Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1870)
- Date
- 1870-05-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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340 lief am 9. März, den Säbel in der Hand durch die Strafen und schlug auf alle, die ihm begegneten, nur nicht auf Muselmänner. Ungefähr 60 Personen verwundete er, worunter einige lebensgefährlich; mehrere Kinder blieben auf der Stelle todt. Eine junge und hübsche iSr. Dame, an einen Europäer verheirathet, verdankte nur ihrem Chignon ihr Leben. Endlich, nachdem dieser Unmensch von einem Revolver am Beine verwundet worden war, wurde er von einem Ehanch deS engl. Consuls arretirt. Sämmtliche Eonsnln verlangten eine strenge Bestrafung. Der Mörder wurde enthauptet. Man sagt, daß oer engl. Consul eine oder zwei Fregatten von Malta kommen lassen will. Feuilleton. □ Die Juden im Ghetto zu Nom. Kutturgeschichtliche Skizze. (Fortsetzung.) Eine große Veränderung findet im Ghetto am Freitag Abend gegen Sonnenuntergang statt. Alle Buden werden geschloffen, die Geschäfte eingestellt, und wenn man einen Blick durch die Thüren in die Häuser hineinwirft, so sieht man die Insassen sich waschen, ihre Kleider wechseln, sich kämmen und bürsren, während Mägde, Knaben und Mädchen aus Kuchenbrettern dampfende Laibe feines Brod, nach den Gesetzen der Juden und extra für den Sabbat znbereitet, vom Bäcker heimtragen. Sobald die jüdischen Weiber ihre Toilette beendigt haben, richten sie den Tisch sür's Nachtessen, zünden die Lamp-.' an, und legen den Brodlaib, von dem sie ein Stück abbrechen, darauf; dann sprechen sie ein kurzes Gebet und werfen alsdann das abgebrochene Stück in's Feuer. Sie sprechen auch mit ausgebreiteten Händen den Segen über die angezündeten Lichter. Die Straßen sind leer, aller Geschäftsverkehr hat aufgehört, Männer und Knabe i gehen mit Gebetbüchern unter dem Arm in die Synagoge, denn es ist der Sabbat des Herrn. Die Weiber und Kinder bleiben zu Hause, und wenn man zu dieser Zeit durch die melancholischen Straßen geht, hört man keinen Laut in den Häusern, ausgenommen hie und da Worte des Zankens zwischen Kindern. Nach der Rückkehr der Männer von der Synagoge, wünschen sie sich einander alle „einen guten Sabbat" und setzen sich nach der gemüthlichen, hergebrachten Sitte, welche die Juden so hoch zu schätzen wissen, zu Tisch. Sie fühlen mit innerer Befriedigung, daß sie noch immer Juden sind, und daß der Abend des Sabbats angebrochen ist. Fünf Synagogen, den verschiedenen Minhagim ihres Glaubensbekenntnisses angepaßt, sind zusammen in einem Gebäude, in der Piazza della Scola vereinigt. Hier befinden sich auch ihre Schuten, welche, wie bekannt, die besten in Rom sind, was elem nitarischen Unterricht anbelangt; dieser wird in italienischer Sprache ertheilt, auch das Hebräische wird nicht .'vernachlässigt; aber Theologie wird auch von Privatlehrern gelehrt, sowie vom ersten Rabbiner. Die Piazza della Scola bildet einen wichtigen! Tßeil des Ghetto und konnte sich einer Wache! rühmen, welche von des Papstes eigenen Solvaten! besetzt wird. Markt wird hier alltäglich abgehalten, i ein größerer wöchentlich einmal, und der Schauplatz wird alsdann ein sehr pittoresker, belebter, durch die Landleute von der Eampagna in ihrer bunten Kleidung, mit ihren Eseln, Pferden und seltsamen Karren, welche buchstäblich ganz mit Heiligen und Sündern j bemalt sind. j Jahrhundert um Jahrhundert hat diese Colonre j alle Schwierigkeiten uno Drangsale, welche das Leben mit sich bringt, sowie die Grausamkeit der Menschen über sie verhängte, überwunden; ihre Geschichte kann mit Gewißheit von der Zeit des Vespastan hergeleitet werden. Dieser Kaiser legte ihnen eine Taxe auf, welche sie alljährlich an das Kapitol zu entrichten hatten und die sich auf dieselbe Summe belief, welche i sie an den Schatz des Tempels von Jerusalem ablie-! fern mußten. Diese Taxe haben die Juden heutigen Tages noch an einen Kardinal des Papstes zu entrichten. Von der Zeit des Vespastan bis zu Severus berichtet ihre Geschichte nur von Verfolgung,! Plünderung und Blutvergießen, und Conftantin erließ I während seiner Regierung die grausamsten Edikte ge-! gen sie. Sir wurden sehr häufig aus ihren Wohj nungen im Ghetto vertrieben und gezwungen, jenseits der Tiber zu wohnen, hatten aber demungeachtet ihre Taxen zu zahlen. Endlich waren sie so arm, wie ein alter Geschichtsschreiber erzählt, daß ein Korb, um , ihre Vorräthe hinein zu thun und ein Bund Stroh, ■ um darauf zu liegen, ihre ganze Habe bildete. Ein l anderer Geschichtsschreiber berichtet, daß die Denk-! zettcl (Tephillin) so rar bei ihnen waren, daß sie einer aus den andern warten mußte«, um ihre Mor-! gengebete zu sagen, und daß sie während Lanzer Zeit? ihren Gottesdienst an entlegenen Plätzen, in Kellern,; Katakomben halten mußten in Folge der fortwahren-! den Quälereien, denen sie ausgesetzt waren. Kaiser i Severus hob viele grausame Verordnungen auf, gel stattete ihnen, in das Ghetto zurückzukehren, in Beri kehr mit der übrigen Bevölkerung zu treten. Synaj gogen und Schulen zu errichten. Einige Juden wur- > den nun Aerzte, andere widmeten sich andern Wiffenschäften, wiedere andere wurden Apotheker. Die jüdischen Aerzte wurden bald wegen ihrer Tüchtigkeit berühmt und eine lange Periode nachher gebrauchten die Bischöfe, Päpste, Kardinäle, sowie die besten Familien in Rom keine andere als jüdische Aerzte. Dieselben wurden geehrt und geliebt, obgleich die übrige Natiom verhaßt und verachtet blieb. (Schluß folgt.)