Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1871)
- Date
- 1871-02-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447499-2447506--09066-2464744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
102 „Zurück, ihr Hunde!" wird ihnen entgegengerufen, „manch braver Kamerad ist durch euch, Ihr Höllenpack, gefallen, so fahret denn zur Hölle!" Sollen wir die grauenhaften Scenen schildern, die jetzt folgen? Das sind die Gräuel, die Schrecken des Krieges! Was ist dagegen die offene Feldschlacht, oder das Entsetzen einer belagerten Stadt, wo die Granaten platzen und Tod und Verderben sprühen? . Ein brennendes Dorf, in das die fliehenden Bewohner mit dem Bajonette zurückgetrieben werden, das ist das Grauenhafteste, was die Phantasie auszumalen vermag. Und die solches thun, sind im Grunde brave, gute Leute, tapfere Soldaten, die Keinem ein Haar krümmen möchten; aber sie sind zu schwer gereizt; man hat sie hinterrücks angefallen — sie üben nur ein Richteramt, aber ein Richteramt, vor dem die Seele erbebt. Schon brennen die Häuser des Dorfes, und das Jammergeschrei der Sterbenden erfüllt die Lust; da fliehen drei Menschen den drohenden Bajonetten entgegen. „Habt Erbarmen," rufen sie, „habt Erbarmen, wir sind Deutsche, aus Paris vertriebene Deutsche! Wir sind hierherverschlagene, unschuldige Deutsche! Wir haben Euch nichts zu Leide gethan, erbarmt Euch unser!" Da die Soldaten die deutschen Laute vernehmen, werden sie stutzig; es wird den Flehenden Raum gewährt, und Herr und Frau Windsheimer und ihre Tochter befinden sich in den Reihen der deutschen Krieger. „„Seid Ihr Deutsche und seid unschuldig, so soll Euch nichts geschehen,"" ruft man ihnen zu; „„habt Ihr aber gelogen, so werdet Ihr gehängt alle drei."" Die Execution war vollzogen; daS Dorf war ein qualmender, wüster Trümmerhaufen; nur von der Kirche standen noch die von Gluth und Rauch umhüllten Umfassungsmauern. Die Familie Windsheimer wurde streng bewacht; ein Kriegsgericht sollte über sie gehalten werden. Ach, womit wollten die Unglücklichen ihre Unschuld beweisen? Ihre Papiere waren in den verbrannten Koffern gewesen, selbst seine Brieftasche hatte Herr Windsheimer während der Angst und Schrecken der letzten Stunden verloren. Von den Bewohnern des Dorfes, die hätten Zeugniß ablegen können, daß die Gefangenen erst vor wenigen Tagen angekommen seien, war Niemand mehr am Leben. O, wenn nur Burgwald da wäre! Aber vielleicht ist er ar nicht in Frankreich, und wenn, so steht er vielleicht ei der Armee, die Metz belagert, oder ist schon gefallen oder verwundet in den schrecklichen Schlachten, denen Hunderttausende erlegen sind! Unterdeß hat die französische Armee capitulirt, Napoleon ist gefangen und der beglückende Rausch! Sieges stimmt die Sieger milde. Es ist eine schöne, warme Septembernacht; " Truppen campiren im Freien. Zahlreiche Feuer s angezündet, und der deutsche Sang steigt zum Him, empor von den Ufern der Maas, die Zeugin gew den des herrlichen, deutschen Triumphes. Herr Win! heimer findet hier die beste Gelegenheit, die Manni zucht der germanischen Kriegsschaaren zu bewunde Kein Wort, keine Gebehrde, die seine Frau und sc Tochter beleidigt hätten! Und wie hatte man di < deutschen Männer und Jünglinge in Paris verschriee „Das ist doch wenigstens ein Glück bei allem Unhei denkt Herr Windsheimer, „daß die deutschen Trups den Pariser Schilderungen so wenig entsprecht Aber was hilft's am Ende, wer soll uns erlösen a l dieser furchtbaren Lage? O, Gott, mein Gott, wari ) hast Du uns verlassen, bist uns so fern in den Z \ ten der Noth?" . Da naht eine Patrouille dem Orte, wo die (3 \ fangenen bewacht werden. Der Schein des Fem fällt hell auf den die Patrouille führenden Osfizi« < und: „Gabriel!" ruft Philippine, „Burgwald!" rus , Herr und Frau Windsheimer. Hätte sich die Erde vor Burgwald aufgethan ui j hätte er den Abgrund der Hölle erblickt oder hält; die Bäume rings umher plötzlich ein Menuett g i tanzt, Burgwald hätte nicht mehr erschrecken könn > als beim Tone dieser Stimmen. „Philippine! Herr Windsheimer, Frau Wind ] heimer!" ries er, „um des HtmmelSwillen, wie komi , Ihr daher?" - Und Windsheimer erzählte und bat um Best ung, und Frau Windsheimer erzählte und weinte m flehte, und Philippine schluchzte und bat, so daß Bur; wald kein Wort verstand. Bald sammelten sich d Soldaten um die Gruppe, und der Lärm wurde io ( mer größer, bis der wachthabende Hauptmann ka i und Stille gebot. „Lieutenant Burgwald," fragte er dann, „kenn« Sie diese Leute?" „„Gewiß,"" antwortete Gabriel, ,,„es sir Deutsche, die in Paris gewohnt haben."" „Das stimmt mit ihren Angaben," sagte dl Hauptmann, „wenn Sie morgen vor dem Auditei Zeugniß für die Gefangenen ablegen, so werden die gewiß gleich in Freiheit gesetzt werden!" (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilage«. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.