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Der Israelit · 1869-10-20 · Heft 42 (20.10.1869) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 42 (20.10.1869)
Date
1869-10-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
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810 JudentbumS als Seelsorger besessen zu haben. Aber wir verhehlen es uns auch nicht, die Zeiten haben sich geändert; die Nähe der Residenzstadt und der regere Verkehr mit derselben und mit andern Städten hat auf die wahre Religiösität einen schädlichen Einfluß geübt. Der böse Dämon des IndisferentiSmus und der religiösen Verkommenheit, der dort die Waffe ergriffen, hat auch unsere Gemeinde nicht verschont. In der Jugend, die sich dem kommerziellen Fache gewidmet, haben besonders solcke Ideen oder vielmehr Alltagsphrasen Wurzel gefaßt und sie leider hart mitgenommen. Wir können uns auch ferner leider nicht verhehlen, daß wir in unserer Gemeinde keinen Mann haben, der durch talmudisches Wissen und zugleich durch wissenschaftliche Bildung befähigt wäre, das Ruder provisorisch in die Hand zu nehmen. Diese Beruhigung haben wir zwar, daß durch unfern H. I. Dachauer nach wie vor die ntnin genügend besorgt wird, aber ist das Alles, wessen eine wohlorganistrte Gemeinde benörhigt? Die Bescheidenheit, der Mangel an praktischen Erfahrungen und wissenschaftlicher Bildung, so die echten Epitheta der meisten birw' in unserer Gegend, machen auch diesen ehrwürdigen Mann zu schwach, obgleich er unser volles Vertrauen besitzt, energisch in das Räderwerk der Gemeinde einzugreifen. Die Schule bedarf eines Leiters; wo finden wir eine genügende Kraft für diese? Kein Einziger ist so befähigt, daß wir ihm mit vollster Zuversicht das Heiligste auvertrauev könnten. Keine Schulcommission wie überhaupt fern Privatmann ist im Stande die fehlende Kraft zu ersetzen, denn um einer solchen heiligen Pflicht, ehrlich und gewissenhaft Genüge zu leisten, müssen nicht allein Fachmänner, sondern auch Leute von solchem Fache an die Spitze t eten, und hier muß nolens volens der Eine und der Andere sich sagen, daß die Berufsgeschäfte hinderlich im Wegs stehen. Also die dringendste Nothwendigker't, in Bälde einen Rabbiner hier anzustellen, liegt klar vor Augen, heon zaudern wir lange, so haben wir eine große Verantwortlictke.it auf unserem Gewissen, und jeder Tag ist für daS Gute verloren.. Die verschiedenen Ansichten Über die Wahl und die Persönlichkeit des anzusteuenden Rabbiners laufen auch nicht so weit auseinander, als daß man sich nicht bald einigen könnte. Der Vorstand und die Gemeindemitglieder, die eine gewichtige Stimme am grünen Ti'ch haben, die schon unzählige Mal ihre echt jüdische Denkweise an den Tag yel gt, und die wirklich von den großen Ideen wahrer Frömmigkeit getragen und denen es auch nicht an Energie und praktischer Klugheit gebricht, werden auch gewiß setzt durch ein kräftig S Auftreten die Gemeinde aus einer mißlichen Lage Herausreißen und ihrem Namen der Außenwelt gegenüber Ehre machen. ES ist auch jetzt unsere Pflicht, den herben Schmerz über den Abgang unseres geliebten Rabbiners zu bergessen, denn wir müsien eingestehen, daß wir" uns hierdurch in einem peinlichen Dilemma befinden. Unser Schmerz ist gerechtfertigt, und dabei dürfen wir unsere Freude über die glückliche Wahl Berlins nicht unterdrücken. Es wäre wirklich Verrath am Gesammtjudenlhume, wenn wir wollten, daß Herr vr. H. seiner göttlichen Mission, wie sie an ihn durch die Berufung nach Berlin ergangen, nickt Genüge geleistet hätte. Wir trösten unS mit dem Gedanken, daß dieser Mann, auf dm jetzt das orthodoxe Iudenthum Norddeutschlands seine Hoffnung setzt, mit Gottes H'lfe in unserer Mitte sich zu dem gebildet, der er geworden. Hätte man uns selbst um die Einwilligung zu dessen Abreise befragt, wir wären moralisch gezwungen gewesen, im Interesse des Judenthums, wenn auch mit blutendem Herzen zu sagen: Scheidm thut weh, aber ty' aan. rtaf nON 131. Aus Lemberg, 2. d. kommt uns folgender Schmerzensschrei zu. Während seit zwei ahren säimtitliche Gymnasien Galiziens polomsirt wurden, besteht dennoch Dank den Bemühungen des Ministeriums bei uns ein deutsches Gymnasium. Das höchste Sehnen des galizischen LandeSsckulratbes ist nämlich auch aus diesem Gymnasium, der einzigen Zufluchtsstätte der israelitischen Schüler, das deusche Element zu vertreiben. Diesen Wunsch theilen auch so manche Herren Professoren, insbesondere der Professor der Mathematik, ein edler Polo, der die israelitischen Schüler schon aus diesem Grunde verfolgt, weil sie Juden und keine Christen sind. Das theuerste Recht der Juden, das ihnen die Völker Europas freiwillig zugestanden, die Gleichberechtigung, tritt er mit Füßen. Er läßt keine Gelegenheit unbenützt, um nur den israelitischen Schülern Verdruß und Kränkungen zuzufügen. Er ist von der Idee besessen, der Jude kann kein Mathematiker werden, und sucht sie Jedermann zu beweisen Den ihm gemachten Do Wurf. er sei. ein Judenfresser, beantwortet er in höchst Witziger Weisem „Wie kann ich ein Judenfresser sein, wenn sie mir gar nicht appetittlich sind? Ich genieße nur Appetitliches." Dies ist die Art und Weise, wie sich ein Professor seinen Schülern gegenüber ausdrückt, während er natürlich dabei verlangt, daß der bis ins Innerste gekränkte Schüler ihm die gebührende Achtung zolle. Obwohl er seinem eigenen Ausspruche gemäß aus die Zeitung Pfeift, will ich es doch nicht unterlassen. Sie von seinem Benehmen in Kenntniß zu setzen und mein tiefes Bedauern ausd'ücken, daß es im 10. Jahrhundert einen Menschen gibt, der so untolerant wäre, wie Professor vr. R... ki in Lemberg. Holland. Amsterdam. Herr General-Abvocat B. cko Groot wurde vom General-Gouverneur für das Nie-

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