetzte rrors jtsidd ist nach den Commcntätoren wie folgt zu erklären: der Tetros gibt das Wasser von sich wie Jemand, der. sei» Geld hellerer eis ausgibt, also langsam, langsam; deshalb bettachtet es Rabbi Jose als ein ^iv'p r.-Q und erklärt es für n-rv)!2 vvpO, weil, wie Rabbenu Schamschon sagt, "3 Mtrewri -,"n n\-i, „also ist die Art und Weise seines Gebrauches". Interessant ist noch die Art und Weise, wie 'edid v"' die zu seiner Zeit noch unaufgeklärte Lehre vom Lustdruck aus der damals allgemein verbreiteten Hypothese vom horror vacui (Abscheu vor dem Leeren) zu erklären sucht Es bleibt uns nun noch zu erörtern, zu welchem Gebrauche dieses Sieb zur Zeit der Mischnah mag gedient haben. Für uns hat es weiter keine Bedeutung, als dem Schüler in der Physik die Lehre vom Luftdruck klar zu machen; da wir jedoch dafür noch viele anderes praktischere Vorkehrungen und Instrumente besitzen, bewährt sich das Sieb der Vestalin einzig als anregende Spielerei; es ist eben für den Lernenden eine angenehM Ueberraschung, daß, wenn der Lehrer den Finger »öft der oberen Oeffnung zieht, aus dem Boden des Gefäßes viele feine Wasserstrahlen hervorquillen, die sofort zu fließen aufhören, sobald der Finger die obere Öffnung wieder schließt, oder tropfenweise hervorqmlle»,' wenn^die Oeffnung ein wenig gelichtet wird. Ein solches Spielzeug wäre schwerlich in die Lehre über rein' und unrein ausgenommen worden, lvenn dasselbe nicht auch irgendwie zu einem praktischen Gebrauche gedient ' hätte. Wir finden aber dasselbe Instrument unter einem andern Namen im Talmud, und da wird uns Näheres über dessen Verwendung mitgetheilt. Im Tractat Erubin 104 a. heißt es nämlich ruaa niirfc pnrD'VB&o> (Aruch hat die Lesart p). Sowohl Raschi als Aruch bezeichnen das hier erwähnte Gefäß als das Sied der Vestalin; man brachte nämlich unter demselben eine dünne Metallplatte an und lüftete den die obere Oefinung des Siebes verschließenden Pfropfen ganz wenig; dadurch fielen die Tropfen einzeln und allmählich auf' die Metallplatte und brachten ein einförmiges, harmonisches Geräusch hervor, geeignet, einen Kranken, der niO schlafen kann, cinzuschläiern. Durch eine etwas größere Lüftung des Pfropfens konnte man dann auch das Geräusch vermehren und unregelmäßig machen, so daß dadurch der schlafende Kranke, den man zu erschrecken fürchtete, wenn man ihn plötzlich oder unsanft (twa) wecken würde, erwachte. So diente dieses Gefäß dem doppelten Zwecke, den wachenden Kranken einzuschläfern oder den schlafenden auf sanfte und gelinde Weise zu wecken. Merkwürdigerweise ist an derselben Stelle rn Erubin der aus demselben Principe des Luftdrucks beruhende Heber ('En, Doppelmund) erwähnt pß»r»i ’snD rjw n'pm'? wie diese beiden Instrumente noch heute in unser» physikalischen Lehrbüchern nebeneinanderstehen. Während jedoch der Heber tagtäglich im Gebrauch ist, ist das Sieb der Vestalin längst außer Gebrauch gekommen und hat sich selbst in der Physik nur noch als interessante. Spielerer erhalten.

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