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Der Israelit · 1869-10-27 · Heft 43 (27.10.1869) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 43 (27.10.1869)
Date
1869-10-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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832 den, dann werde ich mitten in der Gemeinde ungenirt auch meine Stimme dagegen erheben, wenn ich auch wieder spottweise in der Provinzialpresse „der wissenschaftliche Repräsentant des orthodoxen Judentums" genannt, und von hiesigen und auswärtigen Gesinnungsgenossen nicht subventionirt werden sollte. Freilich mein Hilferuf zur Linderung fremder Roth, als der eines einzelnen redlichen Mannes ertönt vergebens, das weiß ich schon zur Genüge. Wir sind ja auch keine amtlichen Vorstände, Vereine und Cos mite's, nicht eimnal von der Sorte, wie wir sie in unseren vorigen Briefen hinlänglich geschildert haben. Man läßt unseren Nothschrei einfach unbeachtet, weil ihm kein Gemeindesiegel beigedruckt ist. Daß Leute wie -Herr Dr. L. Philippso'n, für dessen Zeitschrift wir einst — allerdings im orthodoxen Sinne — Jahrelang gratis correspondirten, es nicht der Mühe werth halten, uns zu antworten, das mag so wol bei den Reformrabbinen sein; daß aber auch fromme Männer in Israel, anerkannte jüdische Autoritäten auf wahrheitsgetreue Berichte des Einzelnen so wenig achten, das ist ebenso befremdend als schmerzlich. Ein einzelner Mann erwirkt sich oft Wunder. Unser berühmter Landtagsabgeordneter Johann Jakobh hat in der leider noch nicht ganz überwundenen ostpreußischen Nothstandszeit durch seine Vermittelung mehr für seine heimgesuchten Glaubensgenossen gethan, als unsere ganze Provinz zusammengenommen — das Schippenbeiler Ünterstützungs - Comitö mit eingerechnet. Schon unsere Weisen sagen so schön als wahr: Wo kein mitfühlender, denkender, handelnder Mensch vorhanden ist, da strebe Du ein ganzer Man zu sein, w# nVH*? ‘nntSTl DIppD- — Erlauben Die mir nunmehr, daß ich zur Illustration des oben betreffs der Königsberger politischen Zeitung Gesagten beispielsweise ein kürzlich daselbst von mir gebrachtes Localreferat in Bezug aus unseren Freund I. Rülf, den ich leider nicht persönlich kenne, wie ich es ursprünglich schrieb, vollständig hier mittheile! „Je mehr es zu bedauern ist — sagte ich — daß die von der Albertusuniversität gestellte Preisaufgabe über das Berhältnih der Schleiermacher'schen zur Kant'schen Ethik diesen Sommer hier in Königsberg ungelöst blieb, um so erfreulicher ist es für uns, auf eine uns vor Kurzem aus Memel zugekommeue vortreffliche Geiegenheitsschrift des dortigen Predigers Dr. I. Rülf Hinweisen zu können, welche unter dem Titel „Schleiermacher als Religionsvirtuos" gerade auch über jenes Verhältniß klar und präcis sich ausspricht. Während Kant sich nämlich das Wesen der Menschheit gegenüberstellt, um daraus das allgemeine Sittengesetz abzuleiten, soll Jeder nach Schleiermacher als ein besonderes Compendium des ganzen Universums dieselbe in sich ausnehmen und sie auf die eigenthümlichste Weise gestaltend zur vollen Darstellung bringen. Der Mensch soll eins sein mit Gott und eins sein mit der Tugend. Das Schriftchen verdient um so größere Beachtung, als es von demselben wackern jungen israelitischen Geistlichen herrührt, der, obgleich erst vor wenigen Jahren aus dem Süden Deutschlands nach unserm Norden versetzt, nicht geringeres Verdienst zur Zeit des ostpreußischen Nothstandes um unsere Provinz sich erworben hat, als jetzt um das verhungernde Westrußland, dessen immenses Elend zu lindern derselbe unermüdlich thätig ist." — Unlängst brannte hier eine Flachswaage mit 19,000 Cr. importirter Waare ab, bei der meist fremde polnische Juden betheiligt sind. Auf einem ihrer ärmeren Landsleute und Religionsgenoffen ruht zwar ein schwerer abscheulicher Verdacht, hoffentlich aber wird derselbe bald als völlig schuldlos aus der Haft entlassen werden können. Rumänien. Jassy, 29. September. Gestern um die achte Abendsiunve war der hiesige sogenannte „Primaria- Garten" namentlich von vielen Israeliten besucht, da dieser Abend der letzte des diesjährigen Laubhüttensestes war. Da stürzte plötzlich aus verschiedenen Alleen eine Un;ahl junger Rumänen, meist Studenten des hiesigen höheren Gymnasiums, hervor und hieb mit Stöcken, Ruthen und anderen Instrumenten, die sie zu diesem Zwecke bereit hatten, auf die eines solchen Ueberfalles nicht Gewärt gen ein. Die Schlägerei dauerte wohl eine halbe Stunde, die Bedrängten wendeten sich an die Sicherheitsorgane, deren Anwesenheit mehr eine Ironie auf die persönliche Sicherheit zu sein schien, denn das Bitten verhallte wie der Hilferuf in der Wüste. Viele israelitische junge Leute, welche stark ins Mitleid gezogen waren, eilten zum Präfekten, welcher sich sofort an Ort und Stelle begab, um die Sache zu eruiren. Als der Präfekt in dem Garten erschien, hatten sich die Unruhestifter bereits nach allen Richtungen zerstreut. Er rügte wohl die Sergeanten wegen ihrer Indolenz, doch auf unsere Behörden passen treiflich Heine's Worte: „Sie predigen öffentlich Wasser und trinken heimlich Wein." Die Mißhandelten wollen die Sache noch schriftlich vor die Justizbehörde bringen, ihrer Beschwerde ist aber kein günstiges Schicksal zu prognosticiren, wenn nicht von Außen ein moralischer Druck ausgeübt würde. Die hiesige Judenschaft sieht mit gerechtfertigtem Bangen dem „Morgen" entgegen, nachdem sie das „Heute" mit Schrecken erlebt hat. So sind die Zustände in der Moldau-Walachei geartet; möge dieser neue brutale Art endlich die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt auf die Vorgänge in Rumänien lenken! (N. F. Pr.) Rußland und Polen. Ein Petition St. Peterburger Juden um das

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