Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1870)
- Date
- 1870-06-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447447-2447471--08376-2464021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lich: „Was mich nicht brmnt, das lösche ich nicht!" Viele wollen sogar bchaUpten, dich rin Dh-eil drr Polizei mit dem KrawaAe «invßrstandm nmr. Zn einer andern Gasse standen an ^0—60 Handfeste jüdische Bursche, des Momentes harrend, wo auch sie angegriffen werden sollten, uqr sich und die Ihren zu vertheidigen. Mehrere „der besseren Classe" angehörige Herren, dir ich nicht nennen will, da man sie hier ohnedies als Aufwiegler kennt, verwiesen die kleine Schaar mit den Worten zur Ruhe: „Wie, ihr Vagabunden wollt euch gar vertheidigen? Seid ihr etwa in eurem Vaterlande?" Auf einen Signalpfiff dieser würdigen Herren wurde diese Schaar Muthiger umzingelt von mehr als 100 Studenten und Gassenjungen. Doch kam es zu keinem Handgemenge. Höchst wahrscheinlich , weil es leichter sei, mit Einzelnen zu thuu zu haben. Kaum waren die Studenten abgezogen, so begaben sich diese Leute — nichts Arges ahnend — in ihre Wohnungen. Eine Viertelstunde .später wurde auch hier das Manöver wie in den andern Gassen wiederholt. Unter Anderem wurde apch der Tempel des Herrn M. Pollitzer sehr arg mitgenommen und ein zweites kleines BethauS fast demolirt. Ja nicht einmal die Schule wurde verschont. Ein Um halb 1 Uhr Nachts fallender heftiger Regen mit Sturmwind machte ■htm Unwesen ein Ende. Sonntag um 8 Uhr Früh begann dieser Tanz von neuem, und mit schwerer Mühe gelang es endlich um 7 Uhr Abends, die Ruhe wiederhrrzustellen. Biele Jüden wnrdm schwer verwundet und mehrere sollen sogar, dem Vernehmen nach, als Opfer der Vökkswrch gefaben fein. Greise, Frauen und Kinder Wüten erbarmungslos in den Gaffen und Straßen mißhandelt und mit Füßen geirrten, ja förmlich gesteinigt. Der Schaden an Geraubtem und Gestohlenem ist nicht so beträchtlich, als man anfangs vermehrte — doch es wurde geraubt. Beim Uhrmacher F. wurde daS Auslagsfenster erbrochen, mehrere werthvolle Uhren geraubt und Vieles zertrümmert. In den Schänken wurden die geistigen Getränke auf die Straße grgoffen. Momentan ist die Ruhe so ziemlich hergestellt, doch ist der Geschäftsverkehr gänzlich unterbrochen, well fammtliche israelitische Handlungen so lange gesperrt bleiben, bis eine Verstärkung an Militär von Jüffy hier «intreffen wird. DaS „Franks. Journ." knüpft an diese Vorgänge die nachfolgenden treffenden Bemerkungen: „Es sind an drei Jahre vorüber, seit die Tragödie in den Sümpfen von Galacz einen Schrei des Entsetzens und der Entrüstung wach rief, der seinen Widerhall fand in dem ganzen civilisirten Europa aflfr den Sturz des CabinetS Bratiano als die schwache Sühne einer offiziell« Wevelthat ohne Gleichen «ach sich zog. Was damals der Unthat des MinisteriumS Bratiano die Krone aufsetzte, war allerdings, daß sie im Namen und Aufträge der höchsten Autorität des Landes von deren Schergen als ein gesetzlicher Act vollstreckt ward, während diese neueste Action des rumänische« NatioualbewußtseinS dem Anscheine nach den süßen Pöbel eines walachischen LandftädtchenS zum Acteur hat, reff.'»Initiative nachträglich die frühere Blutchat des Pseudodemokraten Bratiano als volkSthümlich in jenen Landen legitimirt hat. Im Uebrigen — „noch wissen wir nicht, wer den Pöbel waffnet." Beide Vorgänge stehen außerdem keineswegs vereinzelt auf diesem Boden da. Zwischen ihnen, sowie lange vor der Affaire von Galacz, zieht sich eine unabsehbare Reihe von Verfolgungen. Mißhandlungen und Quälereien der jüdischen Parias, wie eine ununterbrochene Kette durch die neueste Geschichte dieses Landes hin, wofür Regierung und Volk in gleicher Weise die Verantwortlichkeit tragen. Der Fanatismus des Judenhasses ist eine nationale Erscheinung in den Donaufürstenthümern, und an brutalen Scenen, wie sie einst in den Mittelalterlichen Ghetti des westlichen Europas sich abspielten, hat es hier bis an die Schwelle unserer Tage me gefehlt. Nach der Schand-Affaire von Galacz waren rs die Berliner Osfiriöfen, welche den Fürsten und die Prostitutivn seiner Regierung vor Europa rein zu waschen suchten, daß sie dielandesüb liche Judenhetze als ein Product nicht des religiösen Fanatismus, sondern der socialen Zustände des Landes und die notorische Connivenz der gesetzlichen Autoriät als «in Resultat politischer Rothwendigkeit erklärten. ES mag dahin gestellt bleiben, ob die moralische Mitschuld der rumänischen Behörden an der scandalösen Hetzjagd gegen einen Theil ihrer Mitbürger, die eine so traurige Signatur der dortigen Zustände bildet, aus das Conto der politischen Schwäche öder der barbarischen Politik der Landesregierung zu schreiben ist, in jedem Falle ist die politische Unfähigkeit dieses Regiments, das frech genug war, sich einer besonderen CultUrmisftvn zn kichlnett, dadurch außer Frage gestellt. Denn die Früchte der civilisatorischen Propaganda an der Donau stehen in der moralischen Verwilderung und Versumpfung der Culturzustände des Volkes ebenbürtig neben dem frischem, fröhlichen Räuberleben, das in jener andern Culturschöpfung unserer Tage, in welcher europäische Diplomatie ein Senkreis von dem Baume des christlich-germanischen Staatslebens gepflanzt hat, in voller Blüthe wuchert und augenblicklich durch die Affaire von Marathon seinen humanen „ Gründern" wieder ein recht arges Kopfweh zu Wege gebracht hat. „Wissen möchten wir in der That, wie Diejenigen, welche täglich ihr „Anathema sit! “ über den mufel-