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Der Israelit · 1871-07-05 · Heft 27 (5.7.1871) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 27 (5.7.1871)
Date
1871-07-05
Page
– (sequence 14)
Language
German
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524 die ihm um so höher anzurechnen ist, als er da mit einem Schlage eine schwererrungene, einflußreiche Parteistellung aufgab, um dem Wohle des Landes, das nach innerem Frieden verlangte, seine alten Beziehungen, ftine Traditionen und vielleicht seine Zukunft — denn wie Viele hielten danrals den norddeutschen Bund ernstlich für lebensfähig? — zum Opfer zu bringen. ■ Von Anfang an war es ihm überhaupt schwerer wie den meisten Anderen geworden, sich öffentlich zur Geltung zu bringen. Wie Demosthenes hatte Laster die seltsamsten Schwierigkeiten zu überwinden, um überhaupt als Redner von Einfluß zu werden. Seine kurze, gedrungene Gestalt mit der alttestamentarischen Physiognomie, sein Organ, das an rauhen Gutturaltönen mehr als nöthig hervorbrachte, sein ganzer Scharfsinn, der an talmudrsch-grübelnde Weisheit gern ahnte, waren ebensoviel Eigenarten, die ihn namentlich aut den Bänken der rechten Seite des Hauses zur unangenehmsten Erscheinung machten, eine Empfindung, die unsere Conservativen nicht anstanden, ihm oft genug fühlbar werden zu lassen. Und dennoch bezwang er die so offen zur Schau getragene Abneigung, die nicht selten bis zum unduldsamsten Widerwillen gesteigert worden war; dennoch nöthigte er auch seinen altpreußischen Gegnern durch die erdrückende ülle seiner Talente, durch die Unbescholtenheit seines harakters und die Ueberlegenheit seines Urtheils eine jene Herren fast befremdende Ächtung ab, die sie, wenn Laster spricht, sich selbst die größte Ruhe auferlegen heißt. Auch Fürst Bismarck kann sich dem Einfluß nicht entziehen, den Lasker's haarscharfer Verstand, sogar da, wo er als praktischer Politiker nicht mit ihm übereinzustimmen vermag, auf ihn ausübt, und bei jeder Gelegenheit betont der Fürst, in wie hohem Grade ihm das parlamentarische Wirken eines solchen Mannes werthvott, nützlich und erfreulich erscheint. Der oben erwähnte, nun verstorbene Twcsten, dessen Amtsnachfolger jetzt auch Laster als Verwalter des Berliner städtischen Pfandbriefs-Instituts, einer ehrenvollen Sinekure, geworden, übte auf den etwas feuerbrandigen Abgeordneten stets den gedeihlichsten, weil mäßigenden, Einfluß aus. Laster war sonst wohl oft unberechenbar in politischen Dingen. Die straffe Parteidisciplin bchagtc ihm nicht allezeit und nicht selten zog er einen unabhängigen Franctireur- und Parteigängerkrieg einer geordneten parlamentarischen Schlacht vor, in der er einer ausgegebcnen Parole und Losung gemäß hätte handeln, reden und stimmen müssen. In solchen Fällen war es besonders Twesten, der ihn zu moderiren wußte und der stets die Einwirkungen der Berliner Atmosphäre auf das leicht erregbare Gemüth des Freundes abzufchwächen verstand. Laster war nämlich vor der Trennung von der Fortschrittspartei in Berlin als Mitglied dieser letzteren gewählt und später natürlich beim streng oppositionellen Charakter der Hauptstadt fallen gelassen worden. Da er nun überhaupt sich stets auf der linken Seite der Nationalliberalen hielt/ so konnte es nicht fehlen, daß zuweilen die alte Freundschaft mächtiger in ihn: wurde — als es sich mit der Disciplin der neuen Partei vertrug, der er seit dem Herbst 1866 angehörte. Er liebte es, in seinem früheren Wahlkreise politische Fühlung zu nehmen, die nicht immer mit den Neigungen seiner eigentlichen Parteigenossen übereinstimmte. Dann ging er wohl in kühnem Anlauf vorwärts, in der Meinung, die Seinen mit sich sortreißen zu können — aber bald fand er sich isolirt, ein General ohne Truppen, und schleunigste Umkehr war geboten, sollte die Waffenehre nicht unnütz auf's Spiel gesetzt werden. Dies, sowie die Abwesenheit eines ausgeprägten politischen Taktgefühls hat ihm manche Unannehmlichkeiten, Feinde und gehässige Neider geschaffen. Hier sei nur an sein tollkühnes Vorgehen in Bezug auf den Eintritt Badens in den norddeutschen Bund als ein Beispiel solchen Mangels eines gesunden ftaatsmännischen Jnstincts erinnert, da dasselbe zu einer Zeit erfolgte, in welcher Deutschlands Feinde nur darauf lauerten, uns in flagranti des Vertragsbruches ertappen zu können, und wo das Fernbleiben Württembergs und Bayerns uns eben jene starre Zweitheilung des Vaterlandes geschaffen haben würde, die gerade zu vermeiden der Angelpunkt unserer offiziellen und seiner eigenen Parteipolitik war. Laster, ohne schön zu sprechen, hört sich doch als Redner gern und spricht darum vielleicht öfter, als es für einen Mann gut ist, der als geistiges Oberhaupt seiner Freunde sich lediglich für die großen Gelegenheiten aufsparen sollte, damit alsdann sein Wort mit um so größerem Gewicht in die Wagschale falle. ' Der Abgeordnete, jetzt ein angehender Vierziger, hat fteilich in der gegenwärtigen Session in dieser Weise mehr Maß gehalten. Fast scheint es, als ob die Fahre anfingen, seine Heißsporn-Neigungen ein wenig zu dämpfen, und das Wort, daß er bei Beginn der Session aussprach, es empfehle sich nach so viel Erreichtem eine „kurze Siesta" auf dem Gebiete der gesetzgeberischen Thätigkeit, gestattet wohl einen Rückschluß auf seine persönliche Anschauungs- und Handlungsweise. Und in der That, "er darf sich mit gutem Fug seine „kurze Siesta" gestatten, trägt doch die Gesammt- Gesetzgebung dieser letzten schöpferischen und fruchtbaren Arbeitsjahre unverkennbar den Stempel feines Geistes, seines Wissens und seiner eigenthümlichen Kraft, so daß er wie Niemand berufen ist, sich des Gewordenen zu freuen, wenn auch fein ferneres Mitwirken am Werdenden ihm noch lange von: Vaterlande abverlangt werden soll und abverlangt werden wird."

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