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Der Israelit · 1871-08-02 · Heft 31 (2.8.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 31 (2.8.1871)
Date
1871-08-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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590 sich von den österreichischen Landen zu entfernen schien, so durste er hoffen. daß er, sobald er die böhmische Grenze überschritten hatte, sein Reiseziel unbehelligt erreichen würde. Da wurde eines Tages der Postwagen angehatten; der Postillon, der sich zur Wehre setzen wollte, wurde niedergeschossen, die Pferde wurden ausgespannt und als Beute erklärt : die Reisenden mußten aussteigen. Da sah Menascheh den schrecklichen Trent. Von herkulischer Gestalt, mußte er einst rin schöner Mann gewesen sein; jetzt aber sah er fürchterlich aus: einst hatte der Entsetzliche eine Apotheke geplündert: fürchtend, daß seine Leute einen Theil der Beute unterschlagen möchten, wollte er überall zugegen sein: da kam er mit einer Kienfackel einer Pulvertonne zu nahe : eine furchtbare Explosion erfolgte: Trenk wurde zu Boden geworfen und seine Kleider singen Feuer: das Pulverhorn, das er bei sich trug, entzündete sich, und eine zweite Explosion folgte der ersten : trotz der entsetzlichsten Schmerzen hatte der Unerschrockene die Geiftesgegewart, die Patronen, die er bei sich führte, fortzuwerfen: diese entzündeten sich ebenfalls und die Kugeln stogen umher; jetzt fiel der starke Mann in Ohnmacht : aber die mrchtbaren Brandwunden brachten itm bald wieder zu sich: unter Bitten und Drohungen forderte er seine Leute ans, ihn hinauszutragen und von den brennenden Kleidern zn befreien; die Panduren aber fürchteten sich vor nochmaligen Explosionen: als sie ihm endlich zu Hilfe kamen, rifien sie ihm mit den brennenden Kleidern die Haut und ganze Stücke Fleisch herunter. Damals schwebte Trank zwischen Tod und Leben: aber schon nach zehn Tagen zog er, noch nicht zerlesen, auf neue Kriegsabenteuer aus. Aber, wie sah der Fürchterliche jetzt aus! Bis zur Unkenntlichkeit'entstellt, war ergänz schwarz gebrannt, und Brandnarben bedeckten seinen Körper, sein Gesicht und seine Hände. Nicht minder schrecklich sahen seine Panduren aus, in ihrer phantastischen Tracht, mit ihren rothen Mänteln, mit ihren «en Mordwaffen.' Menascheh zitterte an» ganzen rls er sich dem schwarzen Führer und feiner entmenschten Horde gegenüber sah; er war keines Wortes mächtig und konnte auf die Fragen der Panduren, die über die Stellung des Feindes Näheres wissen wollten, keine Sylbe antworten. Und das war sein Glück. Hätte man ihn a»l seiner Sprache als Inden erkannt, so wäre er der schrecklichsten Mißhandlung preisgegeben gewesen; denn wenn die Panduren gegen alle Menschen gleich wüthenden Thieren verfuhren, so entwickelten sie?legen die Juden eine ganz besondere raffinirte Grauamkcit. Die Reisebegleiter Menafcheh's antworteten statt des erstarrten Jünglings, daß man auf der ganzen Reise auf keine Soldaten gestoßen wäre. Das Gepäck der Reisenden wurde denn für Kriegsbeute - erklärt; ebenso mußten sie ihr? Geld, ihre Uhren, Ringe und andere Kostdarkeuen aluideiu; dann wurden die Unglücklichen entlasten, ftoh ohne körperliche Mißhandlungen der Unmenschen zu entkornmen. Menascheh hatte weiter nichts übrig behalten, als die Kleider, die er auf dem Leibe trug und die Thephillin. die er in der Tasche seines Rockes geborgen hatte. In welcher traurigen Lage berank sich nunmehr der bedauernswerthe Jüngling! Er, der bisher von wohlhabenden Leuten wie das eigene Kind lvar erzogen worden, stand jetzt ann und verlassen auf der Landstraße, nicht wissend, woher er die Mittet zur Weiterreise nehmen. nicht wissend, wovon er, welln er das Ziel seiner Reise erreicht hatte, sein Leben fristen sollte; denn bis er wieder Geld von den Seinen in Frankfurt erhalten konnte, darüber nmßten Monate verstießen. Allein die jüdische Barmherzigkeit nahm sich des Verlassenen an. Wohin er kam, überall wo Juden wohnten, fand er Mitleid, Theilnabme und Unterstützung. Bald zu Fuß gehend, bald Fahrgelegenheiten benutzend, bald sich Tage, bald Wochen lang bei mitleidigen Glaubensgenossen von den Strapatzen der Reise erholend, kam er nach Böhmen, lind endlich »lach Pilsen, wo gerade der große und weit berühmte Piliener Markt adgebalteu würbe. Hier fand er viele jüdische Kaufteute ans Prag, die ihre Waaren seilboten, und als der Markt vorüber war, erlaubte ihm aus Mitleid einer derselben. den Packwagen zu besteigen, sich auf eine Kiste zu setzen und bis zur Hauprstadr des Böhmerlandes mitzufahreil. Das war eine beschwerliche Fahrt! Pielemal stieg Menascheh ab, um den durch das Herabhängen von der Kiste erstarrten Beine Bewegung zu gönneil. Dann tief er neben dem Wagen her. bis er todrmüde seinen Platz auf der Krste wieder einnahm. In dem bedauernswerthesten Zustande kam Menascheh endlich in Prag an; halbgerädert, erschöpft von all den Anstrengungen, halbtodt vor Hunger und Durst; denn die Nahrung, die ihm der mitleidige Kaufmann gegeben, war nicht die reichhaltigste gewesen. Mit schwerem Herzeil fuhr er durch das Thor der alten Praga. Was nun beginne!», ohne Geld, ohne Freunde, ohne Bekannte? Da erinnerte sich des Ausspruches der Weisen in den Sprüchen der Väter: „Brod mit Salz sollst Du essen, Waffer karg zugemessen trinken, auf der Erde schlafen und um die Thora Dich bemühen. Wenn du also thuft, dann Heil dir und wohl dir. Heil-dir in dieser Welt und wohl dir in der zukünftigen Welt." Er sagte die Worte in hebräischer Sprache halblaut vor sich hin und fühlte sich wunderbar getröstet und ermuthigt. ((Forts, folgt.» Hierzu zwei Beilage». Verantwortliche Redaction. vr. Lebmann. — Derlaa der Le Ron Dicken Hoibuchbandluna. „1. Go rtskcöen's Buchdrucker« in Mainz.

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