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Der Israelit · 1870-06-01 · Heft 22 (1.6.1870) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 22 (1.6.1870)
Date
1870-06-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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408 Jom dmtsch-israelitischm Keweindetage. (Fortsetzung und Schluß.) ß. Eine zweite Versammlung fand am 1. Mai statt; dieselbe war zahlreicher besucht, als die erste. Der geschäftsführende Ausschuß war vertreten durch die Herren Kehn er (Leipzig) Adv. Lehmann (Dresden) Adv. Josiphthal (Nürnberg) Georg Feigl (Prag). Am 2lusschußtische hatten ferner außer den Vertretern des Leipziger Gemeindevorstandes die Herren Rabbiner Dr. Goldschmidt und Prof. Dr. Fürst aus Leipzig und Prof. Dr. Lazarus aus Berlin, als Vorsitzender des Berliner Loealvrreins der Alliance israelite universelle Platz genommen. Die Versammlung füllte fast den ganzen Raum deS großen Synagogenschiffs aus. Der Vorsitzende, Herr Moritz Kohner legte in einer einleitenden Ansprache den Versammelten die heilige Sache, um derenwillen sie Herberusen seien, nochmals auf's Wärmste ans Herz und beleuchtete die Frage dann von einigen neuen Gesichtspunkten aus. Er erinnert daran, daß nnnN Einheit von jeher die Parole des Judentums und der Juden gewesen sei; die Einheit der Bekenner habe denselben immer als lebendiges Symbol der von ihnen verfochtenen Einheit Gottes gegolten. Diese Einheit und Solidarität drohe aber in neuester Zeit unter dem Andrange der modernen Cultur in Stücke zu gehen. Es müsse also danach gestrebt werden, daß zunächst unter den Gemeinden innerhalb der einzelnen Länder der Zusammenhang erhalten werde. Aus diesem Bedürfnisse seien denn auch bereits in England, Amerika, Frankreich ja neuerdings-auch in Ungarn durch freie Vereinigung geschaffen, Central-Organe hervorgegangen, welche die Interessen der Judenheit in den betreffenden Ländern würdig zu repräsentiren vermögen (Board of Delegates of American Jews, Board of Peputils, of English Jews, Alliance israelite universelle, ständiger Ausschuß des jüdisch-ungarischen Congresseö*). Nur die deutschen Juden besitzen eine solche Central-Bertretung nicht; über der nunmehr fast völlig erreichten Freiheit scheinen sie die Einheit verloren zu haben, und diese Zersplitterung nehme immer mehr überhand! Es sei hoch an der Zeit ihr Einhalt zu thun, schon darum, weil wir ja nicht allein seien, weil es dringend notbthue, unfern bedrängten Brüdern mit vereinten Kräften beizuspringen. Da höre man wohl Manche einwenden: es sei nicht Sache der Menschen jenen Unglücklichen zu helfen; die Vorsehung werde schon Hilfe senden zur rechten Zeit, hierauf sei zu erwiderndaß die Vorsehung verschiedene Wege einschlage um zu helfen; einer dieser Wege sei der, daß sie gute und hilfsbe- Anm. der Red.: Beim ungar.Congreffe handelt es sich doch um ganz etwas Anderes. reite Menschen auf die Erkenntnlß des Nebels und der Mittel hinle'te, die demselben abhelfen könnten Neben diesen einfältigen gebe es aber noch hartherzige und kurzsichtige Menschen, die gleich mit der Frage bereit seien: Was gehen uns die russischen Juden an? Als ob nicht ihr Leiden und ihre Schmach unser Leiden und unsere Schmach wäre! Als ob nicht die wirthschaftliche und daher zum Theil auch geistige Verkommenheit unserer Brüder im Osten alle noch so glorreichen Erfolge der Culturjuden in Frage stellte oder doch wenigstens verdunkelte und unfern lauernden Feinden eine stets willkommene Handhabe sei, ihr Müthchen an uns zu kühlen! Der Redner sucht diesen Gedanken durch einige zum Theil sehr ergötzliche, zum Theil aber auch sehr ernste und zu tieferer Betrachtung auffordernde Bilder aus dem Leben zu illustriren. Er erinnert daran, wie vor einigen Jahren, als der Nothruf unserer Glaubensbrüder von Rumänien aus erschallte, ein hervorragender deutscher Israelit (—--) sich erboten habe, als Mandatar der deutschen Judenheit nach Rumänien zu gehen, um nicht nur der augenblicklichen Noth aözuhelfen, sondern auch durch Gründung von Schulen, Wohlthätigkeitsanstalten u. s. w., einer Wiederkehr derselben kräftig vorzubeugen, wie man ihn aber schmählich im Stich gelassen habe. Das Unternehmen sei an der Theilnahmlosigkeit der betreffenden Kreise gescheitert zur Schande der deutschen Judenheit und zum Schaden unserer rumänischen Brüder, die vielleicht mancher zukünftigen Leiden im Vorhinein hätten enthoben werden können. Dieser Jndifferentismus müsse aufhören; ein Centralorgan müsse geschaffen werden, das im Verein mit der Alliance die Interessen der Judenheit nach außen gewichtsvoll repräsentire und nach innen die Interessen der deutschen Juden entwicklungsfähig gestalte und ordne (Bravo!) Während der Rede hatte Herr Kohner mitgetheilt, daß seit der letzten Versammlung die 47. Gemeinde sich dem Gemeindebund angeschlossen habe und zwar Berlin (Bravo!) Professor Dr. Lazarus schließt sich mit großer Redegewandtheit den Ausführungen des Vorredners an, beklagt gleichfalls den schwachen Widerhall, den der Gedanke des Gemeindetags bisher gefunden. Schon diese Schwierigkeit und Langsamkeit, mit der das zu gründende Einheitswerk vorrücke, zei-e deutlich, wie sehr die Zersplitterung und Gleichgültigkeit unter uns zugenommen habe und wie nothwendig es sei, ihr einen Damm entgegenzusetzen. Erst jetzt verdienen wir, zumal in Deutschland, rccht eigentlich den Namen des „zerstreuten Israel", da wir weder eine Organisation oder Centralb. Hörde, wie die Juden der übrigen Culturländer, noch hervorragende allgemein anerkannte Persönlichkeiten besitzen, in denen sich das religiöse Bewußtsein der Gesammtheit maßgebend und

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