Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1871)
- Date
- 1871-06-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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„„Mein Weib, meine Kinderd Ich wollte sie verlassen, wollte mit dem Gelde em Leben der Freude aufsuchen! Gott sei mir Sünder gnädig!"" Unterdeß war es Tag geworden; das Gewitter hatte ausgetobt, und die aufgehende Sonne sendete ihre ersten Strahlen in das Krankenzimmer. „Sterben, sterben!" seufzte der Kranke, „als Verbrecher sterben! Nein, das kann ich nicht, das will ich nicht; ich folge Eurem Rathe, Junker!" Tnumphirend ging Görz von dannen, um der Fürstin Bericht zu erstatten. Um zehn Uhr Morgens begab sich Fürst Ferdinand in Begleitung seines Juftitiarius zu dem Hofprediger. „Müller," sagte der Fürst, „Ihr nennet das Geschick, das Euch bettaf, ein Gottesurlheil. Nicht wahr, Ihr meintet damit, Gott sandle Euch den Blitzstrahl wegen Eures Antheils an der ungerechten Hinrichtung -es Hofagenten und der Seinend" „„Gnädigster Herr,"" entgegnete der Hofprediger mit zitternder Stimme, „„Sie haben meinen Motten eine irttge Deutung gegeben. Ich habe keinen Antheil an der Hinrichtung des Juden und halte dieselbe für eine durchaus gerechte. Es ist etwas Anderes, dessen ich mich anklagte. Mein Fürst war gestern ungnädig gegen mich; da fand ich das Gold und das Silber und Die Juwelen. Statt die Sache anzuzeigen, wie es recht gewesen wäre, beschloß ich, das Vermögen Nathans mir anzueignen, um mir eine unabhängige Stellung zu verschaffen. Da ttas mich der Blitzstrahl, und ich sah darin die fttafende Hand Gottes. Ja, ich habe gesündigt; ich wollte mir ungerechtes Gut aneignen! Gott sei mir Sünder gnädig!"" Enttäuscht blickte der Fürst auf den Kranken. Es klang so wahrscheinlich, was dieser sagte, und doch hatte Ferdinand ganz andere Geständniffe erwattct. „Durchlaucht," jammette der Kranke, „verzeiht mir, daß ich der Versuchung nicht widerstanden, daß ich meine Hände beflecken wollte mit ungerechtem Gut! Laßt mich unwürdigen Mann in meinem Amte, wenn ich wieder genese!" „„Fern sei es von mir," sagte der Fürst, „Euch wegen sündiger Gedanken strafen zu wollen. Aber ich bitte Euch, sagt mir die Wahrheit: Ihr haltet das an Nathan vollstreckte Uttheil für gerecht V“ Vergebens bemühte sich der Kranke zu sprechen; er sing heftig an zu weinen. Inzwischen war der Leibarzt in das Krankenzimmer getreten. „Durchlaucht," sagte dieser, „wenn Sie den Kranken nicht tödten wollen, so dürfen Sie ihn nicht weiter aufregen." Der Fürst ging, voll schwerer Sorgen; er konnte -sich des Gedankens nicht entschlagen, daß seine erste Vermuchung die richtige gewesen, daß der Hofprediger, gleich als er wieder zur Besinnung gekommen, sich eines schwereren Verbrechens als einer beabsichttgten Unterschlagung angeklagt habe. Auf dem Gange nach dem Schlosse begegnete ihm die Fürstin, der er das Resultat feiner Untersuchung erzählte. „Und das beftiedigt Dich nicht, Ferdinand?" sagte sie. „Und doch ist Alles, was Müller sagt, so einleuchtend! Du bist krank, mein Gemahl, Du quälst Dich mit unnützen Sorgen. Laß uns auf Reisen gehen, Zerstreuungen suchen, und Du wirst gesunden!" „„Ja,"" sagte Ferdinand, „„ich will reisen, sofott reisen. Willst Du mich begleitend"" „Gewiß!" „„So mache Dich reisefertig, wir reisen noch heute!"" „Und wohin d" „„Wohin Du willst!"" „So wollen wir uns zunächst an den Hof des Königs von Frankreich begeben, nach Paris und Versailles." „„Ich bin's zufrieden."" Im Schlosse angelangt, ließ der Fürst den Haushofmeister zu sich bescheiden. Dieser erschien, die Augen voller Thronen. „Hans," sagte der Fürst ohne ihn anzusehen, „laß meine und Deine Sachen einpacken. Wir werden noch heute verreisen!" „„Durchlaucht, mein Weib ist soeben gestorben."" „Gott habe sie selig. Ihr ist wohl; sie hat lange genug gelitten." „ „Datt ich sie nicht erst zur Erde bestatten, Durchlaucht d"" „Nein, ich will heute noch reisen, und Du mußt mich begleiten; ich bedarf Deiner; ich weiß, auf Deine Treue kann ich mich verlassen, und die tteuen Diener sind so selten beut zu Tage! Was Deine Frau betrifft, so werde ich Befehl erlheilen, daß sie mit allen Ehren bestattet wird. Wir reisen binnen zwei Stunden." Nach zwei Stunden schon fuhren der FW und die Fürstm mit großem Gefolge, bei welchem sich auch der Kammerjunker und Hans Gericke befanden, auf der Landstraße dahin, welche der ftanzösischen Hauptstadt zufühtte. In der Trauer um die gestorbene Gattin und im Trubel der so plötzlich erfolgten Abreise hatte Hans vergessen, Anordnungen wegen des Kindes zu treffen, das er dem Juden Abraham in Nußdorf anvettraut hatte. (Fottsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Noux'schen Hoshuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz. >