Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1870)
- Date
- 1870-02-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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145 ANZEIGEN An unsere Glaubensgenossen $itte sehr dringende Witte nm Mithilfe. Am 15. Kislew bei dem Stiftungsfeste der hiesigen Chebra-kadischa, des Krankenpflege- und Beerdigungsvereins, hatte der Jahresbericht festgestellt, daß im Laufe des Jahres 38 Personen männlichen und weiblichen Geschlechts der Erde übergeben worden, und mehrere hundert Kranke Pflege und Unterstützung empfangen hatten. Davon gehörten zu unserer Synagogen-Gemeinde auch nicht ein Einziger, und die 38 Verstorbenen allein waren aus 26 verschiedenen russischen Ortschaften gebürtigt. Seitdem der hiesige Unterstützungsoerein, aus dessen Kasse der größte Theil der Ausgaben des obengenannten Vereins bestritten wurden, seine Thätigkeit eingestellt hat, und Falle entsetzlicher Art vorgekommen. Wir fanden Todkranken in einem Bretterverschläge bei einem abgelegenen Hause auf einem Lumpenlager, und Schnee und Sturm, welche durch die weiten Ritzen ungehindert eindrangen, stoben um ihn herum. Wir brachten den Kranken in ein gutes Bett und Zimmer, konnten aber trotz aller anMhMdten Sorgfalt nicht mehr verhindern, daß der ö® gPer Familie stammende talmudgelebrte junge DMO in folgender Nacht verstarb. — Wir fanden eine ganze Familie von den russischen Borsienarbeitern. welche hier Beschäftigung suchten und theitweise auch gefunden hatten, bestehend aus Großvater und Großmutter, Sohn und Schwiegertochter und deren acht Kinder halb verhungert, fast sämmtlich krank in einer kalten Dachkammer auf faulem Stroh liegen; durch Sorgfalt konnten sie sämmtlich dem Leben zuräckgegeben werden, nur der Vater der acht Kinder, der Versorger der ganzen Familie, war seinem furchtbaren Leiden erlegen. — Wir fanden, von einem Arzte aüs unserer Gemeinde, Herrn vr. Laas er, der sich der Unglücklichen, was wir dankbarlichst anerkennen, mit der größten Sorgfalt annimmt, darauf aufmerksam gemacht, 13 kranke Menschen — Einer davon ist bereits gestorben — in, einem engen, kalten Raume derart zusammengepreßt', daß manche die Füße nicht ausstrecken ckonnten. — Mit letzter Kraft schleppen sich die Unglücklichen über die Grenze, oder werden von den russischen Fuhrleuten, welche zu Hunderten tagtäglich zu uns herüberkommen, mitgenommen, um hier, ohne daß wir etwas dazu thun können, ihrem Elende zu erliegen. — Wir haben uns hier allsammt vereinigt und zahlen zur Krankenpflege bestimmte, wöchentliche Beiträge. Vor Allem haben wir beschlossen, ein Haus zu erwerben und zum Krankenhause Herrichten zu lassen. Zu dessen Unterhaltung sollen von allen aus Rußland hierher zum Verkauf gebrachten Producten — zu vier Millionen ist der Minimalsatz der Verkaufssumme veranschlagt — ein halb pro Mille erhoben werden. Einen fast eben so hohen Betrag wie hiedurch hoffen wir durch jährliche, regelmäßige Beiträge zu erzielen; aber die Erwerbunzs- und Einrichtungssumme des genannten Hauses, welche etwa 10,000 Thaler betragen mag, wissen wir unter uns nicht aufzubringen. Wir bürden uns durch diese Einrichtung eine Last auf, die schwerer und drückender nicht gedacht werden kann; allein können und dürfen wir die Unglücklichen, die zu uns herüberkommen, weil sie drüben in Rußland jeder Pflege, sogar jedes ärztlichen Beistandes entbehren, elendig Hinsterben lassen? Wir wollen uns dieser schweren Last aus Liebe und Mitleid mit unseren in Armuth und Elend ganz und gar versunkenen russischen Glaubensbrüdern bereitwillig unterziehen aber von Euch, Ihr Glaubensbtüder in allen Ländern, die Ihr dieselben Verpflichtungen habt wie wir, verlangen wir zum mindesten die Summe zur Herrichtung eines Werkes, welches eine wahre Heilanstalt für eine Bevölkerung von mehr als 100,000 Seelen von unseren Glaubensgenossen zu werden verspricht. Q, Ihr mitleidsvollen Brüder und Schwestern! So entsetzlich arm zu sein ist sehr schlimm; aber arm und krank zu sein, das ist das allerschlimmste! Erbarmet Euch der kranken Armen! Gebet bald und reichlich, und ein segensvolles Werk, wie es kaum seines Gleichen finden dürfte, kann sofort ins Leben treten. „Wer des leidenden Bruders sich erbarmt, der findet Erbarmen bei dem Allbarmherzigen!" Memel in Preußen, im Januar 1870. Julius Hirsch, Vorsteher der Syn.-Gem. Saul Bloch, Vorsteher der poln. russ. Syn. Leiser Lewy, Vorsteher des Beth-Hamidr. Rabbi 8. A. Wohlgemuth, Moreh-Zedek. Dr. Rülf, Prediger der Syn.-Gem. Das hiesige Unterstützungsconmö macht hierdurch bekannt, daß es seinen Restbetrag bestehend in 1733 Thlr. 6 Sgr., wenn hiergegen seitens der Spender kein Widerspruch erhoben wird, gleichfalls zu gen. Zwecke hergibt. — Die Spenden zur Herrichtung des Krankenhauses nimmt der bisherige Schatzmeister des Unter-- fiützungscomitss Herr Julius Hirsch, Firma: I. Hirsch SC Co. entgegen. Die Vorstände und Cultusbeamten, sowie einen Jeden, der es vermag, bitten wir, Sammlungen zu diesem Zwecke veranstalten zu wollen. Eine sehr -ringende Bitte. Die Zahl unserer Handwerkerlehrlinge hat sich bedeutend vermehrt. Diese werden zunächst sämmtlich hier untergebracht, weil der Ort sowohl zu ihrer Aus--