Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1871-09-27 · Heft 39-40 (27.9.1871) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 39-40 (27.9.1871)
Date
1871-09-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447499-2447538--09739-2465449
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

728 Es tritt uns hier ein gewaltiger Gegensatz entgegen: Adam, dem die höchste Herrlichkeit, die Gott- Lhnlichkeit, war geschenkt worden, verliert sie durch eigene Schuld; Moscheh aber, der sie sich durch unendliches Mühen errungen, bewahrt sie für ewig. Ach, die schönen, unschuldsvollen Tage des Paradieses sind für immer dahin; die Sünde in ihren vielfachen Gestaltungen und Reizungen beherrscht das Menschengeschlecht und macht es seines höchsten Schatzes, seiner Gottähnlichkeit verlustig; dem Menschen ist aber die Kraft verliehen, gegen die Sünde zu kämpfen und sie zu überwinden, und Moscheh hat so gekämpft und überwunden; er hat die Gottähnlichkeit aufs Neue errungen, und dieselben Mittel sind auch uns, seinen Schülern, zur Hand. Die Weisen erzählen uns eine wundervolle Parabel. Als die Zeit herangekommen war, da Moscheh sterben sollte, ging der Todesengel hin, um seine Seele zu fordern. Aber er fand ihn nicht, denn Gottes Majestät hatte ihn schon ausgenommen. Und überallhin zog der Todesengel um Moscheh 311 suchen; er fragte das Meer: hast du Moscheh nicht gesehen? Und das Meer sprach: Seit dem Tage, daß er Israel hindurchgeführt, habe ich ihn nicht gesehen. Und er ging auf die Berge und Hügel und fragte nach Moscheh; diese aber sprachen: Seitdem er auf Sinai die Tchora empfangen, haben wir ihn nicht gesehen. Und er stieg hinab in die Hölle und fragte: Hast du Mo- ^scheh nicht gesehen? Und die Hölle sprach: Seinen Namen habe ich gehört, ihn habe ich aber nicht gesehen. Da steigt er hinauf in den Himmel und fragt die Engel Gottes nach Moscheh; diese aber sprechen : er befindet sich bei den Menschen. Und hinab eilt er auf' die Erde und fragt Israel nach Moscheh, und Israel spricht: loipa y-r «im o-n pn Gott weiß seinen Weg und kennt keinen Ort. Um den tiefen Sinn dieser wundervollen Erzählung zu erkennen, müssen wir vorausschickcn, daß nach der Lehre der Weisen der Todesengel, der Ankläger und der sündige Trieb nur Einer ist, «in, jnn "U’n «in, man; denn der sündige Trieb verführt den Menschen; da heißt er jnn nsr; er selbst macht den Ankläger dann; da heißt er er selbst ist dann der Vollzieher der Strafe; da heißt er man i«ba. — Am Meere sucht der böse Trieb zuerst den Moscheh; gleicht doch das Leben nur zu oft der vom Sturme aufgewühlten See, auf welcher unser Lebensschifflein zu zerschellen droht. Moscheh ist gefestigt gegen solche Stürme; war er cs doch, der Israel hmdurchgcfnhrt hat durch das Meer. — So Mancher aber, der der: Stürmen des Lebens Widerstand leistet, geht durch Hochmuth, Eitelkeit und Uebcrmuth dein Verderben entgegen, sobald er in Ruhe und Sicherheit auf die stmnigen H ö h e n des Lebens gestellt ist. Auf den Bergen und Hügeln sucht die Sünde den Sohn Amrams; er aber hat den Berg nur deßhalb erstiegen, um die Thora zu empfangen; sie schützt ihn bor Uebermuth, Hochmuth, Eitelkeit; trotzdem Moscheh so groß geworden, ist er doch der Bescheldcnfte, der Demüthigfte unter den Menschen geblieben. — Die Sünde hat aber noch tausend andere Versuchungen, Reizungen, Lockungen, Verführungen, denen derMensch nur nachzugeben braucht, um der Hölle zu verfallen; allein bei Moscheh haben alle diese Lockungen keinen Erfolg gehabt. „Seinen Namen habe ich gehört," spricht die Hölle, „ihn aber habe ich nicht geschehen!" — Doch, vielleicht ist Moscheh ein Engel, der seiner Natur nach der Sünde unzugänglich ist? Nein, sagen die Engel, er ist nur ein Mensch, und dennoch hatte er die Kraft, die Gottähnlichkeit sich zu erringen und zu bewahren. — Und Israel spricht: Gott kennt seinen Weg und Er weiß seinen Ort. Auch wir wollen von der Allgegenwart und Allwissenheit Gottes stets durchdrungen sein, und wir können werten wie Moscheh war — nicht Propheten wie er, aber zu Gott strebende Menscheil wie er. II. Aber nicht nur in der Widerstandskraft gegen die Sünde und irr der Ausbildung der Eigenschaften des Geistes und des Herzens muffen wir Moscheh nachftreben, sondern auch in der Art und Weife des Einwirkens auf die Mitmenschen. ,^oan mo 122 rwsb ru mb io« ro 32 rvn toi issynx r6sn nn« ib na« rwoi '27 bwa njnn ty - 't omn 2to ’JN Va« *pn m ri« b'L.n «bi iauy mrapn b'trn nn« ü'3 ivw mrso inrsD n«i iasy nnso »inj'SD Und Noach sprach zu Moscheh: Ich bin größer als du, denn ich wurde vor der Sündfluth gerettet. Und Moscheh antwortete: Du wurdest gerettet, hattest aber nicht die Kraft, deine Mitmenschen zu retten; ich aber habe mich und mein Volk gerettet, so daß Gott das Böse nicht brachte, das Er über sein Volk verhängt hatte. Du gleichst dem Steuermann, der aus dem Schiffbruche sich selber rettet; ich aber als ein kundigerer Steuermann habe mein Schiff vor Schiffbruch bewahrt. Eine neue Sündfluth bricht heran —nein, ist bereits angebrochen; es ist bekannt, daß man die große französische Revolution von 89 „die neue Sündfluth nemlt, und wahrlich, wir befindert uns noch ikrmittßn der Fluchen und Wogen derselben — eine geistige Fluch, die das Oberste zu uilterst, das Unterste zll oberst gekehrt hat und noch täglich kehrt. Die Fluthen drohen über unseren Köpfen zusammen zu schlagen und unser Schiff droht zu versinken; da gilt es, nicht bloß dem Noach gleich, sich selbst zu retten, sondern auch sein Volk iil den sicheren Hasen der Gotteserkennlniß, der Gottessllrcht, der Liebe zu Gott, der Gesetzestreue zu leuken und dort sicher zu bergen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.