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Der Israelit · 1870-09-28 · Heft 39 (28.9.1870) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 39 (28.9.1870)
Date
1870-09-28
Page
– (sequence 17)
Language
German
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2. (Pädagogische Beilage zu Nr. 39 des „Israelit") Jß2. Dläiter für Kchule und Haus pädagogische prinzipiw nach dem Talmud, verglichen mit den Ergebnissen der Erziehungswissenschaft der Neuzeit. II. Berücksichtigung der Armen. — Die Volksschule *** Es würde ein unlösbares RLthsel sein, wenn der Talmud unS nicht eine reichliche Ausbeute pädagogischer Winke und Lehren bieten würde, und ebenso unlösbar würde diese- Räthsel sein, wenn des Talmuds pädagogische Prinzipien den anerkannten der Neuzeit nicht entsprechen würden. Wir haben erkannt, daß die Bewegung auf dem Gebiete der Erziehung im innigen Zusammenhänge mit der politischen steht, daß der Sieg der Menschheit beglückenden Ideen von Freiheit und Rechtsgleichheit der Menschenbildung zu Gute kam. Wäre es nun denkbar, daß in einem Staate, wie im jüdischen, in welchem die persöniiche Freiheit und die Gleichheit vor dem Rechte eine ins Leben getretene Wahrheit war, in einem Staate, in welchem die intellektuelle Bildung, das Studium des Gesetzes, ein ebenso heiliges Gebot war, wie die Befolgung der gesetzlichen Vorschriften, in einem Staate, in welchem nicht gesellschaftlicher Rang und Besitz, sondern das Wissen den Menschen adelte, — wäre es denkbar, daß man nicht da der .Jugenderziehung und Jugendbildung sich mit ganzem Herzen hingegeben hätte, um Prinzipien sestzustellen, nach denen eine vernünftige Erziehung geleitet werden muffe, und mußten diese Prinzipien nicht von derselben Wahrheit getragen sein, wie diejenige für welche man den Menschen heranbildete? Pestalozzi wandte sich den Armen und Verlassenen zu, und war somit der Begründer der Volksbildung. „ Er lebte wie ein Bettler lebt, um Bettler zu lehren, wie Menschen leben." Nur da ist das wahre Staatenglück zu finden, wo die Bildung alle Stände durchdringt, wo das Volk herangezogen wird zum Bewußtsein seiner sittlichen Kraft und seiner sittlichen Höhe durch den Unterricht. DaS hatte man im Judenthume längst erkannt. So lehren unsere Weisen: min Nsn onoar nnin, „Achtet wohl auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht Thora aus (Red. f. 81 a.); sie sind gerade die geeignetsten und besten Schüler, sie müffen vorzüglich zur Bildung herangezogen werden. Gerade auf diese wird hingewiesen, als sich sehr leicht die Veranlassung bieten könnte, sie wegen ihrer Armuth zu vernachlässigen. Wie nun hier auf die Kinder der Armen, so wird an einer andern Stelle auf die Kinder der Unwissenden (n"y ’JD) hingewiesen, sich dieser besonders anzunehmen, da auch diese ganz besonders für das Studium geeignet seien (Sanh. f. 9ß a), und ist damit eben auch der Gedanke nahe gelegt, daß, um einen Staat zur Höhe der Cultur zu heben, um Menfchenglück zu pflegen und zu verbreiten, man in die niederen Schichten der Gesellschaft hinabsteigen müsse, man sich besonders der Armuth und der Unwissenheit anzunehmen habe. Wie kommt es aber, daß man in so alter Zeit, in welcher man überall das Volk als noch gar nicht bildungsberechtigt betrachtete, in welcher namentlich die Armen als gar nicht zur Gesellschaft gehörig angesehen wurden, bei den Juden solche Tendenzen von Volöbildung aufstellte? „Wer gäbe, daß das ganze Volk Gottes Propheten wären, und Gott seinen Geist auf Alle legte," war der Wunsch Mosis' (Num. 11, 59), und dieser Wunsch ist die Antwort auf die vorhingestellte Frage. Dieser Ausspruch Mosis aber findet seine Begründung in dem Bewußtsein, daß das Lernen wie das Lehren eine Pflicht sei. „Du sollst dich darin (in der Thora) üben Tag und Nacht," und ihr sollt sie (die Thora) lehren euren Kindern," drücken die Pflicht des Lernens und des Lehrens aus. Dieses liefert uns nun den Schlüffe! dazu, wie es gekommen ist, daß man im alten Judenthume schon das kannte, schon das praktisch durchgeführt hatte, was man als eine Errungenschaft des letzten Säkulums anstaunt: die Volksschule. Der gründlichste Kenner des klassischen Alterthums, den die Neuzeit gehabt, August Böckh, hat in einer Rede, die er 1862 zum Geburtstage des Königs von Preußen in Berlin gehalten hat, seine Ansichten über Erziehung ausgesprochen, und auf das Alterthum einen Blick werfend, sagt er: „Da der endliche Zweck der Erziehung die allgemeine menschliche Bildung ist, so bedarf der Unterricht der Geringeren und Aermeren der Fürsorge des Staats am meisten, um so mehr, da diese die größte Anzahl der Staatsunterthanen ausmachen. Dennoch ist die Volksschule am spätesten zur Ausbildung gekommen. Im Allerthum ließ die Sklaverei keine Volksbildung aufkommen; die Sklaven betrachtete man nicht als Menschen, die an der Vernunft Antheil hätten. Wenn dennoch einzelne Sklaven eine allgemeine oder namentlich eine spezielle Ausbildung erhalten haben, so ist das nur geschehen,

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