Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1870)
- Date
- 1870-05-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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360 Mordthaten verübt wurden. Wenn sie an Kirchen, Kreuzen oder Heiligen vorübergingen, muhten sie ihre Kopfbedeckung abnehmen, und wehe dem Israeliten, der sich nicht auf die Kniee warf, wenn zufällig eine Prozession vorüberkam l Bei der Einsetzung eines jeden neuen PabsteS hatten sie eine Deputation, welche die Gesetztafel Moses trug, zu senden; über diese Tafel wurde alsdann der Segen gesprochen, über die Juden aber der Fluch. Bei solchen öffentlichen Gelegenheiten hatten die Juden zur Bestreitung der Kosten bedeutende Summen zu bezahlen, kostbare Teppiche an der Triumphpforte des Titus auszubreiten und silberne Zierrathen daran aufznhängen; an dastelbe Monument, das zur Erinnerung an die Zerstörung ihrer heiligen Stadt und ihres Tempels noch mrmer dort siebt. Beinahe jeder Papst fügte den alten Verordnungen neuen hinzu. Im Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, als EugeniuS IV. mit der päpstlichen Gewalt bekleidet wurde, erließ er so grausame und erniedrigende Gesetze, daß die Zeit nie vermögen wird, solche Schuld aus dem Andenken der Vatikans auszulöschen. In jener Zeit wuden der Carneval, eines der pompösesten Feste in Rom, und die Rennen eingesührt und die Juden gezwungen, dabei zu laufen und sogar den größten Theil der Ausgaben, welche in jenen Tagen gemacht wurden, zu bestreiten. Der letzte Tag des CarnevalS war für diese öffentliche Belustigung bestimmt und ist jetzt noch immer ein Tag großer Ausgelaffenheit. Der Corso, die Hauptstraße, welche 2000 Schritte lang ist, füllt sich zu beiden Seiten mit Tausenden und aber Tausenden von Zuschauern, welche von einer Reihe von Soldaten emgeschlossen sind. Dragoner reiten auf und nieder, und eine Anzahl Pferde ohne Reiter werden mit stacheligen Kugeln, die ihnen vom Rücken herunterhängen uud bei jedem Schritt fit das Fletsch stechen, zum rasendste» Laufe gehetzt. Diese Thiere werden auf der Piazza del Papolo losgelassen, um durch den Corso an's andere Ende zu rennen; da jauchzt die ungeheure Volksmenge; die Fenster und Balkone aller Häuser des Corso sind mit rothem Tuche behängen, Fahnen flattern an allen Ecken und Enden. Diese Fenster und Balkone werden zu hohen Preisen vermiethet und sind dicht mit Zuschauern besetzt, unter denen die englischen LadieS hervorragen. Die Zuschauer tragen alle Masken, haben Schachteln mit Kreide und Lehmkügelchen vor sich stehen und werfen damit auf den Vorübergehenden, ob es nun ein Kardinal oder Priester, ein Graf oder Bettler ist, ob er im elegantesten Wagen sitzt over zu Fuße geht. In unseren Tagen ist sowohl der Papst als daS Volk mit diesm Belustigungen ' zufrieden; dies war aber in früheren Zeiten nicht der Fall. Viele Juden mußten damals bei den Rennen am Carneval mitlausen, manchmal mit Stricken um den Hals, manchmal nackt, mit Ausnahme eines Tuches um die Lendea- Zu jener Zeit wiroen'überhaupt keine Pferde, sondern Esel oder Büffel beim Rennen verwendet, und mit diesen Thieren mußten die Männer Israels wetteifern. Die Erinnerung an die Regierung Sixtus' V. ist noch immer frisch im Gedächtnitz der Inden, weil er einer der Wenigen war, der Mitleid für sie hatte. Er befreite sie von den Gesetzen seiner Vorgänger, gestattete ihnen wieder mit den Christen zu verkehren, enthob sie ungerechter, drückender Abgaben und erließ den Befehl, keinen Juden mehr zur Taufe zu zwingen. Dies war aber nur ein kurzer Zeitraum der Erleich-, ternng, und der Sonnenschein entschwand, als Clemens IX. P-psi wurde. Eine seiner ersten Handlungen war, alle zu Gunsten der Inden erlassenen Verordnungen auszuheben. D e Thore des Ghetto wurden wieder scharf bewacht und nach Sonnenuntergang geschloffen. ES wurde ihnen verboten, neue Artikel zu kauf n und zu verkaufen, und von jener Zeit drtirt wohl die Einrichtung des ausgedehnten Handels mit allen Arten alter Sachen, wie diese heutzutage im Ghetto gesunden werden. 'Dies ist die kurze Geschichte der unglücklichen Kolonie im Ghetto in Rom während vieler Jahrhunderte. Bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts waren sie die einzigen Juden in Italien, mit Ausnahme einer kleinen Gemeinde in Ancona und Ravenna, wo sie in Ghettos lebten, wie in Rom. Am Ende deS fünfzehnten Jahrhunderts vertrieben Ferdinand und Ifabella die Juden aus Spanien; viele von denselben kamen nach Italien und erhielten die Erlaubnrß. sich in den Städten Mailand, Turin, Florenz, Pisa, Mantua rc. niederzulassen. In jeder Stadt erhielten sie ihr Ghetto angewiesen, das bei Sonnenuntergang abgeschlossen wurde. Jedes Ghetto hatte sein Thor, bis Napoleon Bonaparte dieselben entfernen ließ. Seit Victor Emannel's Regierung erfreuen sich die Juden derselben Freiheiten, wie seine übrigen Unterthanen, und Pius IX. hat sie von manchen ungerechten Gesetzen erlöst. Aber als Gemeinde ist ihre Stellung eine ganz untergeordnete, und sie stellen ein lebendiges Denkmal und Zeugniß von Allem dar, was im Ghetto sich ereignet hat. Sie bezahlen noch immer die demüthigende Abgabe. So drückend die Lage der Inden im Ghetto zu Rom noch ist, so haben sie doch die Wissenschaften nicht vernachlässigt, und ihre Aerzte zählen zu den geschicktesten in Rom. Gesprächen nach zu urtheilen, die der Schreiber dieses mit ihnen pflog, verdienen sie ein besseres Loos und würden, vom Zwange befreit, der Welt weit mehr Nutzen erweisew können, als im Ghetto zu Rom. Möchte bald ein lichterer Tag auch für sie Mt*; brechen! (Allgem. Fam. Ztg.)