Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1871)
- Date
- 1871-07-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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512 gelacht. War es nicht lächerlich, daß vielleicht zwei Procent der deutschen Rabbiner sich anmaßten, aus eigener Machtvollkommenheit.ein neues Judenthum zu dekretiren! War es nicht lächerlich, daß diese Versammlung ihr angemaßtes Gesetzgeberhanorverk auch da noch fortzusetzen suchte, als nicht nur viele Gemein- , den sich dagegen verwahrten, fonderu auch eine wenig- | siens sechsmal stärkere Anzahl wirklicher, frommer und gelehrter Rabbinen laut, wohlbegründet und feierlich gegen diese Anmaßung einen Protest erlassen hatte! Doch war es nicht die Lächerlichkeit allein, welche der Rabbinerversammlung nach kurzem und kümmerlichem Dasein ihr baldiges Ende bereitete. Das schrankenlos hierarchische Streben, welches sich in der Ausschließung aller nicht angeftellten Rabbiner, ohne Rücksicht auf anderweitige moralische und wissenschaftliche Befähigung, bekundete, hatte den Gemeinden längst die Augen geöffnet, als man auch aus anderen Erscheinungen die selbstsüchtigen Motive der Theilnehmer erkannte. Die Braunschweiger Versammlung war nämlich so undankbar gewesen, einen Anderen zum Präsidenten zu wählen, als den, welcher ihr das Dasein gegeben. Das veranlaßte diesen, eine vernichtende Kritik über die Versammlung und ihren Präsidenten zu schreiben; aber jener und noch Andere schrieben auch, so entstand eme bezüglich der Schmähungen wahrhaft klassische Broschürenliteratur. Uebrigens entlarvte sich der Egoismus der Hochwürden noch besser in einer andern Weise. Es war hauptsächlich die von den Herren sogenannte Knltnsfragc, über welche sie vielfach debattirt und beschlossen hatten. Wer obwohl man sich verpflichtet hatte, die Beschlüsse der Versammlung strikte durchzuführen, so verfaßte hintennach doch fast jeder Theilnehmer für seine Gemeinde ein eigenes Gebetbuch, weil er auf den wohlfeilen Ruhm, einige Zeilen des altehrwürdigen traditionellen Gebetbuches gestrichen und etliche Lieder von Flemming und Gerhard für die Synagoge bearbeitet zu haben, nicht verzichten konnte. Das war die Rabbinerversamnrlung. Wir haben bei ihr etwas länger verweilt, weit ihre Naturgeschichte auch die der Synode ist, weil die Synode ganz dieselbe ist; doch — nicht ganz dieselbe — der vom Tode heraufbeschworene Schatten derselben, der Schatten eines Schattens. Zur Zeit der Rabbinerversammlung war das gesetzestreue Judenthum noch weniger organisirt, die Typen zu seiner Presse waren kaum gegossen; oberflächliche Leute konnten seine Widerstandsfähigkeit unterschätzen. Aus Seiten der Neologie gab es noch Manchen, der naiv genug war, au die Möglichkeit und Nothwendigkeit einer durch die Rabbinen zu bewirkenden Reform zu glauben. Heutzutage ist das Alles anders. Das gesetzestreue Judenthum ist erstarkt und schafft allenthalben lebensfähige Institutionen; seine Presse hat die der Neologie längst überflügelt, und in dem Bewußtsein seiner Kraft findet es sich nicht einmal veranlaßt, gegen die Synode auch nur zu pwteftiren. Andererseits ist der Gck>«ike, durch die Rabbinen eine Re form durchzuführen, von den Reformern, so weit st nicht selbst Raobiner sind, längst als Thorheit erkann Gemeinden und Privaten dieser Richtung sind den Rah binen über den Kops gewachsen. Jeder sieht ei daß ein Rabbiner nux das Positive lehren kann; w er davon ab, maßt er^sichdie Maä^. zu binde» zu lösen, an, so hört er auf, Kabbtner im Sinne des Wortes zu sein und wird ein Sektiu. y solche scheinen aber heutzutage keine reichen Er"":' ln- 1 l Aussicht zu stehen. Denn wer in seinem Gewissen'sic! 8 einig fühlt mit der Religion feiner Väter, der will unverkürzt und uuvermehrt erhalten wissen; wem ade diese Übereinstimmung mit seiner ererbten Religio fehlt, der unterzöge sich wahrlich unnöthiger Weise eine großen Unbequemlichkeit, wollte er von Anderen ein neue Religion sich zuerst machen lassen; wer aus solche« Standpunkt steht, der besorgt sich das selber — wozi braucht er Rabbinen und Synode? Die Rabdinervec sammlung erschien vielleicht zu ihrer Zeit hie und d Einem ihresgleichen als zeitgemäß — die Synode ii für Jedermann ein Anachronismus. Wir können nicht umhin, auf einen Kunstgriff hi« zuweisen, durch welchen sich die Synode als zweite Ans läge der Rabbinerversammlung unkenntlich mach möchte, mn ihre Existenz mit einigem Scheine der $ rechtigung zu umgeben. Wie bereits erwähnt, wies Di Rabbinerversamnllung Jedem, der nicht angestellter Re.s biner war, die Thüre. Die Synode läßt auch Lehr, und Laiendelegirte der Gemeindelr zu. Erfteres offenb« um ihr Bruttogewicht zu vermehren und durch die« Ballast ihr schwach besetztes Schisflein gehörig mtti Wasser zu hatten, vielleicht auch, um durch die Bev zugring der Lehrer diese als Agitatoren zu gewinn« Letzteres — und darin liegt der Kniff — um mit ei gem Scheine behaupten zu können, die Synode h eine Sendung von den Gemeinden. Das i st a b Täuschung. Denn die Zahl der von den Gemeind gesandten Mitglieder bildet nur eine unbedeutende Ä norität, und die Versammlung bieibr in ihrer Majo tat eine von Niemand berufene, für Niemcui bindende und in jeder Beziehung unberechtiz Privatverfammluna. Es geht aber derseld nicht blos der rechtliche Beruf ab, es mangelt ihr ai der wissenschaftliche. Dies geht schon aus ihrer Zuft mensetzung hervor; denn daß Lehrer und Gemein deputirte, wenn auch im Schul- und Verwaltungsft recht tüchtig, in ihrer großen Mehrzahl tötül unbefch sind, irgendwelche religiöse Fragen wissenschaftlich discutiren, wird eines Beweises wohl nicht bedürfe Die Anwesenheit solcher Theilnehmer schließt also Unterstellung, dje Versammlung habe einen wissensch lichen Charakter, von votrcherein aus. Aber auch ‘ größten Theil der Modirenden Rabbinen mangelt ja d