Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1871)
- Date
- 1871-11-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Feuilleton. Die Iudw in Südaravien. (Schluß.) So kommt es denn, daß wir fast in allen Gegenden Südarabiens, namentlich in den Städten, Juden finden. Ja, man kann so ziemlich den Blüchezustand einer Ortschaft nach der Zahl der sie bewohnenden Juden abschätzen. Nur im eigentlichen Hadhramaut, dessen Bevölkerung centralarabischen Ursprungs und, wie alle Centralaraber, fanatischer ist, werden keine Juden geduldet. Auch in Jafia gibt es jetzt keine; es scheint aber früher dort welche gegeben zu haben, da eine der größten Ortschaften, „Schäbel Aahüd", nach ihnen benannt ist. Ich glaube jedoch weniger, daß Fanatismus mit im Spiel war, die Juden von Jafia zu entfernen. Dieses Stammesgebiet ist, seit es sich von der Herrschaft der Jrname von Säue frei machte, sehr irr der Kultur zurückgegangen und seine Einwohner sind verwildert, so daß die Juden sich wohl freiwillig aus einem Lande, das ihnen nichts mehr bieten konnte, zurückgezogen haben mögen. Ucberall sonst in Südarabien duldet man die Juden prinzipiell, wenn man auch noch so streng im Fernhalten aller anderen Nichtmoslems ist. Ein schlagendes Beispiel von dieser Ausnahmsstellung der Juden lieferten die neuesten Religionsverfolgungen von Sana, wo man vor einigen Jahren alle nichtjüdischen Andersgläubigen, namentlich die vielen Hindus die dort lebten, zwang, zwischen Uebertritt oder Tod zu wühlen, und da die Meisten den letzteren vorzogen, ein fürchterliches Blutbad veranstaltete. In derselben Stadt lebt aber eine zahlreiche Judengemeinde, die bei dieser Gelegenheit ganz unbehelligt gelassen wurde. Die Juden sind eben den Arabern unentbehrlich, namentlich in ihrer oben erwähnten Eigenschaft als Waffenschmiede, jedoch auch noch anderer Industrien wegen, wie Baumwollweberei, Tüncherei und der wenigen übrigen Gewerbe, welche bei diesem bedürfnißlosen Volke überhaupt Vorkommen. Die Juden stehen deßhalb überall unter dem Schutz der Obrigkeit und, wo eine solche fehlt, unter dem der freien Beduinen-L>tämme. In diesem Lande der erblichen Blutrache würde es freilich unmöglich sein, den Mörder eines Juden mit dem Tode' zu strafen, da der Mord eben meist durch die Blutrache gesühnt wird, ein Recht, das jedoch nur dem Araber, nicht dem Juden zusteht. Die Juden würden also vogelfrei sein, hätte die südarabische Völkersitte hier seit uralter Zeit nicht einen anderen Ausweg ergriffen. Dieser ist, daß man es für Schande erklärt, einen Juden zu tödten, was vollkommen den ritterlichen Begriffen von Ehre entspricht, da die Juden unbewaffnet sind, und ein Unbewaffneter im kriegerischen Sinne nicht für einen Mann gilt. Deßhalb hört man oft Araber sagen: „Die Juden sind wie die Frauen; Nnes dieser Beiden zu tödten, schändet den Mann". Sind so Leben und Gut der Juden im Innern von Südarabien gesichert, so ist doch ihre Stellung in jeder anderen Beziehung keineswegs eine beneidenswerthe. Vie sind einer Menge von Demüthigungen ausgesetzt. Wie in Marokko, dürfen sie keine Pferde, sondern nur Esel reiten. Begegnet ein so berittener Jude einem Araber, so muß er vom Thiere absteigen, es am Halfter führen und zur linken Seite ausweichen, während die Araber dies sonst zur rechten thun. Alle Araber sprachen sich höchst fanatisch und verächtlich über die Juden aus, denen sie freilich nichts nachsagen konnten, als daß sie eben einem von ihnen verachteten Glauben angehören. Das genügt aber in den Augen des Arabers, dem dogmatische Sünden schlimmer sind, als die schändlichsten Verbrechen. Daß die Juden ihre gedemüthigte Stellung ertragen und sich daran gewöhnt haben, ist in Südarabien vielleicht leichter zu erklären, als anderswo. Die Juden sehen eine ganz andere Menschenklasse neben sich, die Achdam und Schumr, welche einer ganz ähnlichen Verachtung unterliegen, wie sie selbst, ja die in gewisser Beziehung noch mehr zu beklagen sind, da sie nicht den Trost religiöser Genossenschaft haben, wie die Juden. Die am tiefsten stehende Paria-Kaste, die Schumr, sind, obgleich Mohamedaner, doch vom Besuch der Moscheen ausgeschlossen, besitzen auch keine eigenen Lehrer und Gotteshäuser. Den Juden tröstet seine Religion über allen Unglimpf, der ihm in der Welt widerfährt. Welcher geistige Trost bleibt aber diesen, unglücklichen mohamedanischen Auswürfiingen, die sich zur herschenden Religion bekennen, jedoch aller Glaubensmitteln und Erbauung entbehren? In der Hoffnung aus eine bessere Zukunft ist der Jude beharrlich , und die Thatsachen geben ihm Recht, denn diese Hoffnung beginnt sich zu verwirklichen und hat sich in der That schon auf vielen Punkten verwirklicht. Auch in Südarabien befindet sich ein solcher Punkt, nämlich Aden und seine nächste Umgebung. Nur wer den Orient genau kennt, kann das Unermeßliche des Umschwungs zum Besseren würdigen, welchen die engliche Herrschaft in Aden für die Juden mit sich gebracht hat. Aber nicht nur in Aden allein sind sie den Arabern, ja, den Engländern selbst rechtlich gleichgestellt, sondern auch in den benachbarten Sultanaten beginnt sich der Einfluß der englischen Toleranz, heilsam geltend zu machen. Die Sultane der Abädel von Laheg und der Fohdli von Schughra können heutzutage nicht mehr wagen, Juden mit ungerechter Willkür zu behandeln. Sie fürchten sich vor Vorstellungen von Seiten der Engländer und vermeiden es, zu solchen Grund zu geben.