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Der Israelit · 1871-06-07 · Heft 23 (7.6.1871) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 23 (7.6.1871)
Date
1871-06-07
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XI Jahrgang. Kratz' Hypothese üSer die Entstehung des Kanon Von I)r. A. Sulzbach. In seinem neuesten exegetisch-kritischen Werkes tritt Grätz mit einer neuen Hypothese über die Entstehung des Kanon hervor, welche einer kritischen Beleuchtung in diesen Blättern von uns unterzogen werden soll. Doch noch einige Vorbemerkungen. Grätz hat das Buch Kohelet mit Übersetzung und Commentar herausgegeben und ist durch seine Untersuchungen zu dem Resultat gekommen , als die Entstehungszeit desselben die Zeit des Herodes zu fixiren, dessen Regierung durch diese Schrift fatyrifch gegeißelt werden sollte; der Text wird vielfach emendirt, manche Stellen werden dislocirt; die Einleitung bespricht die Tendenz der Schrift, Anhang Nr. I. die Entstehung des Kanon, Nr. II. die griechische Uebersetzung, Nr. III. die Graecismen, und zum Schluß noch ein Glossar zur Erklärung schwieriges Wörter. Wir werden uns in dieser Abhandlung nur mit Nr. I. des Anhangs beschäftigen, ' weil wir hier geschichtlichen Boden haben; oo Kohelet von Salomo sei oder nicht, ob Stellen interpolitt seien oder nicht, ob gewisse Stellen des Buches auf-die Theilung des Reiches oder Herodes anspielen, das sind Fragen, über welche wir mit Grätz nicht rechten. Wenn Grätz den Lehrern der Mischna und Gemara nachzuweisen versucht, daß sie Textesworte der heil. Schrift mißverstanden und daher die aus diesen eruitte Halacha falsch sei, wenn er sie ältere Lehrsätze mißverstehen läßt und damit die Halacha tangirt: so stellt er sich damit auf einen Boden, auf welchem nur die Kritik, nicht aber der Glaube einen Platz hat, und, wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn er denselben Maßstab der Kritik an das Buch Kohelet legt. In dieser Beziehung kämpfen wäre nutzlos, da der Boden für beide Patteien so verschieden ist, daß ein Resultat niemals zu erzielen wäre. Es ist daher nicht unsere Aufgabe, die Recht- oder Nichtrechtgläubigkeit Grätz' zu prüfen, oder mit ihm zu streiten, ob man in den kanonischen Schriften emendiren dürfe oder nicht, ob wir verpflichtet seien, die Angaben der Agada über Verfasser und Entstchungszeii der verschiedenen Schriften ohne Weiteres als entscheidend anzunehmen: aber prüfen wollen wir, ob Grätz wissenschast- *) Kohelet oder der Salomonische Prediger, übersetzt und kritisch erläutert von Dr. H. Grätz, Professor an der Breslauer Universität. Leipzig unv Heidelberg 1871. (Winter.) lich das bewiesen hat, was er beweisen will, ob die Prämissen richtig gestellt und die Schlüffe richtig gezogen, ob endlich die Citate richttg angeführt und richtig verstanden sind? Zu drei verschiedenen Zeiten soll, so meint Grätz, der Kanon fixitt worden sein, und zwar zur Zeit Nehemias oder der großen Versammlung (400 v.), dann zur Zeit der schammaitischen und hillelittschen Schule (65 n.), und endlich auf der Synode zu Jamnia (90 n.). Die von Bleek ausgestellte Theorie, daß man ein Buch, das sich Ansehen erworben hatte oder das durch den Titel eines alten Verfassers empfohlen war, dem bestehenden Kanon angereiht habe, könne nicht richttg sein, da doch Kanonicität eine Bedeutung haben muffe, urch man doch nicht dem Ersten Besten es werde überlassen haben, „neue Schriften zu den alten mit gleicher Dignität hinzuzusügen. Oder geschah das Ausnehmen in diä Sammlung ohne besondere Bedeutung, warum hat ,martt Daniel den Hagiographen zugezählt und nicht lieber best Propheten, mit denen es doch so viele Aehnlichkeit hat? Dieser Punkt ist von den Forschem gar nicht in Bettacht gezogen worden, und doch ist er der einzige, welcher zur historischen Gewißheit führt." (S. 149.) So sehr wir Grätz zustimmen, daß die Theorie Bleek's eine falsche ist, da sie außer dem von ihm berühtten Fehler noch an einem weit größeren der An- - nähme von einem zu einem Ganzen Verbundensein der Propheten mit dem Pentateuch leidet^), so sehr beftemdet uns der Schluß der angeführten Worte des Vers., die Stellung des Buches Daniel sei von den Forschern noch gar nicht in Bettacht gezogen worden? Genügt Herm Grätz noch nicht die Entdeckung von der herödianischen Entstehnngszeit des Buches Kohelet und des endgülttgen Schluffes des Kanon in der sehr späten Zeit des Jahres 90, daß er auch die Entdeckung, die Stellung des Buches Daniel als Argument für die späte' Abfassung desselben gelten zu lassen, für sich in Anspmch nimmt? Wir ttauen Herm Grätz nicht so wenig Belesenheit in der Literatur der Bibelkrittk zu, daß er die' Beachtung dieses Punttes bei früheren Forschern nicht, schon gefunden haben sollte; es muß ihn aber sein sonst so gutes Gedächtniß hier verlassen haben. Um diesem kurzen Gedächtniß jedoch zu Hülfe zu kommen, wollen wir die bedeutendsten bett. Schriftsteller, so weit sie uns bekannt find, hier kurz erwähnen. RofennMer in seinen Scholien zum Buche Daniel *) Vgl. dessen Abhandlung: „Ueber Verf. und Zweck des Buches Daniel" in der theol. Zeitschr. von Schleiermacher, de Wette u. Lücke. 3. Heft. Berlin 1822. S. 198 ff.

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