Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1871)
- Date
- 1871-01-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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47 Mut in's Leben gerufen, das seines Gleichen suchen dürfte. Schon das großartige Gebäude, das nicht das Ansehen einer Waisen-Anstalt hat, flößt dem Fremden Interesse und Bewunderung ein und veranlaßt ihn, sich mit den inneren Räumlichkeiten bekannt zu machen. Doch ehe wir dazu schreiten, wollen wir einen Rückblick auf die Zeit, in der das Institut entstanden, werfen. Fräul. Nathan gründete dasselbe im Jahre 1856, nachdem sie ihr Töchter - Pensionat aufgegeben. Groß und edel war die Idee, daß diese Dame in einem Alter, in dem Andere sich von den Beschwerden des Lebens ausruhen wollen, eine Aufgabe unternahm, deren Ausführung wahrlich keine leichte war. Der edle Zweck aber, den sie vor Augen sah, ließ sie jede Schwierigkeit überwinden, und in der That hat sich Alles auf wahrhaft wundervolle Weife gestaltet. Jetzt noch steht Fräul. Nathan der ganzen Anstalt mit besonderer Rüstigkeit vor und weiht oll' ihre Tage und Stunden dem Nutzen des Hauses. Vom Morgen bis zum Abend ist sie beschäftigt und wacht sorgfältig über die Erziehung und Bildung ihrer Zöglinge. Zu Anfang befand sich das Institut in der Mitte der Stadt; im Jahre 1861 aber wurde ein Platz außerhalb der Stadt gekauft, um desto mehr Raum und freie Luit haben zu können. Große Verdienste erwarb sich um den Bau der verstorbene Landrath, Herr v. Gras so, der die Anstalt unser Kind nannte und eifrig für das Erblühen derselben arbeitete. Große Feierlichkeiten wurden bei der Grundsteinlegung veranstaltet und jedes Jahr wird der 1. März als Stiftungstag würdig begangen. Auch nicht das Geringste fehlt diesem Hause; vom Keller bis unter das Dach ist Alles an seinen richtigen Platz gestellt. Im Souterrain, das sehr schön wohnlich eingerichtet ist, befinden sich: der Keller, die Küche und die Speisesäle, die Vorrathskammern, die Waschküche, zwei Badezimmer, eines ftir die Knaben und eines für die Mädchen. Im Parterre sind die Cchulzimmer der Knaben und Mädchen, sowie der Schlassaal der ersteren und ein Zimmer, in welchem das Curatorium Sitzungen hält. Im ersten Stock ist der Schlassaal der Mädchen, das Zimmer der Lehrerin, die im Hause wohnt und Fräulein Nathan's Wohnung. Die Schlafzimmer verdienen besondere Erwähnung. Jedes Kind hat ein besonderes Bett, einen Waschtisch, eine Kommode und alle für dasselbe erforderlichen Dinge. Im zweiten Stock sind auf der einen Seite die Zimmer der Dienstboten und ein Raum für die schmutzige Wäsche, auf der andern Seite das Krankenzimmer und eine Vorrathsstube. An die Hintere Seite des Hauses schließt sich der Kuhstatt, dessen Inhaberin den Haushalt reichlich mit Milch versorgt. Um das ganze Haus zieht sich ein prachtvoller Garten. In der Fronte ist der Blumengarten, an den Seiten der Obst¬ und hinter dem Hause der Gemüsegarten. Ueberhaupt ist eine sehr gesunde Luft im Hause, und alle Zöglinge erfreuen sich eines gesunden Aussehens. Die höchste Weihe erhält das Ganze durch die schöne Synagoge, in der man gleick dem'Allmächtigen danken kann, daß er dieses Haus erstehen ließ, in welchem die Waisenkinder körperlich und geistig so gute Pflege empfangen. Oft werden darin die Jahrgedächtnißtage für die Verstorbenen, welche sich durch milden Beitrag zur Gründung h b Erhaltung der Anstalt verewigt haben, abgehalten. Ebenso wird für das Heil der gefallenen Krieger von den Waisenknaben das Kaddisch-Gebet verrichtet. Der gute Geist des Hauses ist Frl. Nathan; sie trägt für Alles Sorge und verbreitet überall Segen und Heil. Möge es dieser Dame vergönnt sein, noch viele Jahre ihr ruhmvolles Wirken fortzusetzen. Großen Dank müssen ihr diejenigen zollen, welche in der Anstalt zu tüchtigen, braven Menschen herangebildet wur-. den; sie treten hier in ein zweites Elternhaus, und der Allmächtige, der Beschützer der Waisen,, hat es gnädiglich veranstaltet, daß sie in diesem Häufe das Verlorene nicht schmerzlich zu vermissen brauchen. — Mögen diese Zeilen auch dazu beitragen, daß die edeln Gönner der Anstalt das Werk immer mehr fördern; der Segen und der Dank für ihr Thun wird ihnen nicht ausbleiben. I. G. Oesterreichisch Ungarische Monarchie. Tarnow. Seit der im vorigen Jahre im Monate August ftattgefundenen Judenhetze in Galizien, bei der viele Juden in Tarnow überfallen, geplündert und geschlagen wurden, wobei ein Jude das Leben verlor, ruhen die dortigen Polen nicht und ist ihnen jede zur Judenhetze gebotene Gelegenheit höchst willkommen. Es sind bereits wegen dieser Verfolgung viele Aufwiegler bei dem Tarnower Kreisgericht angeklagt worden. Da diese aber vom Gerichte alle freigesprochen wurden, glauben sie immer ein leichtes Spiel zu haben, die Sache auf's Neue zu beginnen. Vor Allem aber möchten sie das Militär, welches die Juden vor ihrer Grausamkeit schützte und die Ruhe herstellte, vernichten; sie fangen daher bei der ersten, besten Gelegenheit mit den Soldaten Streit an, um ihrer Wuth Lust zu machen. So geschah es auch am 25. December. Drei Soldaten saßen in einem Bierhause bei mehreren Polen. Die Polen schimpften über das Militär, weil es sich der Juden angenommen hat, worauf sich ein hitziger Kampf entspann. Da aber die drei Soldaten sich zu schwach fühlten, eilten sie um Hilfe nach ihrer Kaserne. Es erschienen auch bald 25 Mann Soldaten, welche die Thüren deS Bierhauses, die unterdeß gesperrt worden waren, er-