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Der Israelit · 1871-01-04 · Heft 1 (4.1.1871) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 1 (4.1.1871)
Date
1871-01-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
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14 mn preußischen iSrael. Setbaten ein Stündlein über ■feie jüngsten Kriegsereignisse zu verplaudern und hat mir derselbe eine Episode aus seinen Erlebnissen mitgetheilt, die ich hier wieder erzählen will. „Wissen Sie, mein Herr," sagte er, „ich bin als ganz anderer Mensch und Jehudi vom Kriegsschauplätze zurückgekehrt. Mein Leben verfloß bis zu dem Tage,, als die Kriegserklärung vom Rheine herüber kam, so ziemlich ruhig. Ich bin Handwerker, und meine Profession ernährte mich mit meiner Frau und meinen 4 Kindern ganz gut. Als wir eines Abends im vertraulichen Familienkreise saßen und über Dies und Jenes sprachen, da öffnete sich die Thüre und hereintrat der Gemeindebeamte, mir die so verhängnißvolle Ordre hinreichend. Dieser Abend wird mir unvergeßlich bleiben. Meine Frau stürzte von einer Ohnmacht in die andere; meine Kinder hingen mit Schluchzen und Thränen an mir, und schrien unaufhörlich: Vater, nicht Weggehen, Vater, zu Hause bleiben. Was ich bei diesen Worten empfand, was mir die Brust zuschnürte, wahrlich es war nicht Furcht vor den feindlichen Geschossen, es waren die Sorgen um Weib und Kind, um Haus und Heerd, die ich vielleicht auf immer verlassen, niemals Wiedersehen sollte. Des andern Tages packte ich meine sieben Sachen zusammen, verabschiedete mich bei allen meinen Verwandten und Freunden, drückte mein tbenres, in Todesgefahr schwebendes Weib an das Herz, herzte unter tausend Küssen meine lieben Kinder — und fort ging's per Dampf meinem Bestimmungsorte zu. Die kriegerischen Ereignisse werden Ihnen sicher aus den politischen Zeitungen bekannt sein und übergehe ich diese bis zum Tage von Gravelotte, an welchem ca. 180.000 Franzosen in die Festungsmauern einer der stärksten Festungen des Continenrs eingesperrt wurden — um später sämmtlich in Gefangenschaft zu gerathen. Arr jenem Tage war es auch, wo der Tod mick tausendmal umschwebte und ich meine Seele mit den Worten: ’nn i'psrr *vpa dem lieben Gott empfahl. Die Schlacht zog sich — wie bekannt — bis in die Nacht hinein und das war das Schlimmste. Sehen konnte man nichts, gar nichts; die Kugeln sausten in ungeheueren Massen uns um die Köpfe herum, um hier und da einen Kameraden zu treffen; die Granaten platzten in unsere dichten Reihen hinein, ganze Glieder mitforlreißend, das Geknatter der Mttrailleusen war herzzerreißend, das Geschrei der Sinkenden furchtbar, vor uns der Feind, mit furchtbarem Geschrei auf uns eindrinaend, hinter uns dichte Finsternih, wahrlich^ wer so etwas noch nicht erlebt, weiß rltcht, waS Gefahr ist. .Ich dachte nur einen Augenblick an die Heimath, aber nicht länger, denn im nächsten Augenblick drang eine Chaffepotkugel in meinen Feldkessel hinein, mich mit furchtbarer Gewalt zur Erde werfend., so daß mir das Blut aus Mund und Nase hervordrang. Ich raffte mich aber bald wieder empor, um nicht zertreten und überfahren zu werden, und da kam eine zweite Kugel, drang in die rechte Seite des Halses hinein und zur andern wieder hinaus, ohne glücklicherweise eine Ader oder die Gurgel zu treffen. Vom harten Blutverluste ward ich ganz schwach — doch mit voller Kraft hielt ich mich ausrecht, um mein Regiment nicht zu verlieren — und nun bekam ich in vemselben Moment eine dritte Kugel , die mir durch den Oberschenkel ging und mich so schwächte, daß ich von einem Abhange herunterfiel und in ein kleines Gewässer hinabstürzte. An ein Ausrichten war diesmal weiter nicht zu denken, ich suhlte plötzlich alles kohlrabenschwarz um mich her, meine Sinne schwanden und ich mochte wohl schon 3—4 Stunden so gelegen haben, als ich erwachte und meine traurige Lage inne wurde. Was nun thun? Alles war ruhig um mich her; die Tobten lagen da wie gesäet — und ich war, wie es schien, lebendig begraden. Mein ganzes Leben zog in diesem kritischen Moment an meiner Seele vorüber; mit Wehmuth gedachte ich nun der früheren Tage, wo ich in voller Iugendkraft manchmal, wie ich mir selbst eingestand, den Geboten des Herrn zuwidergehandelt und mich nicht so betragen hatte, wie es jeder Jehudi nach Gesetz und Religion sollte. Ich nahm mir vor, im Fall» Gott mich noch diesmal rette, ein anderer Mensch und Hirp zu werden. Indem ich noch so dachte, kam auch schon die Hilfe. Ich hörte leises Flüstern, eine Gestalt kam näher, und nun galt es, mich bemerkbar zu machen. Jetzt oder niemals, dachte ich, denn wäre ich die Nacht hindurch im Wasser liegen geblieben, ich zählte sicher nicht mehr zu den Lebenden. Das suhlte ich nur zu gut an meiner Wunde, sie schmerzte ganz gewaltig. Ich schrie daher aus allen Kräften — bekam jedoch keine Antwort. Ich versuchte nun noch einmal „itnw ycganz laut zu rufen — und diese Worte wirkten. Die Gestalt kam näher, und ein jüd. Militärarzt stand vor mir, half mir aus dem Wasser, verband mich so gut es gehen wollte und schaffte mich mit Hilfe eines andern herbeigeeilten Mannes in'S Lazareth. Meine Wunde am Halse heilte besser als ich glaubte, und nur die Schenkelwunde wird noch längere Zeit zur Heilung in Anspruch nehmen, da, wie sich herausstellte, einige Knochen zersplittert sind." Joseph Oppenheim, Lehrer.

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