Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1870)
- Date
- 1870-09-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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672 Fremde wandern, zu fremden Leuten, in ein fremdes Land, wo Dich selbst die Macht des Königs nicht erreichen kann. Fühlst Du Dich stark genug, mich und Deine Schwester und das Elternhaus zu verlassen und bei fremden Leuten in der Ferne zu leben?" „„Ich fühle mich stark genug dazu. Aber wohin soll ich gehen und wie soll ich die weite Reise zurücklegen?"" „Ich habe eine Jugendfreundin, die in London wohnt; sie wird Dich mit Freuden aufnehmen. Auch einen Begleiter, der mit Dir reist und Dich beschützt auf dem langen Wege, werde ick für Dich suchen. Ach, mein Kind, wie schwer wird es mir werden, mich von Dir zu trennen — allein eS muß fein!" Noch an demselben Tage ließ Frau von Wolfseck Ruhdorf zu sich kommen und theilte ihm Alles mit, was Herr von Wolfseck mit seinem Sohne vorhabe und wie sie selbst entschlossen sei, ihr Kind vor den Plänen des Vaters zu schützen. Ruhdorf bestärkte sie in ihrem Vorhaben und versprach, .für einen passenden Begleiter des Knaben Sorge zu tragen. Hier galt es, mit Klugheit zu Werke gehe-:. Gern hätte Ruhdorf selbst das Kind an seinen Bestimmungsort gebracht; allein seine Abwesenheit von B. wäre aufgefallen und hätte Wolfsohns Verdacht auf ihn gelenkt. Der Begleiter des Knaben mußte ein Mann sein, der in B. ziemlich unbekannt war und dessen Entfernung nicht aussiel. „Ah," dachte Ruhdorf endlich, „Rabbi Auser wird der rechte Mann sein." Unsere Leser werden sich noch des jungen Polen erinnern den wir an einem Freitag-Abende am Tische Ruhdorfs kennen lernten, desselben, der da vermeinte, daß in Warschau eine Million Juden lebten. Dieser hieß Rabbi Auser; er war bisher in B. geblieben und hatte dort einige Kinder im Talmud unterrichtet; davon hatte er kümmerlich gelebt. Sein Wunsch war schon lange, nach England überzusiedeln; allein er besaß die Mittel zur Reise nicht. Ihn ließ Ruhdorf zu sich kommen und theilte ihm alles Nöthige mit. Rabbi Auser schätzte sich glücklich, nicht allein auf diese Weise nach London zu kommen, sonde'n auch zur Rettung des Knaben beitragen zu dürfen. Alles war zur Abreise vorbereitet; ein unscheinbarer Anzug war für Moritz besorgt; ebenso hatte ihm Ruhdorf einen Paß zu verschaffen gewußt. Moritz sollte für Rabbi Auser's jüngern Bruder gelten, und die Beiden sollten zunächst ihre Reise zu Fuß antreten. Man wartete nur einen günstigen Zeitpunkt ab. Dieser kam bald. Eines Tages befahl Herr von Wolfseck seinem Sohne, ihn auf einem Spaziergange zu begleiten. Im Thiergarten sprengte ein schmucker Husarenoffizier an ihnen, freundlich grüßend, vorüber. „Möchtest Du wohl Offizier werden?" fragte Wolfsohn seinen Knaben. „„Gerne, Vater!"" antwortete dieser. „Nun, oa treffen ja unsere Wünsche zusammen; ich werde Dich nächstens ins Kadettenhaus schicken." „„Aber, Vater, es gibt ja in unserm Lande keine jüdischen Offiziere!"" „Das ist kein Hinderniß; Du wirst vorher Christ werden!" „„Niemals, Vater!"" „Was, niemals? Du wirst thun, was ich Dir befehle." „ „Ich werde es nicht thun?" „So werde ich Dich zwingen!" „„Ich werde mich nicht zwingen laffen!"" „Wie wirst Du das anfangen?" „„Ich werde Dir entlauftn!"" „Brav, Junge, brav! Du hast das rechte Zeug zu einem Soldaten. Aber sage mir, warum Du nicht Christ werden willst?" „„Weil ich Jude bin, weil ich froh und glücklich und stolz darauf bin, Jude zu sein."" „Wer hat Dir solche - Narrenspossen in den Kopf gesetzt?" „„Du, Vater!"" „Ich. wie so?" „„Weil Du Jude bist. Du willst ja auch nicht Christ werden."" Wolfsohn lachte. „Ich habe gar nicht gewußt," sagte er, „daß ich einen so pfiffigen Sohn habe! Doch jetzt ist's genug; ich habe mein letztes Wort gesprochen; ehe dieses Jahr zu Ende geht, wirst Du Christ und trittst ins Kadettenhaus ein." Moritz schwieg; am andern Tage war er verschwunden. Auguste brauchte keine Thränen zu erheucheln; es war ihr schwer genug ums Herz, ihren einzigen Sohn entbehren, ihn einer ungewissen Zukunft entgegen senden zu müssen. Wolfsohn war außer sich vor Zorn. „Hat der Junge seine Drohung wahrgemacht!" rief er. „Wer hätte sich das denken sollen?" Von allen Seiten ließ er Anstalt treffen, den Flüchtling aufzusuchen, zu verfolgen; aber alle Bemühungen blieben erfolglos. (Forts, folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schm Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellpreffendrurl von I. GottSleben in Mainz.