Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1870)
- Date
- 1870-03-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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197 seitig, um auf diese Weise in meine Nähe zu gelangen. Als ich sah, daß alle Moralreden meines Begleiters nichts fruchteten, tractirte ich die Vorwitzigsten mit einigen gut aplicirten Rippenstößen, die auch ihren nächsten Zweck nicht verfehlten. Rach einer Weile drohte mir jedoch der Janhagel mit Schlägen und fluchte über meine Unböfiichkeit. Als das kräftige Auftreten meines Begleiters dieselben an weiteren Thätlichkeiten verhinderte, droht n sie, mich bei den Richtern zu verklagen. weil ich sie geschlagen hätte. Ich ließ mich jedoch dadurch nicht einschüchtern, sondern drohte einerseits sie bei der yöchsten Instanz dem Könige zu verklagen. Unter Flüchen u id Schimpfwörtern verabschiedeten sie sich. Dem Apostaten schien der Gang mit mir nicht sonderlich zu behagen, denn er führte mich in der größten Hast in sein zweites HapS. Nachdem ich mir die Kranke ein wenig angesehen, sagte ich: „Ich muß auf den M.rkt, in die Läden der Gewürzhändler, um Medikamente eiaznkaufen", da ich das Jnn-re der Stadt gerne sehen wollte. Er fürchte e sich jedoch, einen zweiten Gang mit mir zu wagen, indem er vorgab. daß sich zur Abendzeit alles Gesindel in den Straßen umhertreibe. Als er jedoch sich von meiner Entschlossenheit überzeugt hatte, befürchtete er ernstliche Gefahr und sagte: „Ich will Alles, was Da brauchst, auf dem Markte selbst holen." „Ich kann Dir die Pflanzen und deren Mischungen nicht nennen, bis ich mich selbst durch eigene Prüfung von deren Beschaffenheit überzeugt habe." erwiederte ich. „Nun gut," so will ich meinen Sohn mitschicken. Diesem nun sagte er, wie er mich auf Schleichwegen auf den Marktplatz führen solle, wo sich auch die Läden einiger Juden befänden. Kaum hatte ich bei einer Buve etwas Papier, Kachel (arab. Augenschminke) und Zucker gekauft, als ich auch schon von allen Seiten mit den Rufen: AH Kudsi, Kudst (Jerusalem!) angerufen wurde. Nach einigen Augenblicken b fand ich mich in der Mitte einer dichten Menge schre'ender und lärmender Araber. Alle drängt n auf mich m, um mich von vorn zu sehen und die hoffnungsvolle Straßenjugend machte alle A-strengungen, sich durch die Erwachsenen hindurch zu drängen, um mich mit ihren Händen und Stöcken stoßen zu können. Nicht lange dauert« es, so flogen auch Steine nach mir zu. Die Erwachsenen riefen ibnen allerdings zu: Schämt Euch, schämt Euch! doch sie predigten tauben Ohr n Der Eigenthümer der Bude sagte zu dem Sohne des Apostaten: „Spute Dich und führe den Mann in einen der Läden der Juden, daß er sich dort v rstecke;" die Juden saben meine bedenkliche Lage aus der F rne, konnten aber nicht zu mir gelangen. Durch die Hilfe des Krämers, der seinen Stock nahm und mich förmlich aus dem Wirrwarr herausbieb, gelangte ich in den Laden eines achtbaren Glaubensgenossen. Noch auf diesem Wege flogen mir Steine nach, als wenn es hagelte. Nachdem ich also doch lebend in den Lide« gekommen war, v-rsteckte mich der Kaufmann in dem geheimsten Gemache und brachte mich Abends, nachdem es finster und die Straßen frei geworden, nach seinem Hause in der Judenstadt. Die Moslem stadt sah ich jedoch nicht wieder. D ese große Stadt, die Metropole Jemens, die heute nach auf ihre hohe und feste Lage trotzend, keinem fremden Beherrscher gehorcht, steht keiner orientalischen Residenz mit allen ihren Ggenthümlichkeiten und Sitten nach, ja sie kann sich sogar in vielen Beziehungen eincr Ueberl'genheil rühmen. So sind z. B. die engen und krummen Straßen, die ich gesehen habe, voller Unflath und Koth. An allen Ecken stößt man auf Kadaver von Thieren, Vögeln und Reptilien. Altes Gemäuer, das über unseren Häuptern einzustürzen droht, in dessen Räumen Grabesstille herrscht, gähnt und entgegen. Nur die Raubvögel, die sich die Kadaver der Pierde und Esel, deren Gestank uns betäubt, gegenseitig streitig machen, lassen ihr heiseres Geschrei vernehmen. Nur an den Marktplätzen, in der Mitte der Stadt herr'cht lebhafter Verkehr zwisben Käufern und Verkäufern; dort befinden sich viele Kaffeehäuser, vor denen kleine Stühle stehen, wo man seinen Trank aus Kaffeeschalen einnimmt und Tabak raucht. Hier preist man die Wunder und Großthaten des Propheten. Dieses ist aber auch die Weisheit und Gelehrsamkeit, in der die Araber alle Welt übertreffen. Wundere Dich nicht über das Abenteuer, das Dir heute begegnet, sagte mir der Kaufmann, der mich zu sich genommen. Ich will Dir von einem Streich erzählen, den vor etwa zehn Jahren zw i edvmitische*) (so nennt man hier europäische Christ'«) Jünglinge dem damaligen Könige gespielt haben. Zwei sehr vornehm aussebende Jünglinge kamen damals hierher, deren Weisheit man ihnen an den Augen anfehen konnte und deren Vernunft sich unter den blonden Locken ihrer Köpfe versteckt hatte. (Hier kennt man diese Haarfarbe gar nickt, nur alte Frauen färben sich ibre grauen Haare und alte Muselmänner ihre gebleichten Bärte mit der röthlichen Alchimahfarbe.) Dieselben hatten Empfehlungen an den König, auch von dem Paschah von Chuveida, daß man sie anständig empfange und ihnen erlaube, sich die Stadt ein wenig anzusehen. Der König empfing sie freundlich und that ihnen alle Ehre an, da er gute Gründe dazu hatte. In der Näbe seiaes Palastes räumte er ihnen ein Haus ein. Nachdem sie sich zwei bis drei Tagelang das Treiben in der Stadt ang^sehm hatten, verlangten alle Fürsten und Beamten des König-, daß man die Eindringlingtödte, da sie als Christen nicht das Reckt bätten, das Land anszukandschaften. Der König, welcher sich fürchtete, ihnen Leids zuzu- *) Nach Malzahn waren diese zwei englische Offiziere.