Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1870)
- Date
- 1870-05-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XL Jahrgang. Zweite Beilage zu Nr. 18 des Israelit. Leitender Artikel. Der Danquerolt der Wisstonäre. Mainz, 1. Mai. Mittwoch, den 27. April, begann im Saale des evangelischen Vereins in Berlin die Conserenz der deutschen Gesellschaften zur Beförde» r ung des Ebristenthums unter den Juden unter dem Präsidium des Ctaatsministers a. D. von Westphalen. Aus den Verhandlungen dieser Conferenz ging hervor, daß die Wirksamkeit der Gesellschaften G. s. D. gleich Null, und daß von derselben jährlich Millionen vergeblich verausgabt werden. Die Versammlung war sehr spärlich besucht, was am Besten dafür zeugte, daß jene Gesellschaften auch in christlichen Kreisen wenig Sympathien haben und nur künstlich durch die reichlichen Spenden gekrönter Häupter und anderer vornehmer Herren und Damen ihr Leben fristen. Der erste Gegenstand der Tagesordnung war: Die Herstellung und Pflege eines lebendigen Verkehrs der Juden-Missionsgesellschaften unter einander. Als Referent sprach: Prediger Axenfeld aus Cöln. Herr A. beklagte (!) sich über die geschloffene Offensive des Judenthumö gegen die Mission und über die Verspottung ihrer Thätigkeit durch seine Organe. Freilich, ein ernster Kampf ist hier kaum geboten; die Sache der sogenannten Judenmission ist langst dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen. Während sich ein großer Theil der modernen Gesellschaft, vielleicht der größere, vom positiven Christenthume lossagt, wollen einige Verblendete in dieser Zeit der Erschlaffung der chr. Ideen die Juden durch Wort und Schrift zu Dem bekehren, von dem täglich Tausende und aber Tausende aus den eigenen Reihen abfalle», und was den finstern Jahrhunderten durch Feuer und Schwert, durch Mord und Knechtung, durch Hohn und Schmach, durch Scheiterhaufen und Ghetti nicht gelungen, das wollen diese Herren durch Traclätlein, die kein Mensch liest, bewerkstelligen! — Sonderbare Schwärmer. Durch das Referat des Herrn A. erfahren wir, daß innerhalb der Missionsgesellschaften die größte Zerfahrenheit herrscht, daß die einzelnen Vereine einander ignoriren, daß die Kirche selbst so vernünftig ist, stch nicht für die Mission zu interessiren. Als Mittel zur Verbesserung der Geschäfte schlägt er unter Anderm vor: Wirksamkeit der Gesellschaft Lei Nothständen der JSraeliten (wie iu Rußland und Jerusalem). — Wenn cS noch nothwendig gewesen wäre, das in Rede stehende Streben in seiner ganzen Verächtlichkeit zu zeigen, so bätte dieser Vorschlag auch den Blindesten die Äugen öffnen müssen. Wo also ein Jude im Begriff ist, Hunger zu sterben, da soll der Missionär ihm ein Stück Brod bieten und als Preis für die Fristung des elenden Lebens das Absckwören der Einbeit Gottes, die Untreue gegen den Glauben, der seit Jahrtausenden unser einziges Leben ist, verlangen?! Den zweiten Gegenstand der Tagesordnung bildete die Frage: Wie kann die Theilnabme der christlichen Gemeinde an dem Werke der Judenmission erweckt und in reicherem Maaße vermehrt werden? Referent wer Herr Professor Paulus Cassel. Dieser hieß früher Selig Ccffel; in den Jahren der Reaction, die der Revolutionsepoche von 18-48 folgten, diente er dem Ministerium Mannteuffel im Preß-Büreau. Als im Jahre 1850 aus dem damaligen deutschen Conflict, in welchem es stch jiv’iiUm um die Hegemonie in Deutschland handelte und dessen vornehmstes Stteitobject das Kurfürstenthum Hessen war, Oesterreich als Sieger hervorging, machte „Kladd er ad a t sch" den treffenden Witz: bei dem Uebereinkommen von Olmütz habe Oesterreich, Hessen-Cassel, Preußen dagegen Selig Cassel erhalten." In jenen Jahren ging Herr S. C. zum Christenthume über, und aus dem Selig-S aulu S wurde eine P aulns. Seitdem aber Preußen — Hessen-Cassel besitzt, ist ihm Selig Caffel überflüssig geworden, und derselbe hat nur noch Bedeutung (?) auf dem Felde der Judenmission. In Beantwortung der vorliegenden Frage, beschränkt sich Herr Professor Paulus Caffel darauf, zu betonen, daß vor Allem die christl. Gemeinde dem alten Testamente wieder näher geführt werden müffe. WaS will der Herr Professor eigentlich damit sagen? Wenn er damit meint, daß die christliche Gemeinde sich auf den Boden des sogenannten alten Testaments stellen solle, so ergibt sich daraus eine Negation des sogenannten neuen Testaments; dann hört das Christenlhum als solches auf, und es bleibt nur das Judenthum übrig. So kehrt sich der Spieß um, und Herr Professor Paulus Cassel erscheint eher als Missionär der Bekehrung der Christen zum Judenthume. Bei dieser Gelegenheit wollen wir doch den Lesern ein wahrhaftes Geschichtchen nicht vorenthalten, das dem Herausgeber dieser Blätter sein seliger Vater, der es als Augenzeuge milerlebte, oftmals erzählt hat. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts fuhr einst der Fürstbischof von Bamberg durch den