Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1870)
- Date
- 1870-12-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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966 Während sie sprach, betrachtete Moritz sie genauer. Immer deutlicher wurde ihm die Erinnerung. Er hatte dieses Weib schon gesehen, aber hoch zu Roß. „Mir deucht," sagt er, „ich habe Sie schon früher gesehen." „„Möglich, ich bin viel in der Welt umhergekommen."" „Mir deucht, ich hätte Sie einmal zu Pferde gesehen." „„Möglich, möglich, ich war eine famose Reiterin, zum Leidwesen des armen Wolfseck."" Moritz stand wie vom Donner gerührt. Ja, sie war eS, die Gräfin Aurora von Hohenlinden, die einstige Gattin seines Vater. Endlich faßte er sich. „Wo wohnen Sie?" fragte er. Sie nannte ihm ein ordinäres Wirthshaus. „ Erwarten Sie mich heute Abend um neun Uhr." Voller Aufregung kehrte Moritz zu seiner Gesellschaft zurück, wohin der kleine Arthur schon gelaufen war, erzählend, daß sich Onkel Moritz mit der Harfenistin unterhalte. Alle wollten den Gegenstand der Unterhaltung wisien. Adelheid stellte sich eifersüchtig und neckte den ernst dareinschauenden Moritz unaufhörlich; aber ihre Scherzreden fanden diesmal keinen Anklang. Auf dem Heimwege nahm Moritz seinen Schwager Naphtali unter den Arm und erzählte ihm sein Erlebniß. Naphtali versprach, ihn zu begleiten. Er kaynte natürlich die ehemalige Frau von Wolfseck besser als Moritz, der sie nur einmal flüchtig gesehen hatte, als sie umgeben vom Schwarme ihrer Verehrer durch die Straßen von B. ritt. Zur bestimmten Stunde fanden sich die beiden Männer in dem bezeichneten Wirthshaufe ein. „Sie ist es!" rief Naphtali, als er die Harfenistin erblickte. Man ließ sich ein besonderes Zimmer geben. „Frau von WolfSeck," sagte Naphtali, „mein Freund und ich, wir haben ein Interesse an dem Namen, den Sie führen. Es wird Ihr Schaden nicht fein, wenn sie uns Ihre Erlebnisse seit ihrer Flucht von B. erzählen. Die Harfenistin ließ sich nicht lange bitten. Sie war mit ihrer Mutter und dem Marquis d'Arguenteil in der Welt nmhergereift und hatte als angebliche- Frau Marquise lustig und in Freuden gelebt. Aber der Marquis war ein Spieler. So ungeheuer die Summen auch waren, die Aurora von B. mitgenommen hatte — sie verschwanden allmählich durch die Verschwendungssucht der beiden Frauen und durch die Spielwuth ihres Begleiters. Als das Vermögen nach wenigen Jahren durchgebracht war, schoß sich der Marquis eine Kugel durch den Kopf, und die Gräfin Hohenlinden starb im Hospitale. Aurora ging, aufs Theater; aber sie hatte kein Talent zur Schauspielerin, nicht Gedächtnis; genug, um die Rollen zu lernen. Sie sank von Stufe zu Stufe und fristete nunmebr als Harfenistin ihr Leben. „Sie haben," sagte Naphtali, „einst einen un» werthen Namen getragen. Wir wollen für Sie sorgen und Ihnen eine bescheidene Existenz sichern." Mit Freuden willigte die Harfenistin ein. Diebeiden Schwäger mietheten ihr in dem benachbarten Oberursel ein Zimmer und setzten ihr einen Jahrgehalt aus. Anfangs fühlte sie sich überaus glücklich^ bald aber ward ihr das einfache Leben zu stille. Sie zog wieder mit ihrer Harfe in die Welt hinaus und erlag nach kurzer Zeit einer grauenhaften Krankheit, wie solche die Folge eines ausschweifenden Lebens zu sein pflegt. Als unscre Freunde (nach B. zurückkehrten, erfuhren sie, daß während ihrer Abwesenheit der Kaufmann Bernstein plötzlich und ohne Testament gemacht, zu haben, verstorben sei. Sein großes Vermögeu fiel der ihm so verhaßten Schwägerin und ihren Kindern zu. Diejenigen Personen, die wir Simon und Leah- Ruhdorf, Wilhelm. Auguste, Moritz und Adelheid von Wolfseck, Naphtali und Wilhelmine Ruhdorf, Rabbr Auser und Martha Nosenstock, Herr und Frau Löwenhaupt genannt haben, leben noch heute — Wilhelm von Wolfseck zwar kränklich und schwach, die andern Alle gesund und froh mit ihren Kindern und Enkeln. Im Interesse unserer Leser thut es uns leid, daß wir die wirklichen Namen dieser liebenöwerthen Leute nicht nennen dürfen; sie verdienten es, daß man sich bemühe, ihre Bekanntschaft zu machen. ANZEIGEN. 1er sucht Engagement. Min junger, von der königl. geprüfter Religionslehnr, 1er sucht Engagement. bayerischen Regierung Vorbeter und Schäch- Beste Zeugnisse sieben zu Diensten. Geneigte Anträge bittet man oud A. K. Nr- 1511 an die Exped. d. Bl. zu richten.