Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1870)
- Date
- 1870-08-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XI Jahrgang. MstrnschaMchr Ärilage M Ur. 34 -es Israelit, Literarisches. Dr. Rothschild. Der Synagogal-Cultus in historisch-kritischer Entwickelung. I. Theil. Die synagogalen Gebete. Alzey, 1870 (Weiß) 140 S. 8°. Rec. von Dr. A. Sulzbach. In unserer Zeit des rastlosen und unaufhaltsam men VorwärtsdringenS, des, man wäre versucht zu sagen, Weltlaufs der Ereignisse sind fünfzig Jahre schon hinreichend, ein Stück mahnender und beweisender Geschichte zu bilden. Es bedarf;etzt nicht mehr mehrer Säcula, daß eine Idee sich Bahn breche, um ihre Triumphe zu feiern, — schon ein kurzer Zeitraum genügt, den Beweis für den Werth oder Unwerth einer solchen zu führen. — Nun es find bereits fünfzig Jahre vergangen, daß man begonnen hat, eine Reform des jüdischen Gottesdienstes zu begründen, eö ist kein Mittel unversucht geblieben, kein Experiment versäumt worden, um, wie man sich ausdrückte, das Judenthum vermittelst eines, wie man ihn nannte, geläuterten Gottesdieustes bei seinen Bekennern zu heben, — und welche Antwort gibt uns die Geschichte auf alle diese Versuche? Hat dieser sogenannte geläuterte Gottesdienst auch nur äußerlich insofern gewirkt, daß die Synagogen der Reform allsabbatlich eine große Menge Andächtiger in ihren Räumen versammeln? Durchaus nicht! Orgel und gemischter Chor haben längst ihre Anziehungskraft verloren. — Hat die Reform aber etwa ihre Bekenner innerlich veredelt und sittlich gehoben, hat sie es verstanden, das Herz zu wecken, die Menschen gottgläubiger, gottvertrauender, gesinnungstüchtiger, zartfühlender, keuscher zu machen, ja nur annährend sie zu der Charactergröße und Sittenreinheit unserer Urgroßväter und Urgroßmütter im Ghetto zu erziehen? Die Wirklichkeit antwortet uns ein kaltes und kurzes Nein! — Und doch treten von Zeit zu Zeit immer wiederum Versuche auf, auf diesem undankbaren und unergiebigem Felde der Cultus-Reform eine Thätigkeit zu entwickeln, welche voraussichtlich die Geschichte bald wiederum ad acta gelegt haben wird. Töarum? Die Neologie hat den Schwerpunkt deS Iudenthums in die Synagoge verlegt, sie spricht es unverhohlen aus, wie wir es in der Vorrede vorliegenden Buches lesen : „Ohne Zweifel ist die Synagoge zur Zeit der Sammelpunkt aller religiösen Bewegung, der Cultus der Centralpunkt alles religiösen Lehens im Judenthum. Von der Synagoge aus muß und kann zur Zeit nur Haus imd Lehen geheiligt und dre Neugründung jüdischer Hochschulen hewirktwerden." (S V.) Das ist aber gerade das Falsche und Verkehrte: nicht basirt das jüdische Lehen auf der Synagoge, nicht ckann von der Synagoge apS Haus und Leben geheiligt werden, umgekehrt — die Synagoge steht auf dem jüdischen Hause und dem jüdischen Leben, die Synagoge wird durch das Leben und das Haus geheiligt. Darum sind auch die Synagogen der Orthodoxen besucht, darum stehen die Synagogen der Neolygie leer. Da nun aber die Rabbiner der Reform es so trefflich verstanden haben, das Judenthum mit dem Leben zu vereinigen, d. h. den Bruch mit dem Judenthum im Leben gutzuheißen, so wäre die Ueberflüssigkeit derselben documentirt, wenn sie sich nicht noch einen Platz, auf welchem sie sich als Meister dem zum Laienthume durch Vernachlässigung des Unterrichts verwiesenem Volke gegenüber geriren, behauptet hätten, und dieser Platz ist die Synagoge. Hier haben sie ihre Kanzel, von welcher aus sie ihre glückverheißenden Ideen proclamiren, von welcher aus sie, wiewohl vergebens, allsabbatlich das Volk ersuchen, doch wenigstens zur Predigt in der Synagoge sich zusammenzufinden, der Belehrung doch eine Stunde des Geschäfts zu opfern. — Daher kommt es, daß ein Jeder sich zur Abfassung eines Gebetbuchs, resp. einer Gebetordnüug berufen fühlt, in welcher die Gebete zu Gunsten der Predigt gekürzt werden müssen. So will nun vorliegendes Buch den „Synagogal- Cultus in historisch-kritischer Entwickelung" beleuchten, daß man daraus entnehme, in wieweit das hergebrachte Ritual zu reformiren sei. Ehe wir nun auf das Werk selbst näher eingehen, haben wir zweierlei zu bemerken. Erstens: der Verfasser beruft sich bei seinen Reformvorschlägen oft auf den Talmud, um vermeintliche Beweise für sich aus demselben zu entlehnen, und wo der Talmud den Ansichten des Verf. schnurstracks entgegen ist, da sollen unsere Weisen kein richtiges Verständnis mehr vom Sachverhalte gehabt haben. Das ists, was uns die Feder jn die Hand drückt. Wenn Jemand frei bekennt: der Talmud ist für mich veraltet, die Anordnungen der Talmudlehrer haben sich überlebt, darum richte ich mich nicht nach ihnen, ich bete, wie es mir beliebt, ich lebe nach meiner Bequemlichkeit, ich kümmere mich nicht darum, ob mein Lehen in Uebereinstimmung mit den Vorschriften des Talmud ist oder nicht, — gut, so mag er nach seiner Fa^on selig werden'; aber hi,ex tajmudisch sein wollen, dort äntstalmudisch, die Schrate,» des Talmud für seine Zwecke ausnützen, ohne ^sich um die ersten Anforderungen der talmudischen Beweisführung uyd talyludischen Praxis zu kümmern., indem mqn, wo es paßt, eine Einzelmeinung dem Majoritätsausspruch gegenüber aufrecht hält, kurz: den Talmud benutzen um aus demselben das Gegentheil von dem, was er lehrt, zu beweisen, ist ein Verfahren, das