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Der Israelit · 1870-09-28 · Heft 39 (28.9.1870) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 39 (28.9.1870)
Date
1870-09-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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722 das Wort mit 12, bitter, nö, Bitterkraut, zusammen. D^non 'QM, bereite dir Bitterkeiten! — Der Mensch ist nur zu sehr geneigt, sich selbst Süßigkeiten zu bereiten, sich selber zu schmeicheln, immer mit sich zufrieden zu sein, was er Gutes thut zu überschätzen, was er Böses und Schlimmes vollbringt als gering und unbedeutend darzustellen, stolz auf seine guten Eigenschaften zu sein, seine Fehler aber nicht zu beachten — das ist das geeignetste Mittel, den rechten Weg zu verlieren, vom rechten Wege abzuirren. Aber O'"n->Q?> -p 'QM, ruft dir der Prophet zu, frage dich ernst und ohne der Schmeichelei Gehör zu geben: Bist du im verflossenen Jahre weiser geworden? Bist du eingedrungen in die Tiefen unserer heiligen Thora, hast du das Studium derselben gepflegt? Frage dich und gib dir Antwort, offen, ehrlich! Und Mt die Antwort verneinend aus, so entschuldige dich nicht, beschönige nichts, sondern bereite dir Bitterkeiten, mache dir Vorwürfe, bereue den Verlust der edlen Zeit und entschließe dich, diese im folgenden Jahre bester zu benützen. Frage dich ferner: Bist du besser geworden, hast du deinen Willen, das Gute zu thun gekrästigt, hast du deine Leidenschaften zu überwinden gelernt? Die meisten Menschen wollen stets das Gute, ohne vie Kraft zu haben, den Willen zur Ausführung zu bringen. Diese Schwäche mutz überwunden werden! Nicht weichliches Nachgeben der eigenen Kraftlosigkeit, sondern thätiges, mächtiges Aufraffen thut uns noth. önn2n n1? 'QM. Schrecke nicht zurück vor Anstrengungen , bereite du dir Bitterkeiten, lege dir Entbeh- «mgen auf, um dich an Enthaltsamkeit zu gewöhnen, um im Stande zu sein, deinen Mitmenschen Gutes zu thun. » Frage dich ferner: Bist du vollkommner geworden? Hast du deine bösen Neigungen, deine schlimmen Gewohnheiten abgelegt? Ach, es gibt deren so viele: die Sucht, andere Menschen zu verkleinern, zu verleumden, zu verspotten, die Freude an unlauteren Worten und Reden, der Hang zum Müffiggange, zu unnützem Geschwätze, die Neigung, die Unwahrheit zu sagen oder Geschehenes zu vergrößern und zu übertreiben, die Gewohnheit, unnütz und ohne Roth zu schwören und den Namen Gottes unnöthig auszusprechen, der Hang, sich kleine oder große Vortheile im Geschäfte zuzuwenden, die vor dem Richterstuhle der Moral als unrechtlich bezeichnet werden mästen, das leichtsinnige Versprechen, ohne auch nur die Absicht zu haben, Wort halten zu wollen — wer kann sie alle aufzählen, die üblen Angewöhnungen, die schlimmen Neigungen? Wer aber möchte sie nicht als bös und tadelnswerth bezeichnen? Und dennoch, wer legt sie ab? Wir schauen sehnsüchtig hinauf zu der Höhe sittlicher Vollkommenheit — und wandeln uhig in der Ebene weiter; wir möchten gern auf der Höhe der Tugend und der Gottesfurcht weilen, allein diese Höhe ist so schwer zu erklimmen! Q'invn 'QM, scheue die Bitterkeit der Anstrengung nicht, raffe dich empor und erklimme rüstig der Vollkommenheit herrliche Höhe! II. *yn , nS'D2^ 'QM, wende dein Herz dem Pfade, dem Wege zu, den du gegangen! Das Wort rp'22 bezeichnet den Pfad, den der Einzelne wandelt, während mit dem Worte auf die große Heerstraße der Menschheit hingewiesen wird. Vor Allem muß der Mensch den eigenen Pfad wählen und ihn als den rechten erkennen, muß ihn mit Denksteinen und Merkmalen zeichnen, daß er sich nicht verirre, muß seines Weges in Bezug auf die Fähigkeiten seiner eigenen Person, in Bezug auf die eigenen Ziele inne werden, muß wissen, welchen Weg er zu wandeln hat in Berücksichtigung seiner Familie, seiner Gemeinde, des Staates, der menschlichen Gesellschaft; aber diese Letztgenannten bedingen wiederum seine Bahn und schreiben ihr manchmal die Richtung vor. Jeder Mensch ist ein Sohn seiner Zeit und kann sich der Richtung derselben nie gänzlich entziehen. Um so mehr ist es Pflicht, auf die Straße, 711, welche die Menschheit wandelt, welche die Zeitrichtnng einschlägt, zu achten. Wende dein Herz dem Pfade, dem Wege zu, den du gegangen! Frage dich nicht allein, ob dein Pfad der rechte, frage dich, ob die Richtung, welche in deiner Zeit als die rechte gilt, auch wirklich die rechte i st. Eine jede Zeit hat ihre besonderen JAeen und Vorurtheile. von denen sie getragen wird; gegen diese tritt alles Andere zurück; die Menschheit strebt solange ausschließlich gewissen Zeiten zu, bis eine andere Zeit kömmt und andere Ziele in den Vordergrund drängt. Es kann daher nicht anders sein, als daß eine jede Zeitrichtung, dadurch daß sie sich in den Gegensatz zu dem Vorangegangenen stellt, eine gewisse Einseitigkeit hat. Die erlangten Güter werden gering geschätzt im Vergleiche zu den noch zu erstrebenden. Da nun die heilige Religion Israels immerwährend das Allgemeine umfaßt und alles Gute und Edle erstrebt, so ist es natürlich, daß dieselbe sich stets in einem gewissen Gegensätze zu den einseitigen Strebungen der Zeit und des Zeitgeistes befindet. Im grauen Alterthume, da der Götzendienst herrschte auf Erden, stand die Religion Israels der herrschenden Zeitrichtung gegenüber. Als das Griechenthum das Schöne auf Kosten des Guten und des Wahren cultivirte, befand sich Israel im offenen Kampfe mit dem die Welt durchdringenden griechischen Geiste. Als der Römer seinen Fuß auf den Nacken der Völker setzte, um durch die erbeutete Habe der unterjochten Nationen in der Schlemmerei und der Laster Sumpf zu versinken,

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