Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1869)
- Date
- 1869-06-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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477 Simon nahm den Edelstein, kehrte zur Stadt zurück und ließ sich von einem Wechsler einen Gulden darauf geben und kaufte das Nöthige für den Sabbath und brachte es seiner Frau. „Woher hast Du dieses Alles?" frug ihn erstaunt die Frau. — „Von dem, was Gott gespendet," antwortete Simon. — „Wenn Du mir nicht sagst, woher?" begann die Frau wieder, „genieße ich nicht das Mindeste davon." — Simon erzählte, wie er vor der Stadt so innig zu Gott gebetet, und der Himmel ihm hierauf einen Edelstein zugesendet. — „So werde ich," sagte die Frau jetzt, „nicht das Geringste genießen, bis Du mir versprochen, den Edelstein gleich nach AuSgang des SabbathS durch Versatz eines Kleidungsstückes einzulösen und zurückzugeben." „Und warum?" frug Simon. — „Willst Du," erwiederte die Frau, „daß einst im künftigen Leben durch den Abbruch dessen, wa- Du hier schon genossen, Dein Tisch mangelhaft und der Deiner Freunde voll besetzt sein soll?" — Simon ging und erzählte die Sache feinem Lehrer und Meister, der, obschon jünger als er, dennoch seiner Weisheit und Frömmigkeit wegen den Beinamen „ber Heilige" schon erhalten. „Gehe," sagte der Meister zu ihm, „und sage Deiner ^-rau, daß ich, wenn Dein Tisch einst mangelhaft sein sollte, denselben von dem meinigen ergänzen werde." — Simon berichtete dieses seiner Frau. „Komm," sagte die Frau, „und führe mich zu dem Manne, der Dich unterweiset." — „Meister," begann die Frau daselbst, „bist Du denn so sicher, daß der Freund den Freund in der Welt, die da kommen wird, wiedersteht? — Vielleicht erhält jeder Fromme seine eigne Welt für stch, wie es ja im Prediger heißt3): „Der Mensch gehet hin zu seiner Welt, indeß die Klageleute in den Straßen umhergehen." — „Zieht ja doch auch in dieser Welt ein König mit seinem Gefolge zu demselben Thore in die Stadt ein; aber seine Herberge wird jedem besonders angewiesen, jedem nach seiner Würde." Da ging Simon, damit ihm einst sein Lohn nicht verkürzt werde und er sich so ganz ,,freuen könnte auf den letzten Tag 4)" — und holte, als e» Nacht geworden, den Edelstein, und ging damit wieder zur Stadt hinaus und streckte die Hand in die Höhe und bat, daß man das Geschenk zurücknehme, und ein Predig. 12, 5. 4) Spr. Sal. 31. 28. Engel vom Himmel nahm ihm den Edelstein wiederab. — „Wahrlich," sagten da die Weisen, als ste dieses vernahmen, „das letzte Wunder ist noch größer, als das erste; denn im Himmel pflegt man zu geben, nicht aber zu nehmen." — Ein andermal war Simon zu einem Festmahle geladen, das ein Vater seines ersten neugebornen SöhnleinS wegen feierte. Simon nahm die Einladung an, obschon der Mann in einem andern Orte wohnte, ging auf den bestimmten Tag dahin und nahm Theil an dem Freudenmahle. Der Vater gab einen siebenjährigen Wein zum besten, indem er dabei äußerte: „Von diesem bereits alten Weine hebe ich noch ein Fäßlein auf für die ferner» Freudentage meines Söhnleins." — Das Mahl währte bis tief in die Nacht hinein. Dennoch machte sich Simon, obfchow es bereits Mitternacht war, noch auf den Weg, um nach seiner Stadt zurückzukehren, sich auf seine Kraft verlassend; denn er war ein starker Mann. Unmittelbar vor dem Orte traf er Jemand, der bei seinem Herankommen laut austachte. „Wer bist Du?" redete Simon ihn an. — „Der Bote des Heiligen, gelobt sei Er!" war die Antwort, „den Ihr den Todesengel nennt." — „Und warum hast Du gelacht?" frug Simon unerschrocken. — „Ich lachte," antwortete der Engel, „über die eitlen Reden jener Leute, die da sprechen: „So und so werden wir künftig thun," und doch nicht wissen, wann sie abberufen werden. Jener Mann, der gesagt hat: „Von diesem Weine hebe ich noch auf für die ferner» Freudentage meines SöhnleinS," er hat keine Ahnung davon, daß schon nach dreißig Tagen seine Zeit und Stunde gekommen ist." „Und kannst Du mir meine Zeit und Stunde sagen?" frug Simon. — „Ich habe," antwortete der Todesengel, „nur über solche Macht und Gewalt, die an dem Diesseits hängen und an dasselbe sich anklammern; nicht aber über Dich und Deinesgleichen, die über dem Diesseits das Jenseits nicht vergessen, und an deren Thun und Leben der Herr Wohlgefallen hat. Das Ende ihres Lebens hat der Herr sich selbst Vorbehalten, und Er fügt ihren Tagen neue zu, wenn Er es für gut findet, so wie es heißt5): „Die Furcht des Herrn mehret die Tage, und werth gehalten ist in den Äugen deS Herrn der Tod feiner Frommen." r) Spr. Sal. 10, 27 und Ps. 116, 18. ANZEIGEN. (\tt hiesiger Synagogen-Gemcinbe ist die Stelle des x) Schächters und zweiten Cantors mit 300 Thlr. jährlichem Gehalt, excl. Nebeneinkommen und freier Wohnung, vacant, und soll zum 1. August c. wieder besetzt werden. Bewerbungen sind unter Beifügung der Zeugnisse und unter Angabe der Familienverhält» Nisse baldigst einzureichen. Reisekosten werden nickt vergütet. Brieg, den 4. Juni 1869. Der Torstand der Synagogengemeinde«