Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1870)
- Date
- 1870-09-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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738 um ihren Preis oder den ihrer Arbeit zu erhöhen. Erst ln neuerer Zeit hat sich namentlich der Geistliche der Volkserziehung angenommen." Wenn nun Böckh sagt, daß im Alterthume die Volksschule nicht aufkommen konnte, so ist es eben das sogenannte elastische Alterthum, der Kreis der Römer und Griechen, in welchem eine Volksschule «licht erstehen konnte; das jüdische Alterthum hatte Volksschulen, und zwar unter der Fürsorge des Staates, resp. der einzelnen Communen, wie sie Böckh mipfichlt. Es wird nämlich der Stadt die Pflicht auferlegt Schulen zu gründen und zu unterhalten. „Die Stadt, in der sich keine Schule befindet, soll man zerstören; " oder auch, nach einem anderen Ausspruch, „in den Bann legen." (Sabb. f. 119 b.) „Man soll Lehrer in jeder Stadt einsetzen" (B. Bathra, 21 a.), sind Aussprüche des Talmud, die uns deutlich erkennen lasten, welchen Werth derselbe dem Jugendunterricht beimißt. Wenn uns nun aber auch noch erzählt wird, daß Josua ben Gamla (l. kurz vor der Zerstörung Jerusalems) eine einheitliche Schulorganisation für das ganze unter der Oberhoheit des Synhedrion stehende Land schuf, indem er in jeder kleinen wie großen Stadt eine Schule einrichtete, während bisher nur größere Städte Kreisschulen besaßen, und das 6., bezw. 7. Jahr als das schulpflichtige Alter ansetzte (das.), so haben wir damit ein unwiderlegbares Correctiv der Worte Böckhs, welche dem Alterthum überhaupt die Volksschule absprechen. Iur Statistik des preußischen Schulrvejens. *** Es scheint, als ob in gewisser Beziehung der pythagoräische Satz, daß die Zahl das Wesen der Dinge sei, zu einer Wahrheit werde, wenn man bedenkt, zu welcher Bedeutung in neuerer Zeit die Wissenschaft der Statistik gelangt ist. Wir messen, wenn auch nicht mit mathematischer Genauigkeit, so doch mit annähernder Gewißheit, an der Zahl Gehalt und Inhalt der Thatsachen und Erscheinungen; durch sie offenbart sich uns, und das ist gewiß die hervorragendste Bedeutung der Statistik, der sittliche Kern und Gehalt der Völker und Staaten. — Der Aufschwung des Schulwesens ist jedenfalls die bedeutendste Errungenschaft der Neuzeit; die Zahl der Schulen ist der Werthmester der Cultur eines Staates insgesammt, der Besuch derselben der Werthmester der Cultur seiner Einwohner, die sich jetzt Gottlob, was den Schulbesuch betrifft, nicht so sehr nach Ständen und Elasten, nach den größeren Religionskreisen gruppiren lasten. Dem unermüdenden Fleiße des Geh. Reg. Rath Wiese zu Berlin verdanken wir eine von tiefen Studien und großer Ausdauer zeugende treffliche Arbeit^ „Das höhere Schulwesen in Preußen," (Berlin, Wiegand und Grieben, 1869. 721 S. nebst Beilagen, 8°), welche uns historische Daten über die verschiedene« höheren Schulen des preußischen Staates, und die Statistik der Frequenz derselben bringt. Wir benutzen den statistischen Theil S. 497— 571, um uns einen genauen Ueberblick über das Ver» hältniß der Frequenz der jüdischen Schüler zu denen anderer Confessionen zu verschaffen. Wir haben zu dem Zwecke die Schülerfrequenz geordnet: 1) nach den Provinzen; 2) nach den Schulkategorien, und haben dann 3) die Gesammtfrequenz aller höheren Schulen ins Auge gefaßt, und die gefundenen Zahlen mit der bez. Einwohnerschaft verglichen; eine lebendige Anschauung zu ermöglichen, konnte aber erst durch die Berechnung der Procentzahl bewirkt werden. Bei dieser Gelegenheit können wir nicht umhin, unser Bedauern auszusprechen, daß in der Tabelle „Verhältniß der Zahl der höheren Schulen zur Bevölkerung, mit Rücksicht auf die kirchliche Confession" (S. 568 ff.), nur „Evangelische" und „Römisch-Katholische" siguriren; es ist nicht allein dadurch unmöglich, den Procentsatz der jüdischen Bevölkerung genau anzugeben, denn der Rest, welcher durch Abzug der beiden genannten Confessionen von der Gesammtzahl gefunden wird, gibt nicht die Zahl der Juden allein an, sondern begreift auch die Dissidenten, so daß der Proceutsatz für die jüdische Bevölkerung bei Berechnung des Restes immer etwas zu hoch gegriffen ist, — es liegt auch darin der Mangel einer Anerkennung der Juden als besondere Confession, was um so ungerechtfertigter ist, als gerade die Juden verhaltnißmäßig ms überwiegend größte Contingent für den Schulbesuch stellen. — Die Resultate sind in der Thal überraschend, und wir dürfen stolz darauf sein, uns in solcher Weise bei der Culturarbeit hervorzuthun. Es ist nicht unnöthig, diesen Punkt immer hervorzukehren, so lange noch selbst in den Staaten der Intelligenz das jüdische Bekenntniß als Hinderniß für die faktische Gleichstellung angesehen wird, so lange noch officiel und officiös das Judenthum als Confession ignorirt wird.*) Wir beginnen zuerst mit der Gesammtfrequenz aller höheren Lehranstalten in Preußen, und werden bei der Detaillirung nach Schul-Kategorien behufs der Vergleichung mit der Einwohnerzahl nur die Procentsätze, nicht aber die Ziffer derselben wiederholen. *) Wir nehmen hier zugleich Gelegenheit, unser Bedauern auszudrücken, daß auch Prof. Daniel in seinem „Leitfaden für den Unterricht in der Geographie" es nicht der Mühe werth gehalten, bei Deutschland der Einwohnerzahl der Juden zu gedenken, während er die der Katholiken, Protestanten und Reformirten erwähnt.