Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1869-06-23 · Heft 25 (23.6.1869) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 25 (23.6.1869)
Date
1869-06-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447395-2447420--07335-2462931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

490 Sebastopol die Spuren der Arbeiterunruhen von vergangener Woche: zertrümmert« Zeitungskioske, zerschlagene Polizeihäuser, zerschmetterte Fensterscheiben! (L>o ist es ja überall in den großen Metropolen der modernen Civilisation: neben dem großen Reichthum das tiefste Elend, neben Luxus und Verschwendung die nackte Armuth. der hohläugige Hunger! In Paris leben mehr Menschen als in den deutschen Königreichen Württemberg oder Sachsen und etwa viermal mehr Juden als in den genannten Ländern zusammen. Unfern Bericht über diese große jüdische Gemeinde wollen wir mit demjenigen Institute beginnen, in welchem der Quell des jüdischen Lebens, das Thorastndium, gepflegt wird; es ist dieses das Beth Hamidrasch. Schon der Gedanke ist wohlthund, daß in diesem großen, den irdischen Genüssen so ergebenem Paris, in welchem sich Theater an Theater, Concerthalle an Concerthalle, Weinhaus an Kaffe. Haus rc. reihen, eine Stätte existirt, in der ausschließlich das Grundprincip des JuventhumS, die Thora, gelernt nnd gelehrt wird. Einst war Paris eine jüdische Gemeinde, in welcher daS Talmudfludillm heimisch war; doch das ist schon lange her. Das war im 12. Jahrhundert, in den Zeiten der Baale Thoßapoth und speciell des Rabbi Jechiel von Paris. Nachdem Philipp August, der Schöne, im 14. Jahrhundert die Inden aus Frankreich verbannt hatte, haben fast vierhundert Jahre keine Israeliten hier gewohnt, biS sie sich allmählich unter dem fünfzehnten nnd sechzehnten Ludwig einzeln hier ansiedelten. Seit fünfzig Jahren nun ist die Gemeinde ganz ungemein angewachsen, so daß nach ungefährer Schätzung Paris gegenwärtig 40.000 jüdische Seelen zählt. Vor circa 20 Jahren nun faßten einige durch Frömmigkeit und Opserwilligkeit hervorragende Männer den Entschluß, ein Beth Hamidrasch zu gründen. Dasselbe ist gegenwärtig gut fundirt und hat ein schönes Haus alö Eigenthum erworben. An der Spitze der Verwaltung steht Herr Federmann; unter den Mitgliedern des Vereins wollen wir die auch in Deutschland rühmlichst bekannten Herren Tedesco und Joseph Vlumenthal nennen. Herr Rabbiner Moseö Weis köpf, ein Sohn des Rabb. Dav. Weiökcpf von Wallerstein, entfaltet hier seit elf Jahren eine segensreiche Wirksamkeit. Das Beth Hamidrasch besitzt eine sehr schöne Synagoge, eine gediegene Bibliothek und geräumige Schullocalitäten. Die Schule des Beth Hamidrasch hat zwei Classen; in der zweiten unterr'chtet Herr Rabbiner Rosenthal, Mitredacteur der „ Arcliives Israelites in der hebräischen Sprache, Gebetübcrs yung, Pentateuch re.; in der ersten imtmicttet Herr Rabbiner Wüskeps im Talmud und den mit diesem verwandten DiScchlinen. Der Vormittag ist vollständig dem jilvischm Wissen geweiht, während am Nachmittage die profanwissenschaftlichen Gegenstände von mehreren Lehrern gelehrt werden. Die Talmudclaffe hat zwei Abtheilungen, von denen die eine gegenwärtig Baba Mezia und die andere Berachoth lernt. Wir wohnten eine Zeitlang dem Unterrichte bei und freuten uns zu sehen, mit welcher Präcision und Geläufigkeit — die Unterrichtssprache ist natürlich französisch — die Kinder die an sie gerichteten Fragen beantworteten. An jedem Abend hält Herr Rabbiner WeiSkopf einen zweistündigen, talmudischen Vortrag; wir besuchten denselben schon gestern, am ersten Tage unseres hiesigen Aufenthalts. Die Zuhörer, unter denen wir mit Vergnügen auch mehrere junge, elegant gekleidete Pariser bemerkten, lernten mit Lust und Eifer, und es fehlte auch an Pilpul nicht. Bis hierher haben wir in Paris nur Erfreuliches kennen gelernt; wir wollen wünschen, baß wir noch recht viel GuteS zu berichten im Stande sein werden. Herr Rabbiner Weiskopf hat eine Schlacktstätte (bouobsris) eingerichtet, die seiner speciellen Aufsicht untersteht und von welcher namentlich der hier leider so sehr grassirende row streng ferngehalten wird. Gestern und heute hatten wir auch die Freude, unfern alten Freund, den für die Armen des heiligen Landes so außerordentlich thätigen Herrn Joseph Blumenthal zu sehen und zu sprechen. Unsere geehrten Leser wissen bereits, daß Herr Bl. eine große Anzahl von Waisenkindern in Jerusalem erziehen und unterrichten läßt. An der Spitze jener Anstalt steht Rabbi Jizchak Prager in Jerusalem. Schon hat dieselbe ein Haus als Eigenthum acquiriren können, das erst unlängst eingeweiht wurde. Herr Bl. ist gerade von einer Reise nach Südfrankreich zurückgekehrt, wo er — namentlich in Bayonne durch die Unterstützung des dortigen Oberrabbinen M arx — für die genannte Anstalt erfolgreich wirkte. Kaum wieder nach Paris gekommen, hat er von Frau Fourtado, der Schwiegermutter des sel. Carl Heine aus Hamburg, 1000 Fr. erhalten. Und nun für beute ä. visu, lieber Leser; ich werde Dir bald ausführlicher über die hiesige israel. Gemeinde und deren Institutionen zu berichten haben. Zeitungsnachrichten und Correfpon» denzen. Deutschland. Dürkheim, den 11. Juni. Bei der großen Calamuät, in der sich unsere theueren Glaubensbruder in Westrnßland seit anderthalb Jahren bereits befinden, dürste es wohl angemessen sein, eine Notiz der „Augöb. Allg. Ztg." vom 28. Mai d. I. hier wie-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.