Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1869)
- Date
- 1869-11-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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nars, wogegen Sie, verehrter Herr Redakteur, vor Kurzem mit solch schlagenden Motiven zu Felde zogen. Ueber das Berliner Iudenthum und besonders über die hiesige orthodoxe Partei, die durch die Berufung des Herrn vr. I. Hildesheimer einen ihrer glänzendsten Triumphe erfochten, schreibe ich Ihnen — so Gott will — nächstens. Adolph Kohut. Posen, 1. Nov. Nach etwa zwanzigjährigem, vollständigem Stillstände hinsichtlich religiösen Gemeindelebens, während welcher Zeit es dem Vorstande gelungen war, einen Indifferentismus gegen jüdische Institutionen zu schaffen, wie er wohl in gleichem Maße nirgends vorhanden sein dürste, haben sich auch hier unsere Gesinnungsgenossen endlich ermannt, um bei der Repräsentantenwahl zu bekunden, daß sie von Männern geleitet sein wollen, die für jüdisches Leben mit der That einstehen. Der Kampf war ein harter, aber er endigte mit einem glänzenden Siege der religiösen Gemeindemilglieder. D'e Betheiligung war eine enorm große, von 1100 Stimmberechtigten, stimmten etwa 800. In dem einen Wahllocal siegten wir beim ersten Wahlgange mit 10 Stimmen, in dem Anderen mit 56 Stimmen; beim zweiten Wahlgange hatten wir eine Majorität von 50 und 100 Stimmen; dann zog sich die Gegenpartei, nachdem ihre Ohnmacht gänzlich constatirt war, von der Wahl zurück, so daß unsere Candidatenliste vollständig aceeptirt wurde. Gewählt wurden als Repräsentanten von Wählern A bis K Moritz Eichborn, Bernhard Jaffe, Commerzienrath L. Raph. Seegall, Banquier, Julius Briske, als Stellvertreter Joachim Bendix, Osc. Blum, L bis Z Heymann Marcus, S. Calvari, L. Pulvermacher, Stellve treter M. Z. Hamburger, Koschmann öaboschin, L. Nathan. Möge es diesen Männern gelingen, das Interesse für jüdisches Leben und jüdisches Wissen wieder zur Geltung zu bringen. Oesterreichischer Kaiserstaat. Krakau. Bis jetzt waren die Länder der Krone des heiligen Stephan von allen österreichischen Provinzen ausschließlich der Schauplatz eines barbarischen Menschenhandels, förmlicher Ein- und Verkäufe von Mädchen, die in türkische Harems oder arabische Lusthäuser wandern mußten. Leider zeigt es sich, daß auch Galizien in dieser Beziehung von den Anschlägen einer ganzen Bande solcher Händler nicht verschont blieb. Es sind dies vorzüglich jüdische Speculanten, welche fast jedes Jahr in einer andern Gegend den Freier spielen und arme, aber schöne jüdische Mädchen heirathen, um sie sodann weit über'm Meer zu verkaufen. Selten dringt eine Klage dieser unglückliche» weiblichen Geschöpfe in die Zeitungen. Ein glücklicher Zufall fügte eS, daß ein Gendarm in den Besitz eines Briefes gelangte, der ihm viel Strafwürdiges enthüllte, und dem Kreisgerichte zu Reusandec Anlaß gab, die Untersuchung wegen öffentlicher Gewaltthätigkeit gegen eine ganze Handelsgenossenschaft einzuleiten, die sich mit dem edlen Handwerk befaßte, Mädchen nach dem Oriente zu exportiren. An der Spitze deS sauberen Consortiums stehen die beiden jüdischen Händler Adolf Kleinfeld und Kalman Kornhäuser, von denen ersterer eben aus dem Oriente heimgekehrt war, um — nachdem er daselbst seine bereits zweite „Frau" zurückgelaffen hatte — eine dritte „Frau" zu entführen. Der Brief eines seiner Opfer, der wahrscheinlich diesem scheußlichen Handwerk ein Ende legen wird, lautet nach Hinweglassung der crasseften Stellen, welche nur allzu natürlich den bemitleidenswerthen Zustand deS armen Weibes schildern: (Der Brief ist auS dem jüdischen Jargon übersetzt.) „Port Said, 24. Juli 1869 (Egypten). Friede Euch, theur?r Onkel und Tante! Ich schrieb an Euch bereits 5 Briefe, ich flehte um Rettung; Ihr aber antwortetet nichts, Ihr habt kein Erbarmen, es dauert Euch weder mein junges Alter, noch mein Leben. Ihr habt Gott nicht im Herzen, weil Ihr mir nicht antwortet — und ich bin schon verloren. Ihr gebotet mir's, einen Räuber zu heirathen; er führte mich nach Constantinopel, warf mich in ein Haus des Verderbens, er prügeltmich täglich, bis ich mich Leuten von allerlei Volksstämmen ergeben mußte. Täglich kamen zu mir 20 bis 30 Männer. Als ich meinem Manne ein Kind gebar, verkaufte er es den Türken. Sodann führte er mich nach Alexandrien , wo er mich gleichfalls in ein SchaudhauS brachte. Er prügelte m'ch ... bis ich erkrankte, und auch da verschonte man mich nicht. Jetzt bin ich wieder in der Stadt Port Said, wo keine Juden, sondern nur Heiden wohnen; hier quälte man mich so lange, bis ich vollständig ruinirt wurde. In meinen 5 Briefen aus Alexandrien schrieb ich von einer gewissen Ghana Hirsch, die mein Mann früher geheiratet hatte und auch zu denselben Zwecken verwendete .. bis sie erkrankte und starb. Ich aber schwe'ge und leide, geworfen in eine Heldenstadt, ich Elende! Ich bitte und flehe Euch, helfet mir, gehet zum Rabbiner Chaim, gebet ihm Geld, gehet auch an's Grab der Eltern und betet, daß die Todten sich meiner annehmen, und meine Befreiung von der Sclaverei erwirken. Machet bekannt im Gerichte, daß ich in Port Sai^> lebe, auf daß man mich zusammen mit ihm heimschicke. Er heißtAdolpf Kleinfeld und ist schon einmal wegen derselben That beim Comitate verklagt worden. Es ist dies keine Kleinigkeit, verkauft zu sein. Mir ist bitter zu Muthe und